Braucht der Mensch eine Identität?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Selbstwahrnehmung.

Linke Identitätspolitik führt zu einer inflationären Multiplikation der Identitäten: Christopher Street Day in Berlin am 27. Juli 2019. Foto: Omer Messinger (Keystone)

Linke Identitätspolitik führt zu einer inflationären Multiplikation der Identitäten: Christopher Street Day in Berlin am 27. Juli 2019. Foto: Omer Messinger (Keystone)

Peter Schneider@PSPresseschau

Braucht der Mensch wirklich eine Identität? Oder wäre der Ungebundene seiner Art nicht ein wesentlich bunteres Etwas?
A. R.

Lieber Herr R.

Mein Reden immer wieder: Identität wird schwer überschätzt. Wenn Identität wie im Fall der Demenz zerfällt, dann reagiert man mit Angst, Panik oder Aggression. Weil man durch das Versagen der Erinnerung nämlich gleichsam aus der Welt fällt und nicht begreift, wo man überhaupt ist.

Dabei geht es aber um eine sehr elementare Form der Identität, die sich vor allen dadurch auszeichnet, dass man sich selbst noch «hat», indem man die ursprünglich vertrauten Personen und die Orte wiedererkennt. Es hat nichts damit zu tun, dass man eine nationale Identität, eine ethnische Identität, eine sexuelle Identität oder – ja, so einen Quark gibt es auch – als Psychoanalytiker eine psychoanalytische Identität braucht.

Die «Identitätspolitik» der Linksliberalen, so behauptet etwa der amerikanische Politologe Mark Lilla, habe Trump an die Macht gebracht. Während sich die Linke mit den Sorgen farbiger alleinerziehender Transmenschen herumgeschlagen habe, habe die Rechte sich für die Wiederherstellung der Ehre und des Selbstbewusstseins der von der Elite verachteten globalen «Somewheres» starkgemacht.

Der linken Identitätspolitik wird von rechts (extrem bei den «Identitären») eine Identität entgegengesetzt, in der diese als ­etwas aufgefasst wird, das eigentlich vorpolitisch ist: eine natürliche Verwurzelung des Menschen, die jedoch durch Multikulti und Überfremdung politisch infrage gestellt wird.

Der innere Widerspruch linker Identitätspolitik besteht darin, dass die behauptete Heterogenität, Konstruiertheit und ­Performanz von Identitäten nicht zu einem Verzicht auf den emphatischen Gebrauch des ­Begriffs der Identität führt, sondern zu einer inflationären Multiplikation der Identitäten. ­Die ­berühmte LGBTQI-Formel ­(lesbian, gay, bisexual, trans, queer, intersexuell) ist damit um beliebig viele Buchstaben erweiterbar.

Linke und rechte Politik der Identität kreuzen sich in der ­Forderung nach einem «Recht auf Differenz», das freilich grundlegend anders verstanden wird.

Ich sehne mich nach der Zeit zurück, als man die Anliegen der heutigen Identitätspolitik nicht gegen die Reaktionären verteidigen musste, sondern Identitätspolitik selbst als ein reaktionäres Projekt kritisieren konnte: als zukunftsfeindlichen Versuch, den Menschen auf seine Herkunft und seine vermeintliche Natur festzunageln.

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