Das Glück der späten Jahre

Glücklich sein möchten alle, doch im Alter gelingt es offensichtlich besser. Damit aus flüchtigen Glücksmomenten Lebenszufriedenheit wird, braucht es Lebenserfahrung und den Mut, sich dem Glück zu öffnen.

Lebensfreude kennt kein Verfallsdatum: Eine Rentnerin schwingt zur Statue des britischen Komödianten Eric Morecambe († 1984) das Tanzbein.

Lebensfreude kennt kein Verfallsdatum: Eine Rentnerin schwingt zur Statue des britischen Komödianten Eric Morecambe († 1984) das Tanzbein. Bild: Gettyimages

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Stellvertretend für viele zeigt Lisbeth Mathys-Sieber, wie man gute Lebenskarten für das Glück einsetzen kann. Nach dem Tod ihres Mannes machte sie die Erfahrung, dass ältere Singlefrauen in Hotels oft wenig Gastfreundlichkeit erfahren. Darauf krempelte sie mit 69 ihr Leben völlig um: Ohne vorherige Erfahrung in der Hotellerie machte sie aus dem leer stehenden Hotel Eden in Spiez einen gastlichen Ort, der vor allem auch Alleinreisende willkommen heisst.

Eine Herzensangelegenheit wurde für die Seniorin dann 2012 die Gründung der Akademie der Generationen Berner Oberland, die Begegnungen anbietet. Heute, mit fast 80 Jahren, betont Lisbeth Mathys: «Ich hatte eine Vision, und sie macht mich noch immer täglich glücklich; natürlich ging ich damit ein Risiko ein, doch das hat mein Leben unglaublich belebt und bereichert.»

Alter macht zufrieden

«Findet mich das Glück?» heisst der Titel eines kleinen schwarzen Büchleins, in dem die beiden Künstler Peter Fischli und David Weiss 372 Fragen stellen, wo und wie das Glück uns finden könnte und warum es uns so oft verpasst. Wie glücklich sind die Menschen in der Schweiz? Der Sozialbericht 2016 hält dazu fest: «Dabei sein ist alles!» Arbeit, Bildung und soziale Zugehörigkeit sind die wichtigsten Glückspfeiler. Nach Alter gemessen, weisen Menschen über 65 die höchsten Werte bei der Zufriedenheit mit dem Leben aus, und diese bleiben auch nach 75 hoch.

Die Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello, Mitverfasserin des Sozialberichts, sagt dazu: «Eigentlich ist es ein Paradox: sie verlieren ihre Liebsten, sind nicht mehr fit und haben weniger Status in der Gesellschaft – und dennoch ist ihr Wohlbefinden besser als jenes von Menschen im mittleren Alter.» Ihre Erklärungen dafür: Ältere Menschen haben gelernt, mit Verlust umzugehen, Lebenserfahrung macht gelassener. «Menschen, die ein mittleres Mass an lebenskritischen Ereignissen hinter sich haben, sind am besten gerüstet für ein gutes Wohlbefinden im Alter.»

Wo sind sie, die Glücklichen?

Laotse, der legendäre chinesische Philosoph, wusste schon 600 Jahre vor unserer Zeit: «Genug zu haben ist Glück; mehr als genug zu haben ist Unglück.» Das gilt für alle Dinge, aber offenbar, glaubt man den Ökonomen, besonders in Bezug auf Geld.

Doch was ist zu viel? Der Ökonom Bruno S. Frey wies nach, dass Geld bis zu einem Einkommen pro Haushalt von 8000 bis 10 000 Franken glücklicher macht, bei noch mehr Einkommen sinkt dann aber die Zufriedenheit. Beeinflusst wird sie auch durch das Glück der andern: Stieg die Arbeitslosigkeit, wurden auch die Nichtbetroffenen unzufriedener.

Der World Happiness Report misst das nationale Glück auf der ganzen Welt. Die Schweiz ist mit 7,5 von 10 möglichen Punkten das zweitglücklichste Land. Schaut man um sich, fragt man sich allerdings manchmal, wo alle diese Glücklichen sind. Obwohl unser Bruttosozialprodukt in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat, ging die Lebenszufriedenheit leicht zurück.

Der Ökonom Mathias Binswanger prägte den Begriff der «Tretmühlen des Glücks», in der sich reiche Länder heute in zunehmendem Masse befinden. Damit meint er Verhaltensweisen, mit denen wir unser Glück selber beschneiden: die Statustretmühle, in der man sich dauernd mit anderen vergleicht, die Anspruchstretmühle, nie genug zu haben, die Multioptionstretmühle, die uns mit dem ­Überfluss immer mehr Entscheidungen abverlangt. Nach Sozialbericht fand nur ein Drittel der Befragten voll und ganz, dass ihr Leben wertvoll und nützlich ist.

Im Alter eine neue Aufgabe gefunden: Hotelière Lisbeth Mathys-Sieber. Bild: zvg

Glück hat viele Gesichter

Wir verstehen Glück als ein Recht auf privates Wohlergehen. Den Grundstein zu dieser Sicht legte die US-Verfassung, in der «Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu den unveräusserlichen Rechten» gehören. Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid sagt zu dieser Sicht, dass aus dem Glücksstreben eine Pflicht zum Glücklichsein geworden sei. «Doch wer immer nur glücklich sein will und Glücksflauten nicht zulässt, verliert die Orientierung im Leben.» Er gab ein Büchlein heraus mit dem Titel «Glück. Alles, was wir darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist» (siehe Kasten).

Wichtiger als Glück sei, einen Sinn im Leben zu finden, das Leben in all seinen Facetten leben zu können. Dazu gehöre auch Melancholie über die Endlichkeit allen Tuns. «Ältere Menschen sind dabei im Vorteil, weil sie aus dem Rückblick Zusammenhänge erkennen können», so Schmid. Ursprünglich bedeutete Glück «Schicksalsmacht». Der Duden definiert «glücklich sein» so: 1. Von Glück begünstigt, erfolgreich; 2. Von froher Zufriedenheit, Freude, Glück erfüllt. Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Menschen damit, wie man das eigene Glück mehren kann.

Für den Philosophen Aristoteles galt, dass dafür Tugenden wie Gelassenheit, Humor, Grosszügigkeit, Mitgefühl nötig sind. Diese Sicht übernahm die Wissenschaft der Positiven Psychologie, die davon ausgeht, dass Charakterstärken jenen Teil des guten Lebens wesentlich mitbestimmen, den wir selbst bestimmen können. Willibald Ruch von der Uni Zürich erklärt: «Stärken wie Hoffnung, Tatendrang, Bindungsfähigkeit, Neugier und Dankbarkeit machen zufriedener.»

Damit man das Glück nicht übersieht, gibt es Sammelstellen wie die «Solothurner Meldestelle für Glücksmomente». Die lohnen sich! Vor allem bei Kindern und alten Leuten sind es oft Momente, die so selbstverständlich geworden sind, dass man sie nicht mehr als Glück erkennt. Jemand schrieb in die Sammlung: «Dass es Menschen gibt, die uns daran erinnern, dass es Glücksmomente gibt.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.06.2017, 13:11 Uhr

Zum Glück

Zum Thema Glück gibt es zahlreiche aktuelle Bücher und Publikationen:

Findet mich das Glück?, Peter Fischli, David Weiss. Verlag der Buchhandlung Walther König.

Glück, Wilhelm Schmid. Insel- Verlag, 2016.

Stärken-Training der Positiven Psychologie: www.staerkentraining.ch

Sozialbericht 2016: Wohlbefinden, Seismo-Verlag Zürich, 2016.

Solothurner Meldestelle für Glücksmomente: www.gluecks­momente-so.chrt

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