Das Rätsel der sichtbaren Mini-Socken

Wieso bloss werden Füsslinge hierzulande so getragen, dass sie prominent aus dem Schuh rausgucken?

Bettina Weber@sonntagszeitung

Sie heissen Füsslinge. Das ist kein schöner Name, und das ist unfair, denn es handelt sich um eine grandiose Erfindung bei diesen Socken ohne Schaft, die an der Ferse mit einer Silikonkante versehen sind, auf dass sie trotz ihrer Winzigkeit an Ort und Stelle bleiben. Und just darum geht es: dass sie komplett im Schuh drin verschwinden, damit der Eindruck entsteht, man stecke barfuss in selbigem.

Das ist das Wesen des Füsslings: Er soll textilen Komfort liefern, ohne optisch beeinträchtigend zu wirken. Mehr Win-win geht nicht. Mehr Eleganz auch nicht. Er soll einem mediterranes Flair verleihen, Charme gar und eine gewisse, nun ja, Leichtfüssigkeit. Der Italiener jedenfalls trug schon Füsslinge, als der Mann hierzulande immer noch mit stupender Sturheit auf der Besockung seines Fusses selbst bei hochsommerlichen Temperaturen und in Kombination mit Sandale und kurzer Hose beharrte. Diese Haltung verhalf ihm nicht zu Ruhm und Ehre, man muss es leider sagen.

Nun hat die Mini-Socke die Schweiz erobert. Was indes nicht zu einer Entspannung der optischen Situation untenrum geführt hätte. Der Wille mag da sein, aber ach, das Konzept wird nicht verstanden, das Genialische verkannt. Der Füssling hierzulande ragt prominent aus Halbschuhen hervor. Bei Ballerinas erstreckt er sich augenfällig bis zur Mitte des Rists, verstörend oft in Kalbfleisch-Beige. Er umrandet zentimeterbreit ganze Knöchel bei Turnschuhen, am liebsten dann, wenn diese weiss sind und er schwarz. Oder umgekehrt. Er reckt sich aus Mokassins und Loafers und Pumps, er ist überall – unübersehbar statt unsichtbar, omnipräsent statt diskret, dabei gibt es ihn doch längst in allen möglichen Schnitten für alle möglichen Modelle und Gelegenheiten, raffiniert, wie er ist.

Aus Schuhen rausguckende Füsslinge sind traurig. Wie ein verrutschtes Toupet.



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