Die Urangst jeder Frau

Die Meldungen über Gruppenvergewaltigungen schüren Angst. Man sollte sie nicht kleinreden.

Die Vorstellung, nachts überfallen und vergewaltigt zu werden, ist die schlimmste Vorstellung überhaupt: Dunkle Gestalten, dunkle Strasse. Foto: Getty

Die Vorstellung, nachts überfallen und vergewaltigt zu werden, ist die schlimmste Vorstellung überhaupt: Dunkle Gestalten, dunkle Strasse. Foto: Getty

Michèle Binswanger@mbinswanger

Es ist eine dieser Meldungen, die einen tagelang beschäftigen: Sechs Männer sollen in München eine 15-jährige Schülerin missbraucht haben. Sie kamen als Flüchtlinge aus Afghanistan. Zuvor in Freiburg im Breisgau: Dort sitzen acht Männer in Untersuchungshaft, nachdem sie eine 18-Jährige stundenlang in einem Gebüsch vor einer Disco vergewaltigt haben sollen. Sie kamen als Flüchtlinge aus Syrien, gegen den mutmasslichen Haupttäter bestand bereits ein Haftbefehl. In Bielefeld gelang es zwei Mädchen durch beherztes Eingreifen, eine versuchte Vergewaltigung zu verhindern: Der mutmassliche Täter war ein 25-jähriger Marokkaner. Ein Eritreer wurde in Freiburg festgenommen, weil er zwischen Mai und August drei Frauen «in sexueller Absicht angegangen» haben soll. Und in Rom hatten eine Gruppe von afrikanischen Flüchtlingen eine 16-Jährige unter Drogen gesetzt und so lange vergewaltigt, bis sie starb. Das alles geschah allein im Oktober.

Dies niederzuschreiben schmerzt. Wegen der Opfer dieser abscheulichen Verbrechen, die ihr ganzes Leben durch diese Taten geprägt sein werden. Es macht auch wütend. Zwar werden nach wie vor die meisten Vergewaltigungen nicht von Fremden begangen, sondern von vertrauten Personen. Aber die Vorstellung, nachts überfallen und vergewaltigt zu werden, gehört zu den Urängsten jeder Frau; es ist die schlimmste Vorstellung überhaupt. Es schmerzt auch, weil man über solche Taten gar nicht sprechen kann, ohne Vorurteile gegen alle Flüchtlinge zu schüren. Die Fremdenfeinde werden sie sich zunutze machen. Und die Gegner der Fremdenfeinde werden es verharmlosen, indem sie betonen, wie oft sexuelle Übergriffe durch Inländer geschehen.

Um aufgewühlte Gefühle, um straffällige Asylbewerber zu kontern, wird gern mit Statistiken hantiert. Sie sollen entweder beweisen, dass wir einer verzerrten Wahrnehmung unterliegen, wenn wir in diesen Fällen ein Problem von neuer Qualität und Dringlichkeit erkennen. Dann wird gern angeprangert, dass Populisten solche Fälle instrumentalisierten. Dass es auch am Oktoberfest zu Vergewaltigungen gekommen sei. Das ist wahr, und es ist übel. Aber es ist auch zynisch, die abscheulichen Gruppenvergewaltigungen auf diese Weise kleinzureden. Solche Verbrechen gegen Frauen sind Hate Crimes, genauso wie rassistisch oder antisemitisch motivierte Verbrechen. Und sie gehen alle etwas an. Wer einfach negiert, wie sehr es die Menschen aufwühlt, wenn es mitten unter ihnen geschieht, spielt den Rechtsextremen erst recht in die Hände. Wer sich damit begnügt, den Leuten zu erklären, dass ihre Gefühle falsch sind, manövriert sich in die politische Bedeutungslosigkeit.

Nicht wenige der Mörder und Vergewaltiger, die verhaftet wurden, hätten gar nicht in Europa sein dürfen.

Sind es Einzelfälle? Wie immer spielt der gewählte Ausschnitt der Statistik die wichtige Rolle. So nimmt beispielsweise in Deutschland die Gewaltkriminalität zwar langfristig ab, die angezeigten Sexualdelikte nehmen hingegen zu. Das hat in Deutschland vor allem mit Gesetzesänderungen und neuem Anzeigeverhalten zu tun. Tatsache ist aber auch, dass der Anteil von Flüchtlingen bei Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung überproportional hoch ist. Der Anteil nichtdeutscher Staatsangehöriger beträgt in dieser Statistik rund ein Drittel. Letztes Jahr wurden in Deutschland laut der Statistik 14 Frauen Opfer solcher Massenvergewaltigungen. Dabei machte der Anteil nichtdeutscher Täter gar 41,9 Prozent aus.

Dafür gibt es einleuchtende Erklärungen: Die Flüchtlinge leben in sozial prekären Situationen. Sie leben hier isoliert, die soziale Kontrolle fällt weg. Sie stammen aus patriarchalen Kulturen, sie importieren ihr fatales Frauenbild nach Europa. Sie sind es sich gewohnt, dass Sexualdelikte nicht verfolgt werden, weil die Opfer sich nicht wehren können. Und vor allem flüchten vornehmlich junge Männer nach Europa, ein Bevölkerungssegment, das in der Gewaltstatistik ohnehin übervertreten ist.

Die Erklärung wird oft als Entschuldigung missverstanden, aber sie ist es nicht. Im Gegenteil. Es sollte ein Weckruf sein. Nicht wenige der Mörder und Vergewaltiger, die in den letzten Wochen und Monaten verhaftet wurden, waren schon zuvor auffällig geworden – manche hätten gar nicht in Europa sein dürfen, hätten in Haft genommen oder bereits abgeschoben werden sollen. Doch die Verfahren dauern lange, besonders wenn alle juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Zu lange. Es sind Missstände, die nicht länger hingenommen werden sollten.

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