Zum Hauptinhalt springen

Dürfen Kinder Tote anschauen?

In unserer (katholischen) Gemeinde liegt der Pausenplatz direkt neben Friedhof und Kirche. Kürzlich kam unsere Tochter heim und erzählte, dass sie mit anderen Kindern in die Totenkapelle gegangen sei und einen aufgebahrten Leichnam angeschaut habe. Das hatte ich als Kind auch einmal gemacht – und konnte nachher jahrelang nicht mehr einschlafen, ohne das tote Gesicht vor mir zu sehen. Deshalb war ich hinund hergerissen, ob ich es begrüssen sollte, wenn der Tod nicht «verdrängt» wird, oder ob ich meiner Tochter nicht besser sagen sollte, dass man fremde tote Körper nicht einfach so anschauen geht. L. M.

Liebe Frau M.

Es dürfte kaum eine Kultur geben, in welcher ein Leichnam nicht das Objekt von Tabus wäre. Sie haben also recht: Man geht Tote nicht «einfach so» anschauen. Doch ich vermute, Ihre Tochter weiss das auch. Aber so wenig die Kinder «einfach so» in die Kapelle gegangen sind, werden sie es deshalb getan haben, weil sie noch ein «ganz natürliches» Verhältnis zum Tod haben und ihn daher nicht verdrängen. Sondern, weil im inneren Kampf zwischen heiliger Scheu und Grusel auf der einen und Neugier und Faszination auf der anderen Seite die Faszination gesiegt hat. Ob Ihrer Tochter der Anblick der aufgebahrten Leiche Albträume verursacht oder ob sie ihren Tabubruch ohne Schlafstörungen verdaut, kann man nicht vorhersagen. Wenn sie mit Ihnen über das Erlebnis sprechen will, dann hören Sie ihr zu und erzählen ihr (wenn Sie wollen), wie es Ihnen als Kind ergangen ist; wenn Ihre Tochter nicht mehr darauf zurückkommt, dann besteht kein Anlass, dass Sie es Ihrerseits tun.

Um diesen Artikel vollständig lesen zu können, benötigen Sie ein Abo.