Facebook will helfen, Suizide zu verhindern

Facebook hat in den USA eine Anwendung eingeführt, mit der selbstmordgefährdete Nutzer identifiziert werden können. Diesen soll dann umgehend Hilfe angeboten werden. Fragen wirft der Umgang mit dem Datenschutz auf.

Facebook versucht sich in Präventionsarbeit. Während der Social-Media-Gigant in den USA einen Suizid-Warnbutton aufschaltet, existiert in der Schweiz eine Zusammarbeit mit 143.ch.

Facebook versucht sich in Präventionsarbeit. Während der Social-Media-Gigant in den USA einen Suizid-Warnbutton aufschaltet, existiert in der Schweiz eine Zusammarbeit mit 143.ch.

(Bild: Beat Mathys)

«Ich bin in San Francisco geboren und habe in Brooklyn mein Leben beendet», schrieb das 30 Jahre alte und von Heroin abhängige Model Paul Zolezzi auf seine Facebook-Seite.

Am nächsten Tag wurde Zolezzi auf einem Spielplatz in der Nähe seiner Wohnung in Brooklyn tot aufgefunden. Er hatte sich erhängt. Das war 2009. Nun will Facebook solche Tragödien verhindern helfen.

Diese Woche stellte Facebook eine Applikation zur Suizidprävention vor. Der Internetgigant hat mit verschiedenen Gesundheitsorganisationen ein Werkzeug entwickelt, das dabei helfen soll, selbstmordgefährdete Nutzer zu erkennen und ihnen rasch Hilfe zur Verfügung zu stellen.

Allerdings ist Facebook nicht das erste soziale Medium, das eine solche Hilfe anbietet. Auch Reddit und Tumblr bieten Unterstützung an. Menschen mit Selbstmordgedanken nutzen soziale Netzwerke häufig für einen letzten Hilferuf.

«Gefährdete Personen fühlen sich meistens isoliert und einsam», sagt Jennifer Stuber, die Direktorin von Forefront, einer Organisation für die Entwicklung neuer Methoden in der Selbstmordprävention. Die Tatsache, dass solche Personen die elektronischen Foren als Möglichkeit erkennen, um sich Hilfe zu suchen, so Stuber, sei eine Gelegenheit, die unbedingt genutzt werden müsse.

Zu viele persönliche Daten?

Die Frage, wie man diese Gelegenheit am sinnvollsten nutzt, ist allerdings nicht so leicht zu beantworten. Der Umgang mit Selbstmordgefährdeten erfordert ein hohes Mass an Fachkenntnis und Fingerspitzengefühl.

Wie diese beiden Dinge beim anonymen Kontakt im Internet zur Anwendung kommen können, ist bislang noch alles andere als geklärt. «Die meisten Menschen meinen es gut, machen aber alles falsch, was man falsch machen kann», erklärt eine Sozialarbeiterin, die an einem entsprechenden Forum bei Reddit mitgearbeitet hat. Reddit hat das Problem damit gelöst, dass die Foren von Experten moderiert werden.

Die Facebook-Applikation erlaubt wesentlich stärkere Eingriffe. Nutzer, die eine bedenkliche Mitteilung sehen, können sich direkt an den Gefährdeten wenden, andere «Freunde» einschalten oder sich an eine Hotline wenden. Ein Expertenteam von Facebook entscheidet dann, ob und welche Art von Intervention gegebenenfalls angemessen ist.

Diese Praxis weckt natürlich bei Facebooks wenig vertrauenswürdigem Umgang mit persönlichen Daten Skepsis. So gibt Facebook selbst zu, dass es durchaus passieren könne, dass einmal ein Nutzer fälschlicherweise als selbstmordgefährdet gemeldet werde.

Zusammen mit Dargebotener Hand

Experten glauben, dass in diesem Fall die Vorbehalte gegenüber Facebook unangebracht sind. «Facebook hat eine Verpflichtung, hier etwas zu tun», sagt Pamela Rutledge, Direktorin eines Forschungszentrums für Medienpsychologie in Kalifornien. «Es ist wie in der Schule. Wenn ein Lehrer das Gefühl hat, dass ein Schüler missbraucht wird, dann muss er das melden. Es geht hier schliesslich um Leben und Tod.»

Lis Horowitz stimmt zu. «Die Facebook-App ist ein gutes Werkzeug», sagt die Forscherin am nationalen Institut für geistige Gesundheit. «Aber den direkten menschlichen Kontakt kann sie nicht ersetzen.» Wann der neue Facebook-Service in Europa zur Verfügung steht, ist derzeit noch nicht klar. In der Schweiz erhalten Nutzer, die suizidal klingende Posts anbringen, von Facebook eine E-Mail mit der Empfehlung, sich an die Dargebotene Hand (Telefon 143) zu wenden.

Berner Zeitung

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