Zum Hauptinhalt springen

Franziskus spielt mit dem Feuer der Reform

Die katholische Kirche will sich reformieren, der Druck der kirchlichen Basis wächst. Doch leider wird es wohl bei der Kosmetik schöner Worte bleiben.

Seine Kirche brennt, der 83-jährige Papst ist gefordert wie noch nie. Foto: Reuters
Seine Kirche brennt, der 83-jährige Papst ist gefordert wie noch nie. Foto: Reuters

Der brennende Amazonas-Regenwald ist Realität und Metapher zugleich. Denn auch die Kirche brennt: Das Amazonas-Gebiet leidet unter akutem Priestermangel, und in unseren Breiten hat der Missbrauchsskandal die Glaubwürdigkeit der Kirche ruiniert. Wie der Brand mit einer ganzheitlichen Ökologie zu löschen ist, darüber beraten ab Montag in Rom 185 Kirchenobere mit dem Papst. Die Amazonas-Synode will zudem die Möglichkeit verheirateter Priester und ein «offizielles Amt für die Frau» prüfen.

Die deutsche Kirche will mit einem «synodalen Weg» die systemischen Ursachen des Missbrauchs anpacken: die heissen Eisen wie Macht, Sexualmoral, priesterliche Lebensform und Stellung der Frau. Etwas vorsichtiger hat gerade der Basler Bischof Felix Gmür zu den gleichen Themen einen «gemeinsamen Erneuerungsprozess» für die Schweizer Kirche angekündigt. Er soll verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.

Die deutsche Kirche hat bei der Reformdebatte die Schrittmacherrolle übernommen und bestimmt die Agenda. Bereits redet die Opposition den «deutschen Sonderweg» herbei, ja ein neues Schisma. Der Konflikt droht zu eskalieren, bevor die Reformprozesse angelaufen sind.

Keine echte Erneuerung

Alles hängt von Papst Franziskus ab: Will er wirklich Erneuerung oder nur Kosmetik? Zuerst hatte er in einem Brief die deutsche Kirche zu einer freimütigen Antwort auf die Krise aufgerufen. Zugleich warnte er sie, die Erneuerung dürfe keine Anpassung an den Zeitgeist sein, müsse im Einklang mit der Weltkirche stehen. Wochen später dann wies Kurienkardinal Marc Ouellet die deutsche Teilkirche scharf zurecht: Sie könne nicht demokratisch über universalkirchliche, dem römischen Lehramt vorbehaltene Themen wie die Position der Frau entscheiden, schon gar nicht zusammen mit Laien.

«Päpstlicher Hinterhalt», kommentierte treffend die «Frankfurter Allgemeine Zeitung»: Zuerst fordere Franziskus die Bischöfe zu mehr Freimut auf, ihre eigene Lehrautorität zu nutzen. Kaum aber nähmen sie ihn beim Wort, erkläre er sie für inkompetent und unzurechnungsfähig. Bereits ist der oberste deutsche Bischof, Kardinal Reinhard Marx, zurückgerudert: Man werde nichts übers Knie brechen, etwa in Sachen Frauenweihe. Wobei er auf Papst Johannes Paul II. verwies, der 1994 die Debatte über die Frauenordination ein- für allemal unterband.

In der Schweiz wiederum hat gerade eine Theologengruppe den Bischöfen einen Katalog von Reformen vorgelegt. Nach einem Treffen mit Bischof Felix Gmür machte die Gruppe öffentlich, dass das Gespräch «umsonst» gewesen sei. Für den Bischof sei es offenbar ein Pflichttermin gewesen. Die Ausbeute der Erneuerungswege dürfte also gering ausfallen: Sie wird kaum über Resolutionen hinausgehen, doch bitte den Pflichtzölibat zu überdenken und die Frauen zu stärken.

Rom hört weg

Man tritt seit Jahrzehnten an Ort. Es ist wahrlich nicht der erste Anlauf, die Kirche zu erneuern. Was hat es in den letzten Jahrzehnten nicht alles für Reforminitiativen gegeben: Gesprächskreise und Dialogprozesse mit den Bischöfen, basiskirchliche Aktionen. Schon im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren wollte in der Schweiz die Synode 72 und in Deutschland die Würzburger Synode die Ortskirche modernisieren. Doch Rom hörte einfach weg.

Heute ist die Situation dramatisch, die Kirche brennt. Manche Optimisten wagen noch zu hoffen, die bloss zu Vorschlägen ermächtigte Amazonas-Synode werde den Papst beflügeln, verheiratete Priester zuzulassen. Zum Thema Frauen – die schwärende Wunde der Kirche – wird er kaum mehr als schöne Worte finden. Fest steht: Das 83-jährige Kirchenoberhaupt ist gefordert wie noch nie. Lässt er nur über Reformen debattieren, ohne solche umzusetzen, spielt er mit dem Feuer. Er zündelt mit dem Reformeifer seiner Herde.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch