Frühe Frühlingsboten

Mit dem Frühling sind auch schon die ersten bunten Schmetterlinge wieder da. Das ist bemerkenswert, denn die Entwicklung der Tiere kann unmöglich in ein paar Tagen vor sich gehen.

Pfauenaugen überwintern als ausgewachsene Falter gerne auf Dachböden oder in Scheunen.

Pfauenaugen überwintern als ausgewachsene Falter gerne auf Dachböden oder in Scheunen.

(Bild: Franziska Streun)

Woher kommen eigentlich die ersten Schmetterlinge des Jahres, die mancherorts nach einigen wenigen Tagen mit frühlingshaften Temperaturen plötzlich da sind? Die Antwort ist interessant. Einige der Falter, wie etwa die Admirale, wandern aus dem warmen Süden ein. Ganz so wie die Zugvögel können sie dabei Strecken von mehreren Tausend Kilometern zurücklegen.

Für die kleinen und federleichten Schmetterlinge, die eine Flügelspannweite von gerade einmal fünf bis sechs Zentimetern haben, ist das eine geradezu unglaubliche Leistung, die man den Tieren auch ansieht. Zerschundene Flügel und ausgemergelte Körper zeugen von den ungeheuren Strapazen der Reise, die es etwa bei der Überquerung der Alpen zu meistern gilt.

Mithilfe des Winds

Insektenkundler haben beobachtet, dass die sogenannten Wanderfalter, zu denen auch der Admiral zählt, gern ihre Kräfte schonen, indem sie sich durch schnelle Winde davontragen lassen. «Die Falter verstehen es», weiss der Prager Entomologe und Schmetterlingsfachmann Ivo Novak, «die günstigen Windrichtungen, die von Süden nach Norden führen, geschickt auszunutzen.» Auf diese Art und Weise können muskulöse Nachtschmetterlinge, wie etwa die Windenschwärmer, mit über 100 Stundenkilometern unterwegs sein, Taubenschwänzchen schaffen so immerhin noch mehr als 60 Kilometer in der Stunde.

Zum Vergleich: Normalerweise fliegen die heimischen Tagschmetterlinge mit einer maximalen Geschwindigkeit von 10 bis 15 Stundenkilometern, bei Rückenwind etwa doppelt so schnell.

Die Methode hat allerdings auch Nachteile. Was, wenn der Wind in die falsche Richtung weht? Aber auch für dieses Problem haben die federleichten Falter eine Lösung gefunden, wie die Forscher um Jason Chapman vom Rothamsted-Forschungszentrum im britischen Hertfordshire herausgefunden haben: «Sie landen ganz einfach und warten darauf, dass der Wind sich wieder dreht», resümiert Forschungsleiter Chapman beeindruckt.

In Eis und Schnee überwintert

Allerdings sind es nicht nur die Wanderfalter, wie etwa die Distelfalter, die wir schon so früh im Jahr zu Gesicht bekommen. Einige wenige Schmetterlinge überwintern auch hierzulande in Eis und Schnee als sogenannte Imago, wie Insektenkundler sagen, also als ausgewachsene Falter, und nicht etwa im Entwicklungsstadium Ei, Raupe oder Puppe, wie es die meisten der heimischen Schmetterlinge tun. Tagpfauenaugen, Kleine Füchse und auch manche Admirale ziehen sich gerne auf Dachböden zurück, in alte Schuppen, Scheunen oder auch Kellerräume.

Menschliche Behausungen aufzusuchen, hat durchaus seine Vorteile, denn starke Minusgrade sind hier kaum zu befürchten, und auch Feinde, die ihnen gefährlich werden könnten, gibt es eher weniger. Andererseits finden viele Tiere aber auch im Frühjahr nicht wieder hinaus ins Freie und verenden so nach überstandenem Winter doch noch hinter einem verschlossenem Dachfenster.

Zitronenfalter, C-Falter, Trauermantel und Grosse Füchse hingegen überwintern lieber in der freien Natur. Aber auch das hat so seine Tücken. Zum einen durchstöbern Vögel die ganzen Wintermonate hindurch das Unterholz und suchen nach Fressbarem. Zum anderen wird es draussen natürlich auch bitterkalt. Wind und Wetter können den kleinen Faltern dort also schwer zusetzen.

Einige Tiere, wie etwa die Zitronenfalter, sitzen durchaus relativ offen im Unterholz, vielleicht in einem dornigen Gestrüpp, das zumindest ein wenig Schutz bietet. Andere wiederum verbringen die kalte Jahreszeit lieber in der schützenden Laubschicht unter den Bäumen in den Wäldern oder in einer Astritze.

Frostschutzmittel Glyzerin

So oder so: Starke Minusgrade können den Tieren dabei zur Gefahr werden. Von Zitronenfaltern weiss man, dass sie im Herbst damit beginnen, das Frostschutzmittel Glyzerin zu bilden. Ausserdem entwässern sie ihren Körper, so gut es geht. Auf diese Art und Weise auf den Winter vorbereitet, können die ausgewachsenen Falter Temperaturen von minus 20 Grad Celsius überstehen.

Aktiv ab 2 bis 10 Grad

Im Frühjahr nehmen sie zusammen mit dem Tau und dem Regen erneut Feuchtigkeit auf und bauen das Glyzerin wieder ab. Die ersten Sonnenstrahlen erwärmen die wechselwarmen Tiere dann relativ schnell, sodass sie schon früh zu einem ersten Frühlingsflug aufbrechen können. Manchmal sieht man sie auch schon an einem milden und sonnigen Wintertag ihre ersten Runden drehen. Einige vornehmlich dämmerungs- und nachtaktive Arten, die ebenfalls als ausgewachsene Falter bei uns überwintern, gesellen sich mit etwas Glück noch hinzu.

Die Wintereulen etwa, wie die Feldholz-Wintereule, die Heidelbeer-Wintereule oder auch die Gebüsch-Wintereule, zählen zu diesen frühen Faltern. «Schmetterlinge haben keine konstante Körpertemperatur und können also nicht bei jeder Temperatur fliegen», sagt Schmetterlingsfachmann Novak. «Aktiv werden die ersten Tiere zumeist ab einer Mindesttemperatur von etwa 2 Grad Celsius bis 10 Grad Celsius.»

Nicht alle kennen die Tricks

Unterm Strich sind es also nur wenige Arten, die gleich schon im Frühjahr umherflattern können, denn all diese Tricks beherrschen nämlich längst nicht alle Schmetterlinge. Zum Vergleich: Weltweit gibt es etwa 180'000 Schmetterlingsarten, allein in Europa kommen rund 11'000 unterschiedliche Spezies vor. Von den knapp 4000 in Deutschland, Österreich und der Schweiz fliegenden Faltern zählen die meisten zu den Nachtschmetterlingen und nur die wenigsten zu den bunten Tagfaltern.

Von diesen farbigen Tagschmetterlingen wiederum sind es gerade einmal sieben Arten, die als ausgewachsene Falter bei uns überwintern: Zitronenfalter, C-Falter, Trauermantel, Admiral, Kleiner Fuchs, Grosser Fuchs und das Tagpfauenauge. Zusammen mit den ersten Wanderfaltern, wie Postillonen oder Distelfaltern, die mit etwas Glück schon im Frühling eintreffen, und den überwinternden Nachtfaltern, die ab und zu auch tagsüber zu sehen sind, können wir uns also auf eine ansehnliche Reihe früher Frühlingsboten und echter Hingucker freuen.

Berner Zeitung

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