Heisse Nächte in einsamen Betten

In hippen Farben und Mustern erobern Heizdecken die Betten junger Städter. Dort wärmt das einstige Produkt aus Grossmutters Zeiten Füsse und Seele der Singles.

Wärme auf Knopfdruck: Heizdecken erleben eine Renaissance.

Wärme auf Knopfdruck: Heizdecken erleben eine Renaissance.

(Bild: Keystone)

Es gibt keinen Gegenstand, der einen gedanklich schneller auf Omas wulstige Eckcouch oder direkt ins Sanitätshaus katapultiert als die Heizdecke. Haut- oder beigefarben, mit dünner Nabelschnur aus weissem Kabel und Druckknöpfen zur Wärmeregulierung. Sie steht in direkter Traditionslinie mit Massagefussbädern und Schaumstoffklobrillen mit Kunststoffüberzug. Eben einfach unfassbar unsexy.

Doch plötzlich liegt so ein Ding im Bett der Mitbewohnerin, und die ist nicht mal dreissig. Angesprochen auf die Heizdecke, ist die Ertappte nicht mal peinlich berührt. Stattdessen schwärmt sie von der «Tiefenwärme in wenigen Minuten», den sechs Temperaturstufen und der Abschaltautomatik. Ein skurriler Einzelfall? Der Blick ins Netz offenbart das Gegenteil. Die Heizdecke schafft gerade den Weg in die Betten junger Grossstädter.

Dem Hashtag «Heizdecke» sind aktuell 819 Einträge bei Instagram gewidmet; Kernzielgruppe des sozialen Netzwerks sind 18- bis 34-Jährige. Beim Allesverkäufer Tchibo ist man sich sicher, dass Heizdecken plötzlich hip sind. Gleich in mehreren Variationen – etwa als Decke, Kissen und Rückenwärmer – gibt es das Produkt in diesem Winter. Mehrere Hundert Modelle in Decken- und Kissengrösse listet der Online-Shop Amazon. Der Preis für konstant 35 Grad Wärmezufuhr: zwischen 20 und 330 Franken.

Heizdecken erleben also tatsächlich eine Renaissance. Dabei gibt es sie so ähnlich schon seit mehr als hundert Jahren: Bereits 1919 nähten Käthe und Eugen Beurer aus Ulm das erste elektrische Heizkissen zusammen, als Alternative zur Wärmflasche. Dass die beiden Nähmaschinen im ehelichen Schlafzimmer standen, gehört bei Beurer zum Gründungsmythos. Heute verkauft das Unternehmen mehr als 500 Wellnessprodukte, aber die Heizdecke gibt es natürlich auch noch. Sie läuft im Produktsegment mit dem schönen Namen «Schmiegsame Wärme».

Natürlich sieht die moderne Heizdecke längst nicht mehr nach Sanitätshaus aus. Sie ist auch nicht ausschliesslich in Beige gehalten, sondern signalisiert mit Türkis, Senfgelb, Punkten, Streifen oder Origamimustern, dass hier ein Stückchen Lebensfreude auf den Käufer wartet. Dank der Einführung neuer Farben und Modelle habe sich der Absatz von Heizdecken in den letzten Jahren positiv entwickelt, sagt eine Unternehmenssprecherin von Beurer. Für junge Kunden hat man das Angebot um eine To-go-Variante mit Akku und einen elektrischen Schlauchschal mit zugehöriger Powerbank erweitert.

Es gibt dort draussen viele kalte Betten

Eines jedoch hat sich nicht verändert: Fast alle Heizdecken sind aus Polyester oder anderen Kunstfasern gefertigt. Noch mehr Plastik, noch mehr Elektroschrott. Noch mehr unattraktive Ladekabel und Netzteile, die aus dem Bett heraushängen. Noch ein Gadget, das am häuslichen Stromnetz saugt. Dabei ist dies doch eigentlich die Zeit, in denen sich die solvente junge Käuferschicht das «Zurück zur Natur» auf die Fahne geschrieben hat, in der man immer öfter Digital Detox zumindest postuliert und den Supermarkt wechselt, wenn die Salatgurke in Plastik eingeschweisst ist. Darum nun doch die Frage: Wie kann ein Produkt, das die meisten von Grossmutters Couch kennen, auf einmal junge Städter begeistern?

Die Antwort lautet wohl: Es gibt dort draussen zurzeit ziemlich viele kalte Betten. In Zürich gibt es zum Beispiel 90'000 Einpersonenhaushalte. Und auch in anderen Schweizer Städten ist das Beziehungsleben flatterhaft, der Feierabend kurz. Statt sich mit dicken Socken, einer Tasse Tee und einer Wolldecke so lange aufs Sofa zu setzen, bis die heisse Wanne vollgelaufen ist, liefert die Heizdecke auf Knopfdruck Wärme. Wie passend, dass die Gebrauchselektronik nun auch auf die Betten übergreift: von der Rückenmassage über den Orgasmus bis hin zur molligen Einschlafwärme – die Unabhängigkeit des Singles wird immer grösser. Immerhin an einer Stelle gibt es Entwarnung: Von der Heizdecke geht so gut wie keine Brandgefahr mehr aus.

Ein geliebter Mensch, soweit verfügbar, verströmt übrigens auch eine beachtliche Wärme. Und kommt sogar ganz ohne Prüfsiegel aus.

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