Huldigung der guten alten Luftmatratze

Flamingos, Einhörner, Brezen und Emojis als Schwimmhilfen sind total im Trend. Lustig, aber völlig stillos.

Die Invasion des Badekitschs täuscht darüber hinweg, dass die Luftmatratze lange als grundlegendes Accessoire zum Sommer gehörte: Strandszene aus den 50er-Jahren.Foto: INTERFOTO.

Die Invasion des Badekitschs täuscht darüber hinweg, dass die Luftmatratze lange als grundlegendes Accessoire zum Sommer gehörte: Strandszene aus den 50er-Jahren.Foto: INTERFOTO.

Man muss nicht Jesus heissen, um übers Wasser wandeln zu können. Pools und Seen sind in diesem Sommer so voll mit Plastikobjekten, dass man eigentlich problemlos trockenen Fusses von Ufer zu Ufer käme, wenn man sich trauen würde. Überall dümpeln luftgefüllte Kunststoffkissen in bizarren Formen herum: Flamingos, Einhörner, Krokodile, Pizzastücke, Handys, Jakobsmuscheln, Melonen, Brezeln, Schmetterlinge, Schwäne.

Wer etwas auf sich hält, postet auf Instagram ein Foto von sich und seinem quietschbunten Schwimmtier, möglichst in farblich abgestimmter Badebekleidung: David Beckham reitet einen blauen Pfau, Model Kendall Jenner chillt auf einem rosa Flamingo.

Auch Kendall Jenner ist auf den Flamingo gekommen.

Die bunte Artenvielfalt im Wasser bringt jedoch Probleme mit sich. Wer soll die Viecher alle aufpusten? Wo kann man überhaupt noch ein paar Meter schwimmen, ohne mit einem Einhorn zu kollidieren? Manche Badeinseln kommen einem ja so überdimensioniert vor wie ein Flugzeugträger, ausgestattet mit Sofa, Palme, Dach, Bar; Grossfamilien können auf ihnen die Sommerferien verbringen.

Neben der Umwelt, die noch mehr Plastikmüll verkraften muss, gibt es einen weiteren Verlierer: die gute alte Luftmatratze. Klar, die Luftmatratze wirkt nicht mal halb so glamourös wie ein goldener Schwan oder ein rosa Einhorn. Dafür ist sie aber auch nicht so windig und wackelig wie so ein schnöseliger Flamingo.

Es ist nicht leicht, harte Fakten über aufblasbare Körperunterlagen zu finden, das Thema liegt eher so in der Luft. Vergleichende Statistiken über Verkaufszahlen von Schwimmtieren versus Luftmatratzen gibt es nicht. Und ja, es ist nicht so, dass die Luftmatratze schon zu den vom Aussterben bedrohten Amphibienarten gehört. Man sieht sie allerdings nur noch selten im Wasser.

Outdoor-Fachhändler haben durchaus Dutzende Luftmatratzen im Angebot, aber die meisten davon sind selbstaufblasende, superleichte Thermomatten, die eher bei Himalaja-Expeditionen Verwendung finden als im nahen Fluss. Zum Schwimmenlassen sind sie viel zu empfindlich und wertvoll, einige Modelle kosten mehr als 200 Euro.

Zelten in der DDR in den 60ern (Werbefoto). Foto: Günter Rubitzsch (AKG)

Die Invasion der Einhörner täuscht darüber hinweg, dass die Luftmatratze lange als grundlegendes Accessoire zum Sommer gehörte, etwa wie Dosenravioli zum Campingurlaub. Die bunte Plastikmatratze diente als Schlafunterlage, Schwimmhilfe, Windschutz beim Kochen, Sitzbank beim Essen und farbiger Hintergrund für grelle Ferienfotos. Und sie war ein Teil der Popkultur: Dustin Hoffman liess sich 1967 im Film «Die Reifeprüfung» auf einer Luftmatratze treiben, bis er seine Unschuld verlor.

Performance-Künstlerinnen wälzten sich in den Siebzigern auf Matratzen, die mit Acrylfarben begossen wurden. Das Erfolgsmodell Airbnb hatte seinen Ursprung auf einer Luftmatratze, die von einer WG in San Francisco als Schlafgelegenheit vermietet wurde (Airbnb ist eine Abkürzung für «Luftmatratze mit Frühstück»).

Ihrem künstlichen, oberflächlichen Wesen nach zu urteilen könnte die Luftmatratze eine Erfindung der 1960er- oder 1970er-Jahre sein, wie die Hollywoodschaukel, die Plastik-Plateausohle und Abba. Doch sie stammt aus dem Jahr 1405. Dieses Datum trägt eine Skizze des fränkischen Kriegstechnikers Konrad Kyeser, der eine aufblasbare Schwimmhilfe für Soldaten konstruierte, inklusive Pumpe; von Kyeser stammt übrigens auch die älteste bekannte Zeichnung eines metallenen Keuschheitsgürtels.

Mit aufblasbaren Materialien wurde sogar noch früher experimentiert: Die Soldaten des assyrischen Königs Assurnasirpal II. überquerten um 880 v. Chr. angeblich einen Fluss in einem Floss aus gewachsten und zusammengenähten Tierhäuten, die mit Luft gefüllt waren – der antike Prototyp des heutigen Gummiboots.

Dustin Hoffman in «Die Reifeprüfung». Foto: Alamy.

Die Luftmatratze als Unterlage zum Schlafen hat ebenfalls eine lange Geschichte. In Ben Jonsons Theaterstück «The Alchemist» aus dem Jahr 1610 sagt die Hauptfigur: «Ich möchte alle meine Betten aufgeblasen und nicht gestopft haben.» Damals wurden Matratzen mit Stroh, Tannennadeln oder Laub gefüllt, eine ideale Brutstätte für Wanzen und anderes Ungeziefer.

In Frankreich wurde damals mit gewachsten Segeltüchern und Ventilen experimentiert. Nur reiche Adelige konnten sich die sogenannten Windbetten leisten. 1839 entwickelten Ingenieure für die englische Armee aufblasbare Boote und einen aufblasbaren Ponton, Anfang des 20. Jahrhunderts gab es dann Matratzen aus vulkanisiertem Gummi.

Vom Kriegsgerät aus Tierhäuten bis zum PVC-Pfau, auf dem ein stolzer Profiboxer thront, das ist ein weiter Weg, angesichts dessen einem fast die Puste wegbleibt. Symbolisiert der grelle Badekitsch in Form von Einhörnern, Flamingos und Kack-Emojis (ja, auch die gibt es als Luftmatratze) also die Krönung der Evolution oder ihren Untergang?

Vielleicht muss man hier mal kurz die Luft anhalten und die Sache auf das reduzieren, was es ist: eine Schwimmhilfe aus Kunststoff. Wobei «Hilfe» schnell eine andere Bedeutung bekommen kann, wenn man nicht ein paar Regeln beachtet. Vor dem Ertrinken bieten Luftmatratzen, Schwimmnudeln, Babyboote und aufblasbare Tiere keinen Schutz, selbst Delfine und Wale nicht. Experten raten, beim Kauf auf die Kennzeichnung EN 13138 zu achten. Die Schwimmhilfe ist dann nach einer strengen europäischen Sicherheitsnorm geprüft und gilt als einigermassen unsinkbar.

Glamourfaktor null: Kack-Emoji-Luftmatratze. Foto: Alamy.

Welche Tragweite ein ordentlich gefülltes Luftkissen haben kann, erlebte Olga Kuldo im Sommer 2018. Die 55-jährige Russin wollte sich in den Ferien auf Kreta eigentlich nur kurz im Meer abkühlen, legte sich auf ihre Luftmatratze und schloss die Augen. Nach einiger Zeit merkte sie, dass sie abgetrieben wurde und begann, panisch mit Armen und Beinen zu paddeln. Sie rief um Hilfe, winkte, alles vergeblich. Auf ihrer Matratze, die die Form einer Glace am Stiel hatte, trieb Kuldo aufs offene Meer.

Es wurde Abend, es wurde Nacht, ein Sturm zog auf. 21 Stunden später zog die griechische Küstenwache die Russin aus dem Wasser, sie war total erschöpft, aber sie lebte. Mit einer Hand umklammerte Olga Kuldo noch ihr Gummi-Eis.

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