Zum Hauptinhalt springen

Ist es möglich, sich selber zu belügen?

Über bewusste Täuschung, Notlügen und die Integrität des Bewusstseins – ein philosophischer Exkurs.

Mich würde Ihre Antwort sehr interessieren. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man sich nicht selbst belügen kann, weil man doch weiss, dass es eine Lüge ist. H. G.

Lieber Herr G.

Wenn man unter Lüge ausschliesslich die bewusste Täuschung eines anderen durch das Aussprechen einer Unwahrheit versteht, haben Sie selbstverständlich recht: Dass man sich in diesem (moralischen) Sinne nicht selbst belügen kann, ist in diesem Fall im Begriff der Lüge selbst enthalten, also eine Tautologie. Sobald man jedoch die Begriffe der «Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne» (Nietzsche) betrachtet und ein Unbewusstes ins Spiel bringt, wird die Angelegenheit vertrackter.

Sie kennen vielleicht Nietzsches Aphorismus «Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.» Nietzsche bringt hier auf den Punkt, was Freud später im Konzept der «Verdrängung» fasst: Ein Gedanke, der die Integrität des Bewusstseins auf eine unerträgliche Weise stört, wird eliminiert. (Und kehrt z. B. in einem Symptom wieder.) Bei Schopenhauer findet sich ein ähnlicher Gedanke im Zusammenhang mit seiner Theorie, wie ein Wahn entsteht: Ein das Bewusstsein quälender, inakzeptabler Inhalt wird aus diesem verbannt. Dadurch entsteht eine Lücke, die wieder aufgefüllt werden muss. Diese Funktion übernimmt der Wahninhalt.

Bei Nietzsche wird das Problem von Wahrheit und Lüge weiter radikalisiert. Er stellt die ganze Sprache unter den Generalverdacht der Lüge. Sein Argument: Unsere Sprache ist ein Gespinst von Bildern und Metaphern, von denen wir vergessen haben, dass sie Metaphern und Bilder sind. Wenn wir darum Wahrheit als Übereinstimmung von Sprache und Sachverhalt charakterisieren, dann finden wir als Wahrheit über die Dinge immer nur das heraus, was schon längst unerkannt in der Sprache steckt. Unsere Befangenheit in der Sprache ist somit eine Art Gefangenheit in einer als solche nicht mehr zu durchschauenden Lüge. All diese Vorstellungen, die in Ihnen referiert habe, zeigen, dass es eben auch einen diffuseren Sinn von Lüge gibt, der sich nicht einfach mit dem Vorwurf deckt, jemand habe wissentlich die Unwahrheit gesagt. Es geht hier um eine Art von Unwahrhaftigkeit, die umfassender ist, die konstitutionell in der menschlichen Existenz selber nistet.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch