Zum Hauptinhalt springen

Ist Gott allgegenwärtig – oder nirgends?

Ein Pfarrer und eine Atheistin diskutieren über etwas, das es nach Ansicht der Freidenkerin gar nicht gibt: Gott. Immerhin gibt es Kirchen. Und damit viel Gesprächsstoff.

Jesus zeigt Flagge in der Kirche Wabern. Reta Caspar und Bernhard Neuenschwander diskutieren das Gemälde.
Jesus zeigt Flagge in der Kirche Wabern. Reta Caspar und Bernhard Neuenschwander diskutieren das Gemälde.
Urs Baumann

Der protestantische Pfarrer Bernhard Neuenschwander und die Atheistin und Freidenkerin Reta Caspar aus Zollikofen treffen sich in Neuenschwanders 1948 fertiggestellter Kirche in Wabern. Ein Gemälde von Walter Clénin dominiert die Rückwand des Gotteshauses. «Man muss bei diesem majestätischen Jesus mit Fahne die Entstehungszeit berücksichtigen», sagt Neuenschwander. Das Werk bedeute ihr nichts, erklärt Caspar. Die Reaktionen auf das Bild zeigen, wie das Gespräch verlaufen wird: Die beiden haben unterschiedliche Positionen, sehen sich aber nicht als Gegner.

Der Staat

Der Kanton Bern überdenkt zurzeit sein Verhältnis zu den Kirchen. Reta Caspar und Bernhard Neuenschwander sind uneins, wohin diese Reise führen soll. Die Freidenkerin: «Ich will nicht mit meinen Steuern Institutionen unterstützen, deren Ziele ich nicht teile.» Der Pfarrer: «Gemäss einer Untersuchung sind die Leistungen der Kirche für die Gesellschaft grösser als das, was der Staat dafür bezahlt.» Immerhin sind sich die beiden einig, dass die Kirche und der Staat Strukturveränderungen angehen müssen.

Die Rituale

Beide bieten Ritualbegleitungen an. Caspar erzählt, dass sie bei Trauerfeiern öfter als Frau Pfarrer angesprochen wird. «Obwohl ich weder Gott erwähne noch bete.» Anders als sie bringt Neuenschwander Gott ins Spiel. Allerdings nicht als personifiziertes Wesen. «Gott ist die unbedingte Freiheit in uns», sagt er. Begreifen das Ihre Predigtbesucher?», fragt Reta Caspar skeptisch.

Das Jenseits

Gar nicht so einfach, sich von einem liberalen Pfarrer mit abgeschlossener psychotherapeutischer Ausbildung das Jenseits erklären zu lassen. «Der Glaube ist eine Ressource», sagt er. Freidenkerin Reta Caspar hat es einfacher: «Nach dem Tod ist wie vor dem Leben, nämlich nichts. Es macht keinen Sinn, sich mit dem Nichts zu beschäftigen.»

Die Politik

«Die Kirche ist von Menschen geschaffen. Sie hat ähnliche Strukturen wie ein Staat», so Caspar. Sie decke spirituelle Bedürfnisse ab, «aber das können andere Institutionen auch». Für Neuenschwander hat die Kirche «ethische Erfahrungswerte, die sie gegenüber dem Staat vertreten kann und soll». Caspar reagiert pointiert: «Ach was. Die Mitglieder der Kirchen sind ganz woanders. Das sieht man bei Abstimmungen. Die Parolen der Kirchen gehen unter.» Neuenschwander gibt ihr ein Stück weit recht: «Die Kirche soll sich zurückhaltend äussern, aber ein Gesprächspartner der Politik sein.»

Die Gotteshäuser

«In der Schweiz sollen nur die 20 bis 30 schönsten Kirchen unter Denkmalschutz stehen bleiben. Die restlichen sollte man abreissen oder anders verwenden können», sagt Reta Caspar. Bern hätte also vielleicht eines Tages nur noch das Münster. Das Gotteshaus in Wabern würde möglicherweise ein Altersheim oder eine Kita. Neuenschwanders Replik: «Überflüssige Kirchen kann man tatsächlich umnutzen. Doch solange Gottesdienstbesucher sie brauchen, erfüllen sie ihren Zweck und sind Teil unserer Kultur und unserer Identität.»

Der Nutzen

Die Kirche deckt spirituelle Bedürfnisse ab und leistet im sozialen Bereich Wertvolles. So weit sind sich die beiden einig. «Wir helfen, die Probleme unserer Zeit zu lösen», ergänzt Bernhard Neuenschwander. «Das wird künftig noch wichtiger werden, bei der Integration von Ausländern etwa.» – «Na ja», pflichtet Reta Caspar halbherzig bei. «Die Schweizer Landeskirchen schaden wenigstens nicht mehr.»

Das Fazit

Reta Caspar fasst zusammen: Dass der Staat die Landeskirchen privilegiert, sei unzulässig. Zudem hätte die Kirche Angebote, die bereits auf dem offenen Markt vorhanden seien, Esoterisches etwa. Und: «Ausländer integriert ein Fussballklub erfolgreicher als die Kirchen.» Bernhard Neuenschwanders Fazit: Die Kirche erfülle viele soziale und integrative Aufgaben. «Sie ist sinnvoll, weil sie hilft, die Brüche des Lebens zu meistern. Sie deckt spirituelle Bedürfnisse ab und ermöglicht es uns, mit der Abgründigkeit von Leben und Sterben zurechtzukommen.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch