Kann es ein Schaden sein, wenn man länger lebt?

Gegen seinen Willen am Leben bleiben zu müssen, ist die Horrorvorstellung des heutigen Alltags.

Die Gefahr, lebendig begraben zu werden, gehörte zu den Urängsten des 19. Jahrhunderts. Diese Schauergeschichten, wie sie meine Grossmutter noch zu erzählen wusste, haben mich so beschäftigt, dass ich einst als Ministrant meine Zeit damit verbrachte, den aufgebahrten Toten konzentriert ins Gesicht zu schauen, um eventuelle Zuckungen zu entdecken.

Warum erzähle ich das? Kaum jemand hat noch Angst vor dem Scheintod; er gehört heute in die Horrorfilme. Die realen Horrorbilder, die Horrorbilder des Alltags von heute handeln vom Scheinleben. Sie handeln davon, am Ende des Lebens «an Schläuchen zu hängen», wie es in vielen ungenauen Patientenverfügungen heisst, die sich genau das verbitten wollen.

Der Horror von heute handelt von der Medizintechnik, die in guter Absicht so eingesetzt wird, dass sie nicht zum Segen, sondern zum Fluch wird – weil sie den todkranken Menschen am friedlichen Sterben hindert; weil sie das Weiterleben zum Weiterleiden macht. Zu viel Behandlung, so sagt Gian Domenico Borasio, kann den Tod qualvoller machen als nötig. Borasio ist ordentlicher Professor für Palliativmedizin an der Universität Lausanne.

Dahinvegetieren verhindern

Aber: Wann wird aus dem guten Viel ein schlechtes zu viel? Und wer entscheidet das? Paragrafen? Die Ärzte? Die Ökonomie? Gewiss: Zuoberst steht die Autonomie. Sie setzt jedoch Äusserungen des Kranken voraus – sei es in einer Patientenverfügung oder auch Vorsorgevollmacht, in der man an einen anderen Menschen für Notsituationen die Entscheidungen übertragen hat.

Gibt es Regeln, nach denen im Zweifel verfahren werden soll? Das gehört zu den Fragen, auf die Richter diese Woche in Deutschland eine Antwort finden müssen. Der Sohn eines dementen Vaters, den der Hausarzt bis zu dessen Tod im 82. Lebensjahr künstlich ernähren liess, hat geklagt. Er verlangt vom Arzt Schmerzensgeld wegen unangebrachter künstlicher Ernährung; die habe einen würdevollen Tod verhindert.

Der Sterbeprozess darf nicht zum Vegetieren werden. Davor bewahrt die Hilfe beim Sterben. Hilfe heisst immer: Niemand darf zum Sterben gedrängt werden. Es darf sich kein Druck zum «Frühableben» entwickeln; das wäre pervers. Es darf aber auch niemand zum Weiterleben gezwungen werden, der in freier Entscheidung keine lebenserhaltende Behandlung mehr will.

Das klingt so klar, aber es ist oft nicht mehr klar, sobald die konkrete Wirklichkeit dazwischenkommt.

Einbettung in Fürsorglichkeit

Was tun, wenn einer nicht mehr sagen kann, was er will? Er hat eine Patientenverfügung? Gut. Aber auch die Patientenverfügung kann nicht alle Fälle des schillernden Lebens und Sterbens eindeutig erfassen. Was tun, wenn dann die Meinungen der Angehörigen untereinander, der Pflegenden und Ärzte darüber auseinandergehen, ob dieses konkrete Leben noch ein erhaltenswertes ist? Die Eindeutigkeit, die der Satz «Das ist kein Leben mehr» suggeriert, gibt es nicht. Es gibt Todkranke, die ein Leben, das jeder Gesunde als Strafe empfände, annehmen und leben wollen.

Das ist doch kein Leben mehr? Es gibt kein Evaluierungsprogramm, keinen Algorithmus, nach dem das bestimmt werden kann. Nichts entbindet vom Gespräch, nichts entbindet von Gewissenskonflikten. Die beste Voraussetzung dafür, dass dieses Ringen zum guten Ausgang führt, ist Vertrauen. Vertrauen aber macht sich rar in einer Zeit, in der die grosse gesellschaftliche Krankheit Einsamkeit heisst. Der Mensch am Ende seines Lebens muss eingebettet sein in Fürsorglichkeit; Palliativmedizin nennt man das.

Die Kunst des Sterbens

Die Menschen werden besser lernen müssen, ihre Sterblichkeit anzunehmen. Dazu gehört, dass sie das tun, was heutzutage immer noch viel zu selten getan wird: dem Gespräch über die letzten Dinge in der Familie, im Freundeskreis, mit dem Hausarzt nicht aus dem Wege gehen.

Man stirbt nicht daran, dass man übers Sterben redet. Es kann aber sehr wohl sein, dass man dadurch einst etwas leichter stirbt. Das könnte, das sollte auch in dem Urteil vom Dienstag so stehen, obwohl das nicht zum Paragrafenwissen gehört.

Im Mittelalter nannte man das «ars moriendi»: die Kunst des Sterbens.

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