Krieg und Frieden am Strand

Wir sollten mehr miteinander spielen, weniger gegeneinander, findet Barbara Bleisch.

Am Strand lassen sich Menschen so beobachten, wie sie sind. Der Stand von Ipanema während der Olypischen Spiele 2016 in Rio. Foto: Urs Jaudas

Am Strand lassen sich Menschen so beobachten, wie sie sind. Der Stand von Ipanema während der Olypischen Spiele 2016 in Rio. Foto: Urs Jaudas

Der Strand wird im Sommer zum sozialen Mikrokosmos, an dem sich die menschliche Spezies wunderbar beobachten lässt. Man kann übers Schamgefühl sinnieren: Warum die einen ihre Kleidung lässig ablegen und Gaffer ignorieren, während andere, in Tücher eingewickelt, einbeinig torkelnd den Kleidertausch vornehmen. Man kann Eigentumstheorien studieren: Darf man sich in den Schatten des Strandkorbs legen, den andere gemietet haben oder gehört auch der Schattenwurf den Mietern?

Anschauungsmaterial zum menschlichen Sozialverhalten bieten auch Strandspiele: Wer versieht die Wachtürme seiner Sandburg mit Schiessscharten, wer errichtet über dem Wassergraben eine Brücke? Zu welchem Preis handeln welche Kinder ihre Sandkuchen, Algenbrote und Muschelcocktails?

Am beliebtesten am Strand ist wie schon in meiner Kindheit ein Spiel, das heute Neudeutsch als Beachball bezeichnet wird. Wegen des hohlen Klangs, der entsteht, wenn der Plastikball auf den Holzschläger trifft, nannten wir es früher «Toctoc». Das Spiel ist wie Pingpong ohne Tisch und Netz, eine Art Federball, das selbst den Windböen am Meer trotzt.

Wer miteinander statt gegeneinander spielt, ist zufriedener

Am Strand lassen sich zwei Varianten des Spiels beobachten: Ungeübte zählen, wie oft es ihnen gemeinsam gelingt, den Ball hin und her zu passieren, ohne dass er zu Boden fällt. Sie spielen also miteinander. Geübte gehen meist zum Wettkampf über und spielen gegeneinander: Der Ball wird so hoch geschmettert, dass die Gegnerin ihn nicht erreichen kann, oder zur Seite gepfeffert, sodass der Partner in den Sand hechten muss. Gezählt werden nicht mehr die gemeinsam geschafften Pässe, sondern die verpassten Bälle des Gegners.

Der heikle Moment für alle Spielenden ist dabei der Übergang vom gemeinsamen Spiel zum Wettkampf: Erst wenn die Spielenden den Umgang mit Schläger und Ball hinreichend und ähnlich gut beherrschen, macht ein Wettstreit überhaupt Sinn. Wer zu früh zum Konkurrenzkampf bläst, wird sich bald mit gegenseitigen Vorwürfen eindecken: Das Gegenüber hat den Ball abgefeuert, bevor man überhaupt bereit stand! Die Gegnerin hat den besseren Platz, die Sonne blendet sie nicht!

Überhaupt sind jene, die am Strand miteinander spielen, weitaus zufriedener als jene, die gegeneinander spielen. Die Wettkampf-Spielenden beginnen sich nach rund fünf Minuten meist über die Fairness der gespielten Bälle und über imaginäre Spielfelder zu zanken: Welche Bälle gelten bereits als «out», welche touchierten gerade noch die Linie? Die gemeinsam Spielenden hingegen bemühen sich, den richtigen Abstand zueinander zu finden, auf dass es mit dem Spielen klappe. Ihr Bemühen gilt dem Sieg über die Schwerkraft des Balls, nicht dem Sieg über den Spielpartner.

Spielen macht uns zu Menschen

Mit Verweis auf den Kulturwissenschaftler Johan Huizinga könnte man sagen, nur in diesem ersteren Spiel ist der Mensch ein «homo ludens»: ein spielender Mensch, der sich selbst genügt und zweckfrei spielt. Für Huizinga ist das Spiel der kulturbildende Faktor par excellence: Nicht im Wettbewerb übt der Mensch seine Menschlichkeit ein, sondern im Spiel.

In Ian McEwans viel diskutiertem Buch «Maschinen wie ich» ist es genau das, was die künstlichen Männer und Frauen nicht können: spielen um des Spiels willen. Sie sind dem Menschen in vielem überlegen und würden wohl auch im Wettkampf siegen. Nur spielen können sie nicht. Sie zeigen sich sogar tief irritiert von dieser Form der Intelligenz, von der McEwan schreibt, sie sei «äusserst anpassungsfähig, kreativ, ohne weiteres in der Lage, sich in neuen Situationen und Landschaften zurechtzufinden». Diese Form der «Welterkundung» beherrschen nur Kinder, ehe sie «mit Fakten, praktischen Überlegungen und Zielen überfrachtet» werden.

Vielleicht also sollten wir, um zu kultivieren, was uns als Menschen ausmacht, mehr spielen, wie Kinder spielen. Miteinander, nicht gegeneinander. Friedlicher ist es allemal.

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