Mit Ellenbogen zur Opern-Karriere

Eine Karriere als Opernsängerin anzustreben, ist etwa so schwierig wie der Aufstieg im Spitzensport. Die 18-jährige Bernerin Miriam Bögli will es versuchen – und hat gute Startbedingungen.

Miriam Bögli singt sich ein – Mutter Dorothee Schmid hört ihr zu. Foto: Christian Pfander

Miriam Bögli singt sich ein – Mutter Dorothee Schmid hört ihr zu. Foto: Christian Pfander

Marina Bolzli@Zimlisberg

Miriam Bögli singt sich ein. Und das ist schwierig. Denn für einmal geht es nicht um die Töne, sondern um das Bild. In diesem Augenblick unterscheidet sich die Gymnasiastin nicht von anderen 18-Jährigen: Sie will sich gut präsentieren, und mit offenem singendem Mund sieht sie sich nicht eben im besten Licht.

Ansonsten aber unterscheidet sich Miriam Bögli klar von anderen 18-Jährigen: Sie will Opernsängerin werden. Und seit Mai steht sie auch zu diesem ehrgeizigen Ziel. Damals gewann sie am Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb (SJMW) in Lugano als einzige Sängerin den 1. Preis mit Auszeichnung. Der SJMW ist der wichtigste Nachwuchswettbewerb der Schweiz, die Kategorie Gesang wird jedes zweite Jahr ausgetragen.

«Dieses Resultat hat mich darin bestärkt, meinen Weg weiterzuverfolgen», sagt Miriam Bögli. Doch was braucht es, damit man eine Karriere als Opernsängerin einschlagen kann? Wie wichtig ist dabei die Unterstützung der Eltern? Und reicht es, wenn man einfach gut singen kann?

Die Rolle des Lehrers

Miriam Bögli sitzt mit ihrer Mutter Dorothee Schmid in einem Büro der Musikschule Region Gürbetal im Schloss Belp. Schmid ist Leiterin der Musikschule und Bratschistin. Das sind schon einmal gute Voraussetzungen, denn sie kennt den Klassikbetrieb, hat die Konkurrenz, die spätestens mit dem Studium beginnt, selbst erlebt. «Ich wusste damals, als ich Musik studierte, nicht genau, wo ich hinwollte.

Ich dachte, ich schaue mal, was passiert», sagt Dorothee Schmid. Wichtig sei es, einen Plan B oder C in der Tasche zu haben. Darum unterstütze sie ihre Tochter in ihrem Berufswunsch, «auch wenn es im Gesang härter ist als im Instrumentalbereich», sagt sie. Es gibt viele junge Frauen, die Opern singen möchten, es gibt aber nur wenig Jobs. Darum setzen sich nur die allerbesten durch. An der Hochschule der Künste Bern (HKB) studieren 30 bis 40 junge Frauen und Männer Gesang, sei es Jazz oder Klassik, die Studienplätze sind beschränkt.

«Die Konkurrenz um die Plätze ist hart», sagt Graziella Contratto, Leiterin Fachbereich Musik an der HKB. Diese Konkurrenz hat Miriam Bögli bisher noch nicht zu spüren bekommen. Es gab zwar eine Qualifikation für den nationalen Wettbewerb, auch bittere Tränen derer, die es nicht weiterschafften, aber  das Vorsingen für einen Studienplatz oder für eine Solorolle steht Bögli noch bevor.

Was braucht es dafür? «Ellenbogen und viel Durchhaltewillen», sagt Erwin Hurni, ohne zu zögern. Hurni ist Böglis Gesangslehrer und selbst klassisch ausgebildet. Er hält viel von seiner Schülerin, in seiner Einschätzung wurde er noch bestärkt, als er sie vor einem Jahr beim Vorsingen am Gymnasium gesehen hat.

«Das ist wie beim Sport: Man hat nur eine Chance. Es braucht viel mentale Stärke, um sie zu packen.» Miriam Bögli hat ihn überzeugt, darum hat er seiner Schülerin den Flyer für den Wettbewerb in die Hand gedrückt. Ob sie hingehen würde, musste sie selbst entscheiden. «Das Wichtigste ist die eigene Motivation. Ich würde nie jemanden auffordern, sich dieser Situation auszusetzen.

Weil ich aus eigener Erfahrung weiss: Es ist ein wahnsinnig anstrengender Weg – und es ist unsicher, ob man damit überhaupt seinen Lebensunterhalt bestreiten kann.» Auch die Vorbereitung auf den Wettbewerb mutet olympisch an. «Um vor der Jury bestehen zu können, muss man taktieren», sagt Hurni. Das sei fast wie im Eiskunstlauf. Das Programm müsse altersgerecht sein, virtuos, aber auch so speziell, dass es die Jury dazu bringe, aufzuschauen.

Die Rolle des Geldes

Miriam Bögli wollte schon als 6-Jährige Opernsängerin werden, «ich habe fast nur klassische Musik gehört», sagt sie. Nachdem sie eine Kindervorstellung von Mozarts «Zauberflöte» besucht hatte, sang sie die Arie der Königin der Nacht regelmässig auf dem Schulweg. Die Grossmutter nahm sie mit in die Oper; nach Bern, Zürich, Wien. «Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen», sagt Bögli.

Etwas, das viele andere Kinder nicht von sich behaupten können. «Ich sehe schon, dass Kinder von musikbewussten Eltern eher die Musikschule besuchen», sagt Mutter und Schulleiterin Dorothee Schmid. Bewusste Eltern erleichtern den Einstieg. Das ist nicht zuletzt auch eine finanzielle Frage: Musikstunden, auch wenn sie von Kanton und Gemeinden subventioniert werden, kosten.

Will man über das übliche Mass hinauskommen, nehmen die Ausgaben zu. Miriam Bögli belegt am Gymnasium Hofwil in Münchenbuchsee das Schwerpunktfach Musik. Auf dem Stundenplan vorgesehen sind 30 Minuten Einzelgesangsunterricht pro Woche. Bögli geht eine Stunde in der Woche – die Aufstockung bezahlen die Eltern. Für den Wettbewerb in Lugano musste die Familie ausserdem einen Pianisten als Gesangsbegleitung organisieren und ihn für die Arbeit und die Übernachtung bezahlen. Eine kostspielige Sache.

Die Rolle der Eltern

Gesangslehrer Hurni hat auch schon erlebt, dass sich vielversprechende Talente gegen diesen Weg entschieden, weniger aus finanziellen Gründen, sondern wegen der unsicheren Zukunft. «Die Stimme ist ein sehr fragiles Instrument, und sie ist bei jungen Erwachsenen noch nicht vollständig ausgebildet. Das macht viele Eltern skeptisch», sagt er. Dorothee Schmid hingegen steht voll hinter ihrer Tochter.

«Es freut mich, dass sie diesen Weg einschlagen will, auch wenn es hart wird.» Sie würde erst einen Anlass zur Sorge sehen, wenn Aufwand und Ertrag nicht mehr im Gleichgewicht wären und ihre Tochter nur noch am Strampeln wäre. «Aber das würde Miriam vermutlich vor mir merken.» Miriam Bögli lacht. Ein langer Weg liegt vor ihr, einer, auf dem sie trotz der besten Voraussetzungen Glück brauchen wird.

Berner Zeitung

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