Muss man «fremde Kulturen» verstehen?

Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Psychologie des Alltagslebens.

Peter Schneider@PSPresseschau

Freunde von mir haben eine geführte Reise nach Oman gemacht und waren begeistert. Als eine andere Bekannte einwarf, sie könnte ein Land nicht besuchen, in dem Frauen unterdrückt würden, haben sich die zwei Reisenden gewehrt: Man müsse halt die Kultur dort akzeptieren. Das erstaunte mich, da beide, Frau und Mann, durchaus politisch links stehen und sich für die Gleichstellung einsetzen. Ich als schwuler Mann würde auch kein Land besuchen, in welchem meinesgleichen die Todesstrafe droht. Ich empfinde das nicht als «fremde Kultur», sondern als rückständig. Wie kann man offen für neue Kulturen und doch auch kritisch sein? M. W.

Lieber Herr W.

Ich glaube, das ist gar nicht so schwer. Die unkritische Schwärmerei – wie bei Ihren Freunden – für die «Bereicherung» durch «fremde Kulturen» ist nämlich inzwischen eher die Ausnahme als die Regel. Sie existiert vor allem als ein Popanz, auf den man gerne eindrischt, wenn man gegen die angeblich vorherrschende Multikulti-Ideologie zu Felde zieht.

Es ist keineswegs zwingend, sich mit den Unsitten in fremden Ländern zu identifizieren, um eine Reise auch in – sagen wir: problematische – Regionen als Bildungserlebnis erfahren zu können. «Fremde Kulturen» (zu den Anführungszeichen später mehr) sind nicht vor allem deshalb von Interesse, weil sie besser, sondern schlicht, weil sie anders sind. Sie lockern unser Denken, indem sie uns damit konfrontieren, dass Dinge und Verhältnisse, die uns selbstverständlich zu sein scheinen, variabel sind. Nicht nur zum Guten, sondern auch zum Schlechten. Die Idealisierung wie auch die Verdammung einer Kultur als Ganzes verbauen einem diese Erfahrung des Andersartigen; sie erlauben keine Vergleiche, sondern laufen auf ein stupides Ranking in Bezug auf die eigene Kultur hinaus.

Und nun zu den Anführungszeichen, in die ich die fremden Kulturen gesetzt habe. Die Rede von «fremden Kulturen» tut nämlich so, als sei jede Kultur für sich genommen eine homogene Totalität ohne Widersprüche und Abstufungen. Weder gibt es EINE arabische Kultur noch EINE US-amerikanische oder EINE israelische oder schweizerische. Wer von christlich-jüdischer Leitkultur oder gar Identität spricht, hat keine Ahnung vom Christentum und auch nicht vom Judentum und erst recht nicht von Kultur. Kultur ist kein homogenes Gebilde. Und um in den Genuss fremder Kulturen zu kommen, muss man nicht mal weit reisen. Meistens reicht eine innerstädtische Tour mit dem Tram von einer Endstation zur anderen oder von der Agglo in die Stadt (oder umgekehrt). Die Kultur von Hans Fehr ist mir so fremd wie die seiner Putzfrau. Die eines Marathonläufers ist mir so fern wie die eines Junkies. Um sich mit solchen fremden Kulturen zu beschäftigen, reicht es, miteinander zu reden.

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