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Rassismus auf dem Rasen

Der italienische Fussball hat ein Problem mit dem Rassismus. Die Fussballfans drücken ihre Wertschätzung mit Schmähungen aus.

Vor allem Süditaliener und dunkelhäutige Spieler werden in italienischen Stadien angefeindet: Lorenzo Insigne vom SSC Napoli (links) und Mario Balotelli von der AC Milan.
Vor allem Süditaliener und dunkelhäutige Spieler werden in italienischen Stadien angefeindet: Lorenzo Insigne vom SSC Napoli (links) und Mario Balotelli von der AC Milan.
Keystone

Der italienische Fussball hat ein Problem mit dem Rassismus. Nein, das ist der falsche Anfang. Also noch einmal: Dass es in Italien Rassismus gibt, ist auch in den Fussballstadien zu spüren. Seit Jahren, ach was, Jahrzehnten müssen die Clubs der Profiligen Bussen für pöbelndes Volk in ihren Fankurven zahlen, das zum Beispiel schwarze Spieler der Gegnermannschaft mit Affenlauten empfängt. Es gibt solche Ausfälle auch im Parlament – kürzlich verglich etwa ein Senator der Lega Nord die aus dem Kongo stammende Ministerin Cécile Kyenge mit einem Orang-Utan. Der Senator wurde nicht gebüsst, zurücktreten musste er schon gar nicht. Nicht nur in diesem Fall ist der Fussball bedeutend zivilisierter als die Politik.

Seit Anfang der laufenden Saison sind die Strafen für rassistische Ausfälle im Stadion sogar noch verschärft worden. Neuerdings wird auch die «territoriale Diskriminierung» gebüsst, also die Beschimpfungen von italienischen Gegenspielern oder gegnerischen Fans, die deren Herkunft thematisieren. Meistens sind die Opfer dieser «territorialen Diskriminierung» Süditaliener, insbesondere Neapolitaner, die in den Arenen des Nordens mit Sprechchören wie: «Merkst du den Gestank, da flüchten ja die Hunde» oder: «Vorwärts Vesuv, wasche sie mit Feuer», empfangen werden.

Zeichen der Wertschätzung

Die Neapolitaner selbst regen sich darüber übrigens nicht besonders auf, sie betrachten die Schmähungen als Zeichen neidvoller Wertschätzung, schliesslich sind sie mitsamt ihrem Schweizer Mittelfeld um Gökhan Inler, Valon Behrami und Blerim Dzemaili zurzeit Tabellendritter und damit am Titelkampf beteiligt. Aus dieser Position machen sie sich über die gestrengen Vorschriften des italienischen Fussballverbandes sogar lustig – neuerdings ertönen Beleidigungen Neapels laut auch aus der Fankurve der Neapolitaner. Bisher hat der Verband von einer Busse für Selbstdiskriminierung abgesehen.

Gebüsst wurden hingegen die Nordclubs Inter, Milan und Napolis Erzrivalin Juventus, deren Anhänger die Südländer besonders ausdauernd beschimpfen. Zur Strafe wurden ausserdem die Kurven gesperrt. Juventus etwa hätte am vergangenen Sonntag gegen Udinese vor einer leeren Fantribüne spielen müssen. Der Rekordmeister umging das Verbot, indem er in die gesperrte Kurve Kinder und Jugendliche einlud. In der Hoffnung, mit dieser schönen Geste ein Zeichen zu setzen.

Nur Buffon bleibt gelassen

Tatsächlich verzichteten die «Ragazzi» in der Juve-Kurve darauf, Neapel aufs Korn zu nehmen. Dafür schmähten sie mit jugendlicher Ausdauer den Serben Željko Brkic, Goalie des gegnerischen Teams Udinese. Von der ersten bis zur letzten Minute, als Juve endlich den wackeren Brkic bezwang und 1:0 gewann, beschimpften die Kurven-Kinder den Schlussmann mit einem international gebräuchlichen Kraftausdruck, der auf Italienisch mit M beginnt und auf Deutsch mit Sch... Unglaublich! Skandalös! Italiens Kinder sind keinen Deut besser als die Erwachsenen! Damit konnte nun wirklich niemand rechnen, die Verbandsfunktionäre gaben sich entsetzt. Und der Sportrichter statuierte ein Exempel. Er verdonnerte Juventus zu einer Busse von 5000 Euro.

«Experten weisen darauf hin, dass die Eltern besser auf ihre Kinder aufpassen sollten», mahnte in einem Leitartikel der seriöse «Corriere della Sera». Die Schule sollte sich gefälligst auch mehr bemühen; nicht auszudenken, dass diese kleinen Hooligans demnächst als Volksvertreter ins Parlament einziehen könnten! Dort sind Tumulte und Handgreiflichkeiten an der Tagesordnung, die nächste Generation trainiert also schon.

Der Einzige, der in der allgemeinen Empörung gelassen bleibt, ist Juve-Goalie Gigi Buffon. «Lächerlich» sei die Aufregung, findet der Captain der Squadra Azzurra: «Anstatt endlich mal eine gute Initiative zu loben und nachzuahmen, wird darüber geklagt, dass die Kinder im Stadion keine Musterknaben sind. Aber so ist Italien.»

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