Warum die Pest nicht auszurotten ist

Hierzulande gilt die Pest als Geissel des Mittelalters. Doch bis heute fordert sie weltweit Jahr für Jahr Todesopfer – und zählt zu den gefährlichsten Biowaffen-Kandidaten.

Der Schwarze Tod: Im 14.Jahrhundert raffte die Pest ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin. Die Toten wurden ausserhalb der Städte in anonymen Massengräbern verscharrt.

Der Schwarze Tod: Im 14.Jahrhundert raffte die Pest ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin. Die Toten wurden ausserhalb der Städte in anonymen Massengräbern verscharrt.

(Bild: Getty Images)

In den vergangenen fünf Monaten wurden auf Madagaskar rund 280 Pestkranke gezählt. 71 Menschen starben an der Seuche – an einer Krankheit, die sich in Europa wie keine andere ins kollektive Gedächtnis der Menschen eingegraben hat. So gross war das verursachte Grauen, als die Pest wütete. Mitte des 14. Jahrhunderts raffte der Schwarze Tod ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin – rund 25 Millionen Menschen.

Heute kennen Mediziner den Erreger der Pest – das Bakterium Yersinia pestis – und wissen, wie sie ihn bekämpfen müssen. «Dennoch sollte die Pest nicht unterschätzt werden», sagt Elisabeth Carniel, Leiterin der Yersinia-Forschungsabteilung des Institut Pasteur in Paris. Denn dauerhaft lässt sich die Seuche wohl nicht besiegen.

Afrika und Asien gefährdet

Zwischen 2000 und 3000 Menschen erkranken laut der Weltgesundheitsorganisation jedes Jahr an der Pest, vor allem in Afrika und Asien. Seit 1990 taucht die Krankheit in Ländern wieder auf, die jahrzehntelang keinen Fall registriert hatten. 1994 bricht sie nach 30-jähriger Pause in Indien wieder aus. Und auch aus Sambia, Jordanien und Algerien werden nach Jahrzehnten der vermeintlichen Ruhe wieder Pestfälle gemeldet.

Wissenschaftler wissen, warum die Pest immer wieder ausbricht: «Die Erreger überleben in Ratten und anderen Nagern. Und da es unmöglich ist, Ratten auszurotten, überlebt auch das Pestbakterium», sagt Forscherin Carniel.

Die eigentlichen Überträger der Pest auf den Menschen sind Flöhe, die auf den Ratten leben und deren Blut saugen. «Voraussetzung für das Wiederauftreten der Pest ist ein enges Zusammenleben von Ratten und Menschen», sagt Hansjakob Furrer von der Universitätsklinik für Infektiologie in Bern. Dann nämlich «verirren» sich Rattenflöhe auch auf Menschen und übertragen mit ihrem Biss die Pestbakterien. «In Afrika und Asien ist das öfter der Fall, weil dort das Gesundheitswesen weniger gut ausgebaut ist. Das ermöglicht die Ausbreitung der Seuche», erklärt Furrer.

Madagaskar, die dem afrikanischen Kontinent vorgelagerte Insel, ist eines der ärmsten Länder der Welt und damit eines jener Gebiete, wo Menschen und Ratten sich zwangsläufig näher kommen: Die unzureichende Müllabfuhr sorgt dafür, dass sich die Nager prächtig vermehren. Zudem fliehen diese zur Regenzeit aus den überfluteten Kanalisationen an die Oberfläche und erhöhen damit die Wahrscheinlichkeit einer Pestepidemie. Erschwerend kommt hinzu, dass die Flöhe immer resistenter werden gegen Insektengifte, die auf Madagaskar viel benutzt werden.

Vereinzelte Pestfälle treten aber auch immer wieder in reichen Ländern wie den USA auf. Pestträger sind hier Präriehunde und Murmeltiere, deren Flöhe über den Kontakt mit Hunden und Katzen auch Menschen befallen können.

Potenzial zur Biowaffe

Wer von einem infizierten Floh gebissen wird, bei dem stellen sich nach wenigen Tagen hohes Fieber und Schüttelfrost ein. Hinzu kommen schmerzhaft geschwollene Lymphknoten, die wie Beulen unter der Haut hervortreten. Die sogenannte Beulenpest überlebt rund die Hälfte der Infizierten auch ohne Behandlung. Befallen die Erreger die Lunge, spricht man von Lungenpest. Der Kranke hustet Blut, wodurch die Erreger durch ausgehustete Flüssigkeitströpfchen auch von Mensch zu Mensch übertragen werden. Die Lungenpest endet unbehandelt innerhalb weniger Tage meist tödlich.

Die WHO zählt den Pesterreger zum «dreckigen Dutzend», den zwölf gefährlichsten biologischen Kampfstoffen. «Der Pesterreger ist relativ leicht aus der Umwelt zu isolieren und zu vermehren. Er liesse sich auch leicht als Aerosol, ein Gemisch aus Schwebeteilchen und Luft also, ausbringen und könnte so schwere Erkrankungen mit einem zusätzlichen Panikpotenzial hervorrufen», erklärt Roland Grunow vom Zentrum für biologische Sicherheit des Robert-Koch-Instituts in Berlin die Einstufung von Yersinia pestis. «Denn derzeit gibt es lediglich experimentelle Impfstoffe», warnt der Sicherheitsexperte.

Schon im Mittelalter warf man Pesttote über die Mauern belagerter Städte. Und im Zweiten Weltkrieg erprobten Japaner die Biowaffe auf besonders perfide Art: Soldaten warfen mit Pest verseuchte Flöhe aus Flugzeugen über chinesischen Ortschaften ab, was zu mehreren lokalen Pestausbrüchen führte. Damals begann der Siegeszug der Antibiotika gerade erst. Heute gilt generell: Wird die Pest frühzeitig erkannt, lässt sie sich gut mit Antibiotika behandeln – sofern diese wirken.

Resistenzen als Problem

«Wir haben auf Madagaskar Pesterregerstämme gefunden, die auf gängige Antibiotika nicht angesprochen haben. Glücklicherweise sind das aber Ausnahmen», sagt Elisabeth Carniel vom Institut Pasteur. Dennoch müssen alle aufflackernden Pestepidemien engmaschig kontrolliert werden. Die Erfahrung lehrt, dass sich Erreger laufend verändern und neu anpassen. Bei der Tuberkulose etwa sind mittlerweile einige Erregerstämme multiresistent, sprechen also auf eine Vielzahl verschiedener Antibiotika nicht mehr an. Wer sich mit einem solchen Keim ansteckt, muss 20 Monate lang täglich mehrere Medikamente einnehmen, damit die Bakterien alle abgetötet werden.

Die Pest wird sich vermutlich niemals vollständig ausrotten lassen. Die gefürchtete Seuche liesse sich aber, so wie viele andere Infektionskrankheiten auch, besser kontrollieren. Dazu müsste man allerdings die grösste Geissel der Menschheit besiegen: die Armut.

Berner Zeitung

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