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«Wichtig war die Gitarre am Rücken»

Seit 1972 erlaubt der Interrail-Pass zu einem vernünftigen Preis die freie Fahrt in der 2. Klasse während eines Monats. Interrail sollte es eigentlich nur neun Monate lang geben. Doch es kam anders.

Mit dem Zug durch Europa: Ein Tourist im Bahnhof von Nizza in Südfrankreich.
Mit dem Zug durch Europa: Ein Tourist im Bahnhof von Nizza in Südfrankreich.
Keystone

Noch heute gehört Interrail zum Initiationsritus für flügge werdende Jugendliche. Das Ticket, das Zugtüren öffnet und Grenzen sprengt, feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag. Es ist erwachsen geworden - aber kein bisschen altbacken. «Einst galt als Held, wer mit blossem Daumen Kathmandu erreichte. Dann kam InterRail und damit bezahlbares Bahnreisen quer durch Europa», erinnert sich einer, der noch mit dem Daumen reiste.

Der Pass, 1972 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Internationalen Eisenbahnverbands als Spezialangebot lanciert, erlaubte freie Fahrt in der 2. Klasse während eines Monats. In den Archiven findet sich lediglich der Preis von 470 Norwegischen Kronen - umgerechnet zum damaligen Wechselkurs rund 270 Franken.

«Eine stählerne Bahnhofsbank tat es, wenn der Anschluss nicht klappte. Ich erinnere mich an eine in Paris, aber vor allem die Fritten danach in Ostende, als wir auf die Fähre nach Irland warteten. Das Essen war möglichst billig, die Jugi sollte es auch sein. Wichtig waren die Gitarre am Rücken und das Bier in der Hand», erinnert sich eine, die mit InterRail erwachsen geworden ist.

Der Hund in Helsinki

20 Länder beteiligten sich 1972 an InterRail: Die freie Fahrt konnte in Norwegen beginnen und in Portugal enden. Der Pass war gültig von England über die DDR bis Polen, von Griechenland bis Finnland. «Sommer in Helsinki: Die Nacht war taghell, das Olympiastadion abgeschlossen. Egal - wir wollten einfach einmal auf olympischem Rasen einen Ball ins Tor kicken. Der Zaun war nur ein kleines Hindernis. Anders der Sicherheitsmann mit Hund. Als wir unsere Habe zusammenrafften, fehlte mein Schlafsack. Für mich ist Helsinki deshalb die kriminellste Stadt, die ich kenne», sagt einer schmunzelnd, der normalerweise mit dem Velo die Welt entdeckt.

InterRail sollte es eigentlich nur neun Monate lang geben. Doch es kam anders: «Der Erfolg war derart gross, dass das befristete Spezialangebot dauerhaft wurde», erklärt Petra Jabroer von Eurail. 88'000 Pässe wurden 1972 verkauft. Aber das war erst der Anfang. 1990 wurden europaweit 372'000 Pässe verkauft.

«Ich verbinde mit InterRail den Duft der grossen weiten Welt, aber auch Entbehrungen, ungewaschene Kleider und Jugendliche, schlaflose Nächte, unterschätzte Gefahren, naive Reisende, rauchen, saufen, kiffen - eigentlich einfach Sorglosigkeit», sagt eine, die nie mit InterRail unterwegs war.

Nette Schweizer Kondukteure

Der Bahnpass ging mit der Zeit, passte sich dem Lifestyle, aber auch den politischen Umständen an: 1973 stiegen die DDR und Polen aus dem Angebot aus; das Alterslimit wurde auf 23 Jahre erhöht. Ab 1979 durften Junge bis zum Alter von 26 Jahren interrailen. Ab 1985 war auch die Türkei mit InterRail erreichbar.

«Der erste Halt war natürlich Amsterdam. Ich tingelte durch Europa und auf den letzten Drücker reiste ich von Barcelona ohne Halt nach Istanbul. Das Geld reichte noch knapp für ein Zugbillett an die Schweizer Grenze, aber nicht mehr für Essen oder Schlafen. Verköstigt haben mich die türkischen Gastarbeiter auf dem Rückweg in die Schweiz. Auch die Schweizer Kontrolleure spendierten mir Kaffee und halfen mir, in die Innerschweiz zu kommen», erzählt ein schon etwas in die Jahre gekommener Interrailer.

1989 wurden InterRail für Erwachsene eingeführt. Mehr Länder kamen hinzu - aber auch weniger wurde möglich: Der Zonen-Pass für eine Region wurde eingeführt - etwas billiger als der globale Pass und allemal ausreichend für einen Monat Ferien auf Schienen.

Standpauke im Zug

«Wir reisten zügig durch Irland und England - das Rauchverbot in Zügen gab es schon. So zog ich mir mit einer Freundin im WC eine Zigarette rein. Der Kontrolleur erwischte uns und hielt uns eine deftige Standpauke. Zum Schluss schickte er uns wieder ins Kabäuschen - wir sollten doch noch unsere Zigis fertig rauchen», erzählt ein Interrailer, dessen Erinnerungen noch frischer sind.

2007 wurde das Zonensystem über Bord geworfen. Dafür wurden Länderpässe für 30 Länder eingeführt mit unterschiedlicher Anzahl freier Fahrten innerhalb unterschiedlicher Gültigkeitsdauern. Plötzlich wurde InterRail auch für Familien interessant, die nun für wenig Geld bis Sizilien oder Sylt reisen können. Sogar Geschäftsleute reisen per InterRail, denn es kann günstiger sein als ein Retourticket.

«Interrail? Das ist mein blauer Tramper mit Eisengestell.» Heute reisen die Jungen mit bequemeren Rucksäcken und vielleicht gar Rollkoffern. Sie nächtigen weniger in Jugendherbergen und etwas mehr auf fremden Sofas. Das Gefühl ist dasselbe geblieben. 2011 haben noch immer 280'000 Menschen den Pass genutzt.

Rebecca Vermot/ sda

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