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Wie unterscheiden sich Sarkasmus, Ironie und Zynismus?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Rhetorik.

Peter Schneider
Die hohe Kunst des Verständnisses besteht darin, die Fremdheit des anderen anzuerkennen und auszuhalten. Foto: Getty Images
Die hohe Kunst des Verständnisses besteht darin, die Fremdheit des anderen anzuerkennen und auszuhalten. Foto: Getty Images

Vor kurzem habe ich mich mit meiner Nichte unterhalten, und dabei sind wir bei der Frage nach dem feinen Unterschied in der Bedeutung von Sarkasmus, Ironie und Zynismus stecken geblieben. Können Sie uns weiterhelfen? M.K.

Lieber Herr K.

Nimmt man nur die Lexikon-Definitionen, dann sind die Unterschiede gar nicht so fein, sondern ziemlich klar und überschaubar. Doch in der ironisch-sarkastischen-zynischen Wirklichkeit sieht die Realität oft viel durchwachsener aus.

Ironie ist eine Form des uneigentlichen Sprechens, bei der das Gemeinte in der Regel durch das Gegenteil dargestellt wird. Um dadurch entstehende Missverständnisse zu vermeiden, haben sich manche Twitter-Benutzer zum Beispiel angewöhnt, hinter ihre Kommentare ein erklärendes «Ironie off» anzufügen. Damit ist die schönste Ironie natürlich gleich wieder im Arsch.

Sarkasmus ist kaum verschlüsselter, aggressiver Hohn. Während es immer wieder vorkommt, dass Ironie nicht erkannt wird, ist es eher schwierig, Sarkasmus zu überhören. Wenn man im Auto vor einer grünen Ampel steht und jemand einem zuruft: «Grüner wirds nicht», wird man das kaum als nützliche Information (miss)verstehen. Wenn man nun seinerseits schlagfertig entgegnet: «Da haben Sie aber noch keine irische Ampel gesehen» – was wäre das dann? Ironisch? Jedenfalls uneigentlich gesprochen: Statt mit «Reg dich nicht so auf, du Dubel» zu kontern, macht man einen geradezu subtilen Scherz. Im idealen Fall finden den beide witzig, und die soziale Konfrontation löst sich auf in einem gemeinsamen Grinsen. Im wahrscheinlicheren Fall jedoch verzichtet der andere im weiteren Diskurs auf komplexe rhetorische Figuren und begnügt sich mit der Aufforderung, man soll nicht dumm quatschen, sondern endlich fahren.

Zynisch ist es, den Spruch von der nicht noch grüner werdenden Ampel gegenüber einem blinden Fussgänger zu äussern. (Wir wollen die Situation ja nicht unnötig durch die Annahme verkomplizieren, bei dem Blinden handle es sich um einen Autofahrer.) Nun kann etwas objektiv zynisch sein (wie im Blinden-Fussgänger-Beispiel), subjektiv aber nicht (wenn der Sprecher nicht weiss, dass der Angesprochene blind ist). «Zynismus» ist ein beliebter moralischer und politischer Vorwurf. Er zielt in der Regel darauf, einen Sprecher der selbst verschuldeten Ahnungslosigkeit zu beschuldigen. Wer sagt, die Unterschicht solle sich doch bitte gesünder ernähren, spricht aus der bornierten Position eines privilegierten Oberschichtlers, der nicht weiss, was Biogemüse kostet. Ist es aber in gleichem Sinne zynisch, wenn jemand sagt, jedes Volk habe die Regierung, die es verdiene? Oder ist es ein aufklärerischer Hinweis darauf, dass man Demokratie nicht geschenkt bekommt, sondern erkämpfen muss? Alles unklar? Gut.

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Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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