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Magische Momente bei Ötzi

8 Hobbysportler aus 560 Bewerbern qualifizierten sich für den einwöchigen Alp Cross 2012. Eine anspruchsvolle und atemberaubend schöne Nord-Süd-Alpenquerung vom Ötztal zum Schnalstal.

Fühlen sich 75 Kilometer und 8000 Höhenmeter kürzer an, wenn man einem Star der Alpinszene hinterherläuft? Die Frage mag sich Trailrunner François gestellt haben auf der 800-Kilometer-Autofahrt vom belgischen Thuin ins öster- reichische Ötztal. Oder auch Snowboardlehrerin Natalia, die 20 Stunden mit dem Bus aus der Nähe von Krakau angereist ist. Für manch einen der AlpCross-Aspiranten geriet bereits die Anfahrt zum ersten Ausdauertest für das anspruchsvolle Projekt: in sieben Tagen über hochalpine Routen den Hauptkamm queren, von Nord nach Süd, von Oberried im Ötztal über den Geigenkamm ins Pitztal und über die Wildspitze, den höchsten Berg Tirols, ins Südtiroler Schnalstal.

560 Bewerber für 8 Plätze

Das Ganze «by fair means», das heisst aus eigener Kraft, ohne Lifte zu benützen, das Nachtlager in einfachen Hütten oder direkt unter den Sternen. Dafür mit prominenter Unterstützung: zusammen mit Bergprofis wie Outdoorfotograf Bernd Ritschel, Wetterpapst Karl Gabl, Urgestein Hans Kammerlander und Chamonix-Guide Yann Delévaux die Gipfel erklimmen – so lautete das Programm für den Gore Alp Cross 2012. Seit 2010 schickt das Unternehmen W. L. Gore im Rahmen seiner Experience-Tours ambitionierte Amateure mit Topalpinisten ins Gelände. «Lernen von den Experten» lautet das Motto. Rund 560 Hobbysportler aus halb Europa kämpften um die acht Plätze. Ende August ist es so weit – für Marine (25) und Yacine (35) aus Frankreich, für Erica (21) und Lorenzo (27) aus Italien, für François (48) aus Belgien und Natalia (26) aus Polen, für Philipp (48) aus Deutschland und Tiziana (29) aus dem österreichischen Leoben.

Wie zu Beginn des Alpinismus

Das Pensum: vier bis neun Stunden marschieren pro Tag, Aufstiege bis 1400, Abstiege bis 1700 Höhenmeter. Mit 3768 Metern soll die Tiroler Wildspitze Höhepunkt sein – für einige der bisher höchste Berg, dazu der erste Gang über Gletscher. Ein echtes Outdoorabenteuer, akribisch geplant von Bergfotograf Bernd Ritschel. Ihm zur Seite steht Bergführer Patrick Hediger aus Zug. Der Schweizer trägt mehr als seinen 15 Kilo schweren Rucksack inklusive Sicherungsmaterial – als Bergführer trägt er die Verantwortung für den Alp Cross.

Die erste Etappe ist kurz. Es ist schwül, als der Treck durch dichten Nebel zur Hauerseehütte (2383 Meter) hinaufsteigt, einem flach hingeduckten Natursteinbau für Selbstversorger. Mit dabei ist Bergveteran Hans Kammerlander. Beim Aufwärmtee fängt Hans an zu erzählen, von neuen Projekten – und aus seinem Leben. Als echter Bergler ist er keiner, der ständig redet. Seine Kommentare sind knapp und humorvoll. Yacine blättert derweil in Bergzeitschriften. Darin findet er Bilder von Kammerlander: Kammerlander am K2, Kammerlander in der Steilwand, Kammerlander in allen Lebensphasen. Yacine staunt. Neben ihm sitzt eine Ikone.

Steinböcke im Gulasch

Auf eine ruhige Nacht im Matratzenlager folgt das Zähneputzen im Morgengrauen, draussen am See. Abmarsch um halb sieben. Der nächtliche Regen lässt nach. Siebeneinhalb Stunden dauert das stete Rauf und Runter, über fünf Übergänge, über nasses Gestein, Schotter, Brocken, Schrofen. Kaum Sicht. An der Luibisscharte schlägt Hediger mit dem Pickel Stufen ins Toteis – ein Bild wie aus den Anfängen des Alpinismus. Das Eis ist aper und glitschig, niemand soll stürzen. Ein paar Hundert Meter weiter passiert genau das – eine der Frauen gleitet zwischen Blockfelsen aus und fällt aufs Knie, humpelt. Kammerlander übernimmt ihren Rucksack. Im Gegensatz zum Wetter ist die Moral der Gruppe ausnehmend gut.

Am Ende des Tages, auf dem Gipfel des Gahwinden auf 2649 Metern, schart sich die Truppe ein letztes Mal um Kammerlander, er verlässt das Team. Gruppenbild. Hediger gibt einen Schweizer Jodel zum Besten. 300 Meter darunter liegt die Rüsselsheimer Hütte im dichten Nebel. Steinböcke solls hier geben. Doch die kriegt die Gruppe erst auf dem Teller zu Gesicht: als Gulasch. Lorenzo, Zahnarzt aus Bologna, staunt. Yacine staunt auch, bestellt dann einen riesigen Salat. Seine Familie stammt von algerischen Berbern ab. Für ihn kommt nur Fleisch infrage, das «halal» ist, nach islamischem Gesetz geschlachtet.

«No fear, no fun!»

Am Abend hat es geschneit wie verrückt, am nächsten Morgen zeigt sich die Welt wie neu. Der Himmel glänzt blitzblau und reingewaschen. Jetzt, am dritten Tag, hinterlässt das tägliche Marschieren bei manchem seine Spuren. Doch Hediger freut sich, wie schnell das grosse Team vorankommt. Gedanklich stellt er schon die Seilschaften für die Wildspitztour zusammen.

Die nächsten zwei Tage ist Bergführer Yann Delévaux, 33, dabei. Auch er zählt zum alpinen Spitzenpersonal, seit zwölf Jahren arbeitet er für die Compagnie des Guides de Haute Montagne in Chamonix, eine Art Elitetruppe. «Habt ihr Angst?», fragt er zu Beginn und fügt an: «No fear, no fun!» Dann erklärt er, sachlich und schlicht, wie Steigeisen funktionieren – und wie man damit läuft: «Es ist nicht schwierig. Aber wenn man es falsch macht, kann es sehr ermüden.» Nach einem ausgiebigen Abendessen auf dem Taschachhaus verschwindet die Mannschaft früher als sonst in den Lagerbetten. Alle haben Respekt. Vor der Tour. Vor dem Berg.

Eine Welt aus Eis

Wildspitze! Der grosse Tag beginnt. Aufstehen um 3.45 Uhr. Abmarsch um fünf. Es ist stockdunkel. Im Kegel der Stirnlampen geht es eine Stunde über Felsen. «Gut, dass es so finster ist, dann sieht man den Abgrund hier links nicht», witzelt Philipp. Am Rand des Gletschers binden Hediger, Delévaux und Ritschel ihre Leute ins Seil. Während Delévaux nach Chamonix-Manier ein flottes Gehtempo anschlägt, folgt Hediger mit seiner Seilschaft etwas verhaltener: Der Weg ist ja noch weit. «La force tranquille», so hat François den Schweizer Führer genannt, die ruhige Kraft.

Langsam wird es hell. Zu dieser frühen Stunde, im ersten Licht, in einer Welt aus Eis – ein Glücksmoment. Erstaunlich flach geht es hinauf zum Mittelkarferner, dann in einer grossen Rechtskurve unter Seracs hindurch und steiler hinauf zum Brochkogeljoch. «Der Gletscher ist je nach Saison ganz schön zerrissen», hat Hediger abends zuvor gesagt. Im Steilhang zieht die Spur über Schneebrücken und klaffende Spalten. Ansonsten zeigt sich der Gletscher zahm. Bis Marine plötzlich einbricht, bis zu den Knien in einer Spalte steckt, ohne Boden zu fühlen. «Jetzt weiss ich, warum wir am Seil gehen», sagt sie.

Nette und weniger nette Wolken

Um halb elf steht das erste Team auf dem Gipfel. Das Wetter: Sonne pur. Doch zum Bestaunen der umliegenden Bergriesen bleibt kaum Zeit, der Abstieg wartet, mit einer felsigen, gesicherten Kletterpassage zu Beginn. Bald darauf erscheint das nächste Hindernis im Parcours: eine knapp 40 Grad steile Firnflanke. Wieder sorgt Marine für eine Schrecksekunde. Mit einem Schrei rutscht sie auf dem Blankeis aus. Die Gefährten stoppen den Fall. Ritschel drängt zur Eile, denn aus den Südwänden des Berges krachen Felsbrocken zu Tal.

Am fünften Tag holt Karl Gabl die Weitwanderer an den Rofenhöfen ab. Gabl, weltweit renommierter Meteorologe und langjähriger Bergführer, ist frisch in Rente. Offiziell. «Fertig» mit seiner Arbeit ist er nicht. Mit seinen genauen Prognosen verhalf Gabl Spitzenalpinisten wie Gerlinde Kaltenbrunner zu zahlreichen Gipfelerfolgen. Auf dem Weg zur Similaunhütte beginnt Gabl zu erzählen. Erklärt die netten Wolken, die weniger netten und das 3-Schichten-System. «Wolken sind ja nicht mit Nägeln an den Himmel getackert, sondern stets in Bewegung», erklärt er bei einem Stopp. Wie auf Kommando zieht es zu. Abends verkündet Ritschel, dass die Biwaknacht am Schröfenwandsattel entfällt. Schade. Kräftiger Niederschlag kündigt sich an.

Besuch bei Ötzi

Ein letztes Mal heisst es also: frühmorgens raus, im Dunkeln los. Über Blockwerk aufs Hauslabjoch, zum Ötzi-Denkmal. Um sieben stehen Erica, François und der Rest der Gruppe im ersten Licht an der berühmten Steinsäule. Ein magischer Moment. Wolkenfetzen ziehen umher, orangegrau beleuchtet, eine mystische Szenerie. Berührende Ausblicke. Als sich die Wattewolken kurz heben, grüsst der Similaun herüber. Sein Gletscher ist schwarzgrau schraffiert wie die Haut eines Elefanten. Einige schweigen. Alle fotografieren. Jeder konserviert den Augenblick auf seine Weise. Kurze Andacht für den prominentesten Ötztaler, der seine Eisdecke gegen das Panzerglas eines Bozener Museums tauschen musste.

Beim Abschlussdinner feiern die erfolgreichen Alp-Crossler: In der um einen Tag abgekürzten Woche bewältigten sie 69 Kilometer Strecke, über 5000 Höhenmeter und ebenso lange Abstiege. Es war eine Tour durch alle Jahreszeiten, durch Regen, Kälte, Hitze, Schnee, Sonne. Dann packt Marine eine goldrote, rostige Keksdose mit dem Schriftzug «L’ Alsacienne» auf den Tisch. Ein Fundstück vom Taschachferner, das sie aus dem Eis gezogen hat. Diese Dose soll zwölf Monate die Runde unter den Teilnehmern machen, stets neu gefüllt, von Geburtstag zu Geburtstag. Ein schönes Projekt.

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