Von Massenvernichtung zum Massentourismus

Unweit der Schweizer Grenze lagerten die Nazis einst Senfgas und Sarin. Nun entsteht auf dem Areal ein Freizeitpark für jährlich 300'000 Touristen.

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Ein geheimnisvoller Ort ist dieses Urlau bei Leutkirch in Bayern. Es handelt sich um einen bewaldeten Hügel, rund eine Stunde Autofahrt von St. Gallen entfernt, auf dem derzeit ein gigantischer Freizeitpark entsteht.

Urlau war seit den Dreissigerjahren Hochsicherheitsbereich. Die Nationalsozialisten liessen mehr als 80 Bauern enteignen, um auf ihrem Grund ein riesiges Munitionsdepot zu errichten, in dem auch chemische Kampfstoffe wie Sarin und Senfgas lagerten. Es war Hitlers Giftgashügel, sozusagen, allein die Länge des Strassennetzes von 22 Kilometern verdeutlicht die Dimension der Anlage. 200 Gebäude, Bunker und Baracken hatten die Nazis in den Wald gepflanzt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Giftgasgranaten abtransportiert und in der Nordsee versenkt.

Der Park soll im Oktober 2018 eröffnen

Die ehemalige Heeresmunitionsanstalt Urlau nutzten in der Folge die Bundeswehr und die US-Army, die dort während des ersten Golfkrieges mit Raketentransporten für Aufsehen sorgten. Gerüchten zufolge lagerten in Urlau auch atomar bestückte Waffen, offiziell wurde das aber nie bestätigt. 2007 gaben die Soldaten den Standort auf. Vor eineinhalb Jahren brach dann eine neue Ära für den Ortsteil von Leutkirch an – weg von den Massenvernichtungswaffen, hin zum Massentourismus. Das Unternehmen Center Parcs kaufte das Gelände und verwandelt den einst mit Bunkern gespickten Hügel nun in eine grosse Freizeitlandschaft.

Dim Hemeltjen sitzt in seinem Büro in einem Baucontainer und strahlt ob der Aufgabe, die er zu erfüllen hat, eine fast schon besorgniserregende Ruhe aus. Der 39-jährige Niederländer ist Projektleiter beim Bau des «Center Parc Allgäu» und muss dafür garantieren, dass bis zur Eröffnung im Oktober 1000 Ferienhäuser, ein riesiges tropisch bepflanztes Spassbad, eine Wasserrutsche, ein Spa mit Restaurants, Supermarkt und Geschäften im Urlauer Wald entstehen. 350 Millionen Euro haben Investoren des einst niederländischen und nun französischen Tourismuskonzerns zur Verfügung gestellt, damit von diesem Herbst an jährlich 300'000 Menschen in dem neuen Park Urlaub machen.

Die Hartnäckigkeit des Bürgermeisters

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer pro Kopf, so hat es Center Parcs errechnet: dreieinhalb Tage. Damit kommt man auf rund eine Million Übernachtungen im Jahr auf dem Hügel, 700 Meter über Normalnull. Ein gewaltiger Ansturm von Gästen wird das. Das Überraschende ist, dass die Einheimischen nichts dagegen haben.

Leutkirchs Oberbürgermeister hat den Park quasi im Alleingang ins Allgäu geholt. Hans-Jörg Henle, seit 2008 im Amt, stand vor dem Problem, dass Urlau mit all den militärischen Anlagen zivil nicht nutzbar war. Munition und Granaten lagen noch im Erdreich verborgen, die teils eingestürzten Bunker standen einer anderweitigen Bebauung buchstäblich im Weg.

Zunächst gab es Pläne zum Bau eines Grosssägewerkes im Wald, diese erwiesen sich aber «als wirtschaftlich nicht tragfähig», wie sich Henle erinnert. Urlau drohte zur ewigen Altlast zu werden. Als der Bürgermeister dann aber von einem aus Umweltschutzgründen gescheiterten Center-Parcs-Projekt in Mittelfranken hörte, kam ihm die Idee. Wenn er die Investoren ins Allgäu locken könnte, wären eine ganze Reihe von Problemen auf einen Streich gelöst.

Henle schickte sofort eine Flut von Faxen und E-Mails an alle Adressen von Center Parcs, die er finden konnte. Immer wieder lud er die Verantwortlichen zu einem Besuch ein. Projektentwickler Hemeltjen ist noch heute beeindruckt von der Hartnäckigkeit des Oberbürgermeisters. «Wir dachten, der kommt jetzt gleich vorbei und legt sich bei uns so lange vor die Tür, bis wir uns sein Gelände ansehen.»

Es gibt schon Buchungen für mehr als 100'000 Gäste

Schliesslich sei einer seiner Kollegen nach Urlau gefahren – und wider Erwarten begeistert zurückgekommen, so Hemeltjen. Trotz der militärischen Hinterlassenschaften sei der Standort ideal. Bislang hat Center Parcs keinen Standort in Süddeutschland. Mit der neuen Anlage kann nun ein Einzugsgebiet bis Norditalien abgedeckt werden – von Zürich aus ist man per Auto etwa gleich schnell in Urlau wie im Europapark in Rust. Die ersten Buchungszahlen zeigen, dass die Rechnung offenbar aufgeht. Mehr als 100'000 Touristen haben schon ihren Urlaub im «Center Parc Allgäu» gebucht.

Für Hemeltjen ist es der fünfte Park, den er baut. Drei in Frankreich und einen in Saarland hat er bereits hinter sich. Mit diesen Erfahrungen im Rücken wirkt er sehr gelassen, wenn er über die Baustelle spricht, die mit anderen nicht vergleichbar ist. Rund 800 Arbeiter sind täglich in dem 180 Hektar grossen Waldstück zugange, unzählige Lastwagen und Kräne im Einsatz. Drei bis sechs Ferienhäuser werden jeden Tag fertiggestellt. «Auf der Liste der grössten Baustellen in Deutschland sind wir auf Platz 18», berichtet Hemeltjen bei einem Rundgang über das Gelände. Während er spricht, entsteht gerade hinter ihm ein neues Ferienhaus.

Wird der Park bis im Herbst fertig? «Das klappt.»

Ein Lastwagen bringt die vorgefertigten Aussenwände aus Holzrahmen, die mit einem Kran auf eine betonierte Bodenplatte gehoben werden. Ein weiterer LKW liefert die sogenannte Kabine, ein komplettes, durchaus schickes Bad mit Fliesen in Holzoptik, die ebenfalls von einem Kran ins Haus gehoben wird. Dann kommt noch ein Kamin, und schliesslich rücken die Zimmerer an, um das Gebäude mit dem Dach zu verschliessen.

Die Innenausstatter montieren anschliessend noch etliche Extras: eine Sauna, eine Küche mit allem Schnickschnack samt Geschirrspüler und natürlich einen Flachbildfernseher. Aus der Sicht eines Laien geschieht das alles in atemberaubender Geschwindigkeit, und doch kommen Zweifel auf, ob aus dem komplett umgepflügten Areal tatsächlich bis Herbst ein funktionierender Freizeitpark wird. Hemeltjen sagt: «Das klappt.» Notfalls werde die Zahl der Bauarbeiter auf 1000 aufgestockt.

Vorteile überwiegen für Einheimische

Die Einheimischen sehen die Aktivitäten mit Wohlwollen. 95,1 Prozent stimmten in einem Bürgerentscheid für das Projekt. Um auch von den jüngeren Leutkirchern ein Meinungsbild zu bekommen, wurde überdies in den Schulen eine zusätzliche Abstimmung organisiert. Auch die 3000 Kinder und Jugendlichen sprachen sich mit 95 Prozent ganz klar für den Park aus. Als Einheimische erhalten sie schliesslich Rabatt beim Besuch der neuen Badelandschaft.

Natürlich gibt es auch skeptische Stimmen. Steigen die Immobilienpreise in der Region, wenn im Freizeitpark bis zu 1000 neue Arbeitsplätze entstehen? Die Vorteile würden klar überwiegen, sagt der OB. Tatsächlich ist der Wald jetzt frei von militärischen Altlasten. Ortungsteams haben das Gelände durchkämmt und dabei sechs Tonnen Munition gefunden. Wirtschaftlich verspricht sich die Stadt durch den Tourismus eine Belebung für Geschäfte und Gastronomie in der Umgebung. Henle spricht von einem «Glücksfall», sowohl für Leutkirch wie auch für die bayerische Nachbargemeinde, den Markt Altusried.

Bauherren waren die besseren Naturschützer

Nicht so euphorisch waren die grossen Naturschutzverbände BUND und Nabu, als sie von den Plänen in Urlau hörten. Wie ist es mit dem Natur- und Artenschutz bestellt, wenn Bagger das Waldgebiet umpflügen? Center Parcs reagierte auf die Vorbehalte mit einer Art grossen Umarmung. Man bot den Naturschützern an, sie sollten Experten auf das Gelände schicken, zudem wurde auch von den Projektentwicklern ein Team losgeschickt.

Das Ergebnis verblüffte die Naturschutzverbände: Ihre Leute hatten weniger bedrohte Arten gefunden als die des Bauherrn. «Das schuf Vertrauen», erinnert sich der OB. Nun kümmern sich gleich mehrere Beauftragte laufend um den Artenschutz: Es gibt einen Spezialisten nur für Insekten, einen für Vögel und einen für Fledermäuse. Für sie wurde eigens ein ehemaliger Bunker umgebaut. Er heisst jetzt «Fledermaushotel».

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