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Die weite Welt im trauten Heim

Eine junge Firma schenkt in Heimberg ausgemusterten Flugzeugteilen ein zweites Dasein. Daniel Schwerzmann und sein Team fertigen aus Propellerblättern, Sitzreihen oder Triebwerkseinlässen schicke Möbel.

Die Macher: Andreas von Allmen (links) und Daniel Schwerzmann mit alten Flugzeugteilen in ihrer Werkstatt in Heimberg.
Die Macher: Andreas von Allmen (links) und Daniel Schwerzmann mit alten Flugzeugteilen in ihrer Werkstatt in Heimberg.
Patric Spahni
Möbel aus Material, das über den Wolken war: Ein Salontisch aus einem Flügelendstück einer Bombardier CRJ-200 ...
Möbel aus Material, das über den Wolken war: Ein Salontisch aus einem Flügelendstück einer Bombardier CRJ-200 ...
zvg
... und ein zum Flaschenregal umfunktionierter Trolley der Southwest Airlines.
... und ein zum Flaschenregal umfunktionierter Trolley der Southwest Airlines.
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Die Schatzkammer ist ein Schiffscontainer. Und wer das Reich von Daniel Schwerzmann und seinen Kollegen betritt, unternimmt eine Reise durch die Luftfahrtgeschichte. Zwei Sitzreihen und der Triebwerkseinlass einer ausgemusterten Boeing 737 der US-Gesellschaft South­west Airlines stehen darin. Die Tanks einer Mirage der Schweizer Luftwaffe. Heckflossen und Rotorblätter von alten Helikoptern. Fenster und Notausgänge einer zweimotorigen ATR-Propellermaschine.

Alte Helikopter- und Flugzeugteile im Wert von mehreren Zehntausend Franken lagern im roten Container, der auf dem Hof einer Metallbearbeitungsfirma in Heimberg bei Thun steht. Die Teile stammen zum grössten Teil von einem Flugzeugfriedhof bei Stuttgart im US-Bundesstaat Arkansas.

Der 34-jährige Pilot und Flugverkehrsleiter Schwerzmann und seine drei Geschäftspartner haben sie vor Ort ausgesucht, gekauft und via Mississippi und Rotterdam in die Schweiz verschiffen lassen. Jetzt stellen die Jungunternehmer daraus Möbel her; Tische, Bilderrahmen und Flaschenregale zum Beispiel.

Fahrwerksklappen

Möbel aus alten Flugzeugteilen? Klingt erst einmal merkwürdig, ja. Wenn Schwerzmanns Geschäftspartner Andreas von Allmen (33) dann aber die Hausbar zeigt, die aus einem Zusatztank der Fahrwerksklappe einer Mirage entstanden ist, den Salontisch, den er und die Kollegen aus dem Flügel einer Bombardier-Maschine gefertigt haben, oder den zum Brennholzaufbewahrungsschränkchen umfunktionierten Trolley aus einem Edelweiss-Air-Jet, macht alles Sinn.

Was die Männer der 2016 entstandenen Firma Bernoulli Design herstellen, sieht schick aus. Wirklich aussergewöhnlich daran ist aber, dass jedes Stück eine Geschichte erzählt. «In 12 Kilometern Höhe, mitten in Unwettern und in den grössten Städten der Welt: Wir wissen von jedem Teil, das wir verarbeiten, wo es war», sagt von Allmen.

Genau das steht auch im «Letter of Origin» im Lederetui, der mit jedem Bernoulli-Möbel geliefert wird: von welchem Flugzeug welcher Airline die verbauten Teile stammen und wo sie überall hingeflogen sind. Von Allmen lächelt. So könne man sich ein Stück weite Welt nach Hause holen, sagt er.

Rotorblätter

Daniel Schwerzmann, der Firmenchef, steht in der Werkstatt neben seinem Kollegen, schraubt Schwingungsdämpfer von ausgemusterten Flugzeugfenstern ab. Dann erzählt er, wie das alles begann; wie er schon vor zwölf Jahren aus purer Freude an allem, was mit Aviatik zu tun hat, ein Flaschengestell aus Rotorblättern gebastelt hat, das dann besser aussah, als er es sich vorgestellt hatte. Wie die Idee, aus Flugzeugteilen Möbel herzustellen, über viele Jahre gereift ist. Wie abenteuerlich die Reise auf den Flugzeugfriedhof in Arkansas war.

Schwerzmann erzählt, wie der Schweizer Mathematiker Daniel Bernoulli im 18. Jahrhundert herausfand, dass in einer Strömung ein Geschwindigkeitsanstieg von einem Druckabfall begleitet wird, diese nach ihm benannte Gleichung für die Aviatik äusserst wichtig ist und Bernoulli darum der perfekte Namensgeber für seine Firma sei. Und Schwerzmann erzählt auch, wie stolz er sei, jetzt, jedes Mal, wenn ein Möbel die Werkstatt in Heimberg verlasse.

Ein knappes Dutzend Stücke hat Bernoulli Design bisher ausgeliefert, einige sind derzeit in einem Möbelhaus in Gerlafingen und am Flughafen Belp ausgestellt. Es sind Einzelstücke, die komplett von Hand gefertigt werden, mit Holz, Glas, Leder, Metall. Das hat seinen Preis. Um 9000 Franken zum Beispiel kostet die Hausbar aus der Mirage, knapp 4000 das Flaschenregal aus den Fenstern einer ATR-Propellermaschine. Einen zurechtgemachten Trolley gibt es je nach Ausführung für um 1100 Franken.

Bei der Möbelherstellung gebe es kaum Grenzen, sagt Schwerzmann. «Wir versuchen, jede Idee unserer Kunden umzusetzen. So lange es das originale Flugzeugteil erlaubt, ist alles möglich.»

Schiffscontainer

Bernoulli Design wirft bisher keinen Gewinn ab, niemand kann von der Firma leben. Schwerzmann, von Allmen und die weiteren Partner Christian Reusser (59) und Reto Reusser (34), die alle auch eine Ausbildung in einem handwerklichen Beruf absolviert haben, arbeiten tagsüber in ihren angestammten Jobs.

Möbel aus Flugzeugteilen fertigen sie nach Feierabend und am Wochenende, aus Leidenschaft. Diese Leidenschaft, sagt Schwerzmann, spürten sie Tag für Tag. Zum Beispiel jedes Mal dann, wenn sie jene Schatzkammer betreten, die ein Schiffscontainer ist.

Infos: www.bernoulli-design.ch.

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