Grabenkämpfe

Heute widmet sich Gartenbloggerin Marina Bolzli in ihrer Kolumne «Nachgehackt» einem fiesen Widersacher im Untergrund.

Engerlinge: Aus solchen Larven schlüpfen dereinst Mai- oder Junikäfer.

Engerlinge: Aus solchen Larven schlüpfen dereinst Mai- oder Junikäfer.

(Bild: Sabine Rock)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Ich habe heute acht Spargeln geschnitten. Andere, so wie mein werter Kollege, lachen über diese Kleinstmenge, doch ich strahle wie ein Honig­kuchen­pferd. Das ergibt fürs Mittagessen mit der Familie nur zwei Spargeln pro Person – aber sie sind aus dem eigenen Garten! Der explodiert im Moment. Zuerst warm und sonnig, und jetzt auch noch dieser dringend nötige Regen. Der Rhabarber wächst täglich mindestens zwei Zentimeter, Spargeln schneide ich jeden Tag. Und doch zeichnen sich nun erste Probleme ab. Erste Feinde, gegen die man sich eine Taktik ausdenken muss: bekämpfen, ignorieren – oder resignieren?

Ich bin fürs Kämpfen – fast immer. Es sind nicht einmal die Schnecken, die mir die grössten Sorgen machen. Ich sammle sie ab und werfe sie in hohem Bogen auf die grosse Biowiese – auf dass sie sich hoffentlich dort sattfressen. Die Katze, die nur zu gern den krümeligen Boden als ihren Abort missbraucht, halte ich mit Gittern ab. Die Spatzen, die an frischen Blättern rupfen wollen, werden mit alten CDs geblendet.

Die Winden sind schon ein schwierigerer Fall, auch sie wachsen nun gut, und mit ihren unterirdischen Wurzeln, den Rhizomen, sind sie fast nicht auszurotten. Man kann sie höchstens etwas eindämmen, denn wenn man sie allzu frei wachsen lässt, winden sie sich um die Setzlinge und nehmen ihnen alle Kraft. Ich mache es so: An guten Tagen kämpfe ich, an schlechten ignoriere ich.

Mein momentan grösster Feind lässt sich aber nicht ignorieren. Er ist heimtückisch. Unsichtbar. Aus dem Hinterhalt schleicht er sich an, wobei schleichen seine Fortbewegungsart nur ungenügend beschreibt. Er windet sich tief in der Erde, er frisst vor allem frische, zarte Pflanzenwurzeln. Ich spreche vom hässlichen Engerling, gerade hat er zwei meiner liebevoll selbst gezogenen Broccoli­setzlinge vernichtet. Sogar vor gut angewachsenen Erdbeer­stöcken macht der fette weisse Kerl nicht halt. Merke ich nicht früh genug, dass eine Pflanze welk wird, grabe ich nicht sofort tief, sodass ich den Schädling am Wurzelansatz noch erwische, dann windet er sich zum nächsten Setzling, frisst auch dort die Wurzel.

Aus dem Engerling gibt es später die Mai- und Junikäfer, vermutlich viele davon. Schliesslich finde ich bei jedem Umgraben ein Dutzend dieser weissen Widerlinge im Beet. Früher musste ich mich jeweils überwinden, sie zu zertrampeln, denn prall, wie sie sind, spürt man die Quetschung noch durch die dicksten Sohlen. Zum Glück haben wir nun Hühner, die stürzen sich auf die Engerlinge, ein Leckerbissen für sie.

Der Kollege meint, ich solle doch aus der Not eine Tugend machen. Er beschäftigt sich in letzter Zeit intensiv mit sich und seinem Konsum – und ist dabei anscheinend auf das ­Thema Insekten gekommen. Er lobt, wie man so mit wenig Ressourcenverbrauch zu viel Eiweiss komme. Aber dies­bezüglich bin ich nicht offen. Da kann ein Engerling-Burger noch so gesund sein, ich würde immer die zappelnden Viecher vor mir sehen. Nein danke, da beschränke ich mich lieber auf zwei Spargeln.

Berner Zeitung

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