Zum Hauptinhalt springen

Schlicht ist wieder schick

Wer derzeit Wohnausstellungen besucht, stellt fest: Schlichtes ist gerade gross im Kommen. Das ist kein neues Gestaltungsprinzip. Doch warum wird ausgerechnet jetzt wieder reduziert?

Einfach und natürlich: Sessel «Maui» aus Zedernholz von Riva, für circa 3300 Franken pro Stück.
Einfach und natürlich: Sessel «Maui» aus Zedernholz von Riva, für circa 3300 Franken pro Stück.
zvg

Weniger ist mehr. So scheint derzeit die Devise im Design zu lauten. Krude Holzschemel, aus Stein gehauene Lavabos und Kochinseln, die an den Expo-Monolith im Murtensee erinnern – einfach und einprägsam. Dies alles und «weniger» kann man derzeit landauf, landab in Wohnausstellungen bewundern. Und die neue Lust am Einfachen beschränkt sich nicht nur auf die vier Wände, sondern hat längst die Strassen erobert: In Form von «Fixie» – dem schlichten Eingangfahrrad ohne Schaltung, Bremsen und Licht.

Purismus und Minimalismus sind keine neuen Gestaltungsprinzipien, wie die gleichnamigen Kunstrichtungen aus dem 20.Jahrhundert beweisen. Doch warum kehrt das Bedürfnis nach Reduktion ausgerechnet jetzt zurück?

Sehnsucht nach Simplem

«Reduzierte Formen bilden einen Gegenpol zu einer immer komplexer werdenden Welt», erklärt Professorin Jacqueline Otten von der Zürcher Hochschule der Künste. Sie sind eine Insel der Ruhe in einer Umgebung, die sich immer schneller verändert – und vermitteln so Orientierung und Sicherheit. Dass viele der reduzierten Objekte aus natürlichen Materialien wie Holz oder Stein sind, erstaunt die Expertin nicht: «Diese Rohstoffe, noch dazu verbunden mit Handwerk, vermitteln Authentizität und Beständigkeit.» Auch die Beliebtheit von Retrodesign lasse sich so erklären.

Einfach ist nicht billig

Zukunftsforscher Andreas Giger hat den Trend zur Reduktion bereits 2003 prognostiziert. Damals verfasste er unter dem Eindruck der eben geplatzten New-Economy-Blase die Studie «Der Simplify-Trend». Untertitel: «Die Revolte gegen das zu viel. Neue Einfachheit und die Suche nach Lebensqualität in der Sinngesellschaft.» Die Hauptbotschaft: Menschen würden in Zukunft eher Sinn suchen als Material anhäufen. Eine Krise später wissen wir, dass der Konsum nur gerade während der wirtschaftlichen Flaute einbrach. Dennoch bleibt Gigers Argumentation interessant und hat nichts von ihrer Aktualität eingebüsst – schliesslich befinden wir uns heute fast in der gleichen Situation wie damals.

In neueren Studien wird von «Lovos» (Lifestyle of Voluntary Simplicity) gesprochen – also dem Lebensstil der freiwilligen Einfachheit. «Lovos» sind Menschen, die ökologisch denken und darum möglichst wenig Ressourcen verbrauchen wollen. Ob wir in Zukunft unseren Konsum wirklich drosseln werden, ist zu hoffen, bleibt aber fraglich. Fest steht: «Wer Klasse hat, prunkt und protzt nicht mehr», so Trendforscherin Karin Frick, die für das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) die Studie «Statusfaction» verfasst hat. Aber natürlich könne man einen teuren Mantel immer noch von einem billigen unterscheiden – zumindest wenn man genauer hinsehe. Das gilt wohl auch für krude Holzmöbel, die zwar simpel aussehen, aber aus massivem Holz bestehen und in Handarbeit gefertigt sind – und somit auch einiges kosten.

Die iPhone-Küche

Überhaupt findet sich Minimal Design oft bei Premium-Produkten – so sind zum Beispiel Ski im gehobenen Preissegment meist einfarbig. Trendforscher Giger bezeichnet dieses Phänomen als «High-End-Purismus» und schreibt: «Hier heisst Einfachheit nicht Verzicht, sondern die hochsensible Auswahl von allerhöchster Qualität.» Als konkretes Beispiel dient auch die eingangs erwähnte Kochinsel: Sie ist optisch zwar äusserst schlicht, technisch aber absolut top – vergleichbar mit dem iPhone, wie GDI-Forscherin Frick meint. Mit einem Fingertipp lässt sich der hochleistungsfähige Dampfabzug hochfahren und die verborgene Schaltfläche für den Kochherd ausklappen. Und unter der glatten Granitfläche verbergen sich Heizflächen, deren Mitte einzig durch einen Laserstrahl gekennzeichnet ist.

Das Velo zum Glück

Die puristischen Fahrräder hingegen sind tatsächlich so einfach konstruiert, wie sie aussehen. Sie sind im Vergleich zu Mountainbikes mit 18 Gängen, Federgabel und Scheibenbremsen wahre Oldtimer. Eber eben: Gerade dies macht sie attraktiv. Denn damit verbinden wir die guten alten Zeiten, in denen das Leben noch viel einfacher war.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch