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Die Predigt zum WochenendeLehrt Not beten? Was uns das Unser Vater lehren könnte

Die Corona-Krise fordert Pfarrer David Kuratle dazu heraus, anders über vertraute alte Texte nachzudenken.

David Kuratle, Pfarrer in Meikirch.
David Kuratle, Pfarrer in Meikirch.
Foto: Adrian Moser

Eigentlich hatten meine Kollegin und ich eine Predigtreihe zum Unser Vater geplant. Diese zeitlosen Worte aus dem historischen Kontext heraus in unsere Zeit hinein zu übersetzen, schien uns ein sinnvolles Unterfangen, umso mehr als wir diese Worte Sonntag für Sonntag gemeinsam in unseren Gottesdiensten beten.

Die Corona-Krise kam auch uns dazwischen und damit verbunden auch die Frage: Passt diese Reihe noch in diese Zeit? Wollen wir sie in unserer Podcast-Reihe auslegen, auch wenn die Situation sich so verändert hat?

Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind. Diese Aussage gilt auch für die Auslegung biblischer Texte: Die Situation, in der ich mich befinde, hat einen grossen Einfluss darauf, wie ich einen vermeintlich vertrauten Text verstehe und wie er mich anspricht.

Wie anders klingen doch die Brotbitte «Unser tägliches Brot gib uns heute» und die Aussage von Jesus, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt, in einer Zeit, in der so vieles nicht mehr möglich ist: Berührung und Begegnung, Gemeinschaft und geselliges Zusammensein. Uns wird bewusst, was uns wirklich fehlt.

Und wie ist die Vergebungsbitte «Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern» in dieser Zeit wohl zu deuten? Warum wohl verwenden Lukas und Matthäus, die zwei Fassungen dieses Gebets überliefern, für den mit Schuld übersetzten Begriff zwei unterschiedliche Worte und Zeitformen? Matthäus spricht von Schulden, und dieser Begriff wird auch in ökonomischen Zusammenhängen verwendet, bei Lukas steht die Sünde im Zentrum der Bitte. Matthäus schreibt wörtlich übersetzt in der Vergangenheitsform «wie auch wir erlassen haben unseren Schuldnern», bei Lukas heisst es in der Gegenwartsform wörtlich «denn auch wir erlassen jedem, der uns Schuldner ist».

Beides könnte in der Gegenwart und in der Zukunft nach der Krise wichtig sein:

– Schuld zu vergeben oder, wie es Matthäus nahelegt, bereits vergeben zu haben und, anstatt nach Fehlern in der Bewältigung der Herausforderung zu suchen, aus ihr zu lernen.

– Auch ökonomisch neue Wege zu denken und zu gehen und anstatt mit neuen Schulden weitere Abhängigkeiten zu schaffen, über Schuldenerlasse, bedingungsloses Grundeinkommen, Lohngerechtigkeit und vieles mehr nachzudenken.

Lehrt Not beten? Das Unser Vater lehrt uns, dass Gebet und praktisches Handeln, Spiritualität und Einsatz für soziale Gerechtigkeit untrennbar zueinandergehören. Wenn wir in unseren Wohnungen und Häusern gemeinsam oder allein das Unser Vater beten, laden wir den schöpferischen Geist auch dazu ein, uns zu kreativen Ideen im Umgang mit den praktischen Herausforderungen der Krise, in der wir stecken, zu inspirieren. Und indem wir Unser Vater beten, erinnern wir uns daran, dass gerechte und nachhaltige Lösungen nur gemeinsam in gemeinsamer Solidarität von Menschen, Gemeinden, Kantonen und Nationen gefunden werden können.

1 Kommentar
    Seeländer

    Danke für diese Gedanken. Sie haben mich gerade sehr bereichert.