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FortsetzungsromanLesen Sie die neue Folge von «Andersland»

Im Roman von Regula Portillo sucht eine junge Frau ihre Identität. Das berührt. Wir veröffentlichen jeden Tag eine Folge.

Regula Portillo: «Andersland», Edition Bücherlese 2020, 272 Seiten., ca. 32 Fr.
Regula Portillo: «Andersland», Edition Bücherlese 2020, 272 Seiten., ca. 32 Fr.

Folge 18

«Such dir eine neue Stelle, wenn dich die alte zu sehr an früher erinnert. Wir können umziehen, wenn dir das hilft, können gemeinsam eine Therapie machen, um mit dem, was passiert ist, klarzukommen. Ich weiss auch nicht, vielleicht sollten wir für einen Marathon trainieren, Berge hochklettern, Schach spielen oder uns für den WWF engagieren. Es wird hart, bestimmt. Aber du musst Schritt für Schritt wieder ins Leben zurückfinden. Und ich ja auch. Wir müssen das schaffen, dir, mir, aber auch Matilda zuliebe. Dann schreiben wir ihr ganz viele Briefe und erzählen von unserem Leben. Sie trifft schliesslich keine Schuld, sie muss wissen, dass wir an sie denken, dass sie noch immer Teil unserer Familie ist. Was passiert ist, ist schwer. Schrecklich schwer. Aber es ist nicht das Ende.»

«Kannst du mich in den Arm nehmen?»

Michael drückt Tobias an sich. «Du riechst gut», sagt er nah an seinem Ohr. «Versprichst du mir, dass du dich nicht mehr verkriechst?»,

«Bleib bei mir», stösst Tobias hervor und krallt seine Finger in Michaels Rücken. «Ich werde mir Mühe geben, ich verspreche es dir.»

«Wirst du Zettel für den WWF verteilen?», lacht Michael leise.

Tobias hebt seinen Kopf, schaut Michael von der Seite an.

«Alles, was du willst.»

*

Daniel rennt lachend aus der Küche, Fabio hinterher. Längst ist es zu einem Ritual geworden, dass Daniel zuerst eingefangen und erst dann ins Bett gebracht werden will. «Ich pack dich gleich», ruft Fabio, während Daniel links ins Schlafzimmer abbiegt, um sich dort am immer gleichen Ort zwischen Wäschekorb und Kleiderschrank zu verstecken. Fabio geht an Matildas Zimmer vorbei, schaut kurz hinein.

Matilda steht mit dem Rücken zu ihm am Fenster. Er hatte das Zimmer schon vor ihrer Ankunft gestrichen, doch Lucía hat darauf bestanden, noch einige Tage zu warten mit dem Einzug, damit Matilda sicher keine Giftstoffe einatmen würde. Fabio hatte diesbezüglich keine Bedenken, dennoch hat er Lucía nicht widersprechen wollen. Heute würde Matilda nun zum ersten Mal in ihrem und Daniel wieder in seinem eigenen Zimmer schlafen. Was Matilda angeht, hat Lucía das letzte Wort, Matilda ist schliesslich ihre Tochter. Aber auch er würde alles daransetzen, dem Kind ein guter Stiefvater zu sein.

Lucía hatte ihm die ganze Geschichte mit Pascal oder das, was sie als die ganze Geschichte empfand, erst erzählt, als sie bereits miteinander verheiratet waren. Natürlich war es zuerst ein Schock gewesen. Nicht das Kind an sich, sondern der späte Zeitpunkt ihres Geständnisses und noch mehr die Art und Weise, wie sie darüber redete: Abgeklärt und gefasst, als habe das Kind, das sie nicht kannte und das weit weg von ihr aufwuchs, nichts mit ihr zu tun.

Die Nachricht von Pascals Tod hatte sie sichtlich verstört, aber auch ihre Entschlossenheit geweckt. Sie hatte seine Unterstützung, klar, aber er weiss, sie hätte es auch alleine durchgezogen. Sie hatte keine Sekunde gezögert, in die Schweiz zu reisen, um nach ihrer Tochter zu suchen. Und Fabio hat den Eindruck, dass mit Matilda auch ein Teil von Lucía zurückgekehrt ist.

Vielleicht reimt er sich die kleinen Veränderungen auch nur zusammen, aber er ist sich beispielsweise sicher, dass Lucía sich seitdem viel seltener über Kopfschmerzen beschwert. Auch die heftigen Träume, aus denen sie früher mitten in der Nacht hochgeschreckt ist, haben mit Matildas Rückkehr schlagartig aufgehört.

Nachdem Fabio bei Daniel das Licht gelöscht hat, hört er ein leises Schluchzen. Matilda. Er bleibt vor ihrem Zimmer stehen, blickt hinein. Sie hat sich inzwischen umgezogen, steht in einem langen Nachthemd am Fenster, die Arme hängen kraftlos am Körper herunter.

«Matilda?» Sie reagiert nicht. Er tritt zu ihr, worauf sie ihr Gesicht mit den Händen verdeckt und plötzlich zu Boden sackt. Gerade noch rechtzeitig kann er verhindern, dass ihr Kopf aufschlägt. Matilda zittert am ganzen Körper. Er kniet sich zu ihr auf den Boden, hält sie fest, streicht ihr die Haare aus dem Gesicht. Ihr Schluchzen wird immer stärker, sie ringt nach Luft. «Lucía!», ruft Fabio. «Lucía!»

«Was ist denn los?»

«Matilda. Sie atmet nicht richtig. Ich habe gehört, dass sie weint …» Schon ist Lucía da, zieht Matilda zu sich, umarmt sie. Doch Matilda zuckt heftig zusammen und schlägt um sich.

«Matilda, mein Kind. Matilda, beruhige dich doch. Hilf mir, Fabio», fleht Lucía erschrocken. Fabio legt seine Arme um Matilda und Lucía, versucht, beide festzuhalten. Langsam beruhigt sich Matilda, die Anspannung lässt nach und ihr Körper erschlafft. Dunkel zeichnen sich die Augenringe in ihrem blassen Gesicht ab. «Ich bringe sie in unser Zimmer», sagt Fabio, schiebt seine Hände unter Matildas Kniekehlen und die Schultern und steht wankend auf.

Vorsichtig trägt er Matilda ins gegenüberliegende Zimmer und legt sie auf das Bett. Lucía, die ihm gefolgt ist, deckt sie zu, legt sich daneben, summt leise ein Lied. Er verlässt das Zimmer, um sich kurz selbst zu beruhigen und in der Küche einen Tee zuzubereiten.

In der Nacht hat Matilda hohes Fieber. Lucía kühlt ihre Stirn mit einem feuchtkalten Waschlappen und versucht, ihr das durchgeschwitzte Nachthemd auszuziehen. Matildas kleiner Körper glüht.

Als Fabio unter Matildas Kleidern nach einem frischen Schlafanzug sucht, rutscht ein rotes Büchlein zwischen den Pullis heraus und fällt mit einem Umschlag und einigen Fotos zu Boden. Er hebt die Sachen auf, wobei sein Blick an einem der Fotos hängen bleibt: Matilda sitzt auf dem Schoss eines Mannes, schaut lachend zu diesem auf. Vor ihnen auf dem Tisch steht ein Kuchen mit Kerzen. Das muss Pascal sein. Ihr Vater. Wahrscheinlich an Matildas Geburtstag.

Fortsetzung folgt

Alle bisherigen Folgen:

Folge 1

Ein Glück gefunden

1986

«Die Welt ist verschwunden», stellt Matilda fest. In Wolldecken gewickelt und die Köpfe leicht vornübergebeugt, schauen Matilda und Pascal vom Sessellift aus durch das Schneegestöber auf die Schneelandschaft hinunter. Tatsächlich ist nur schwer zu erkennen, was sich unter den weissen Erhebungen verbirgt. Unter dem schmalen, hohen Schneehaufen rechts könnte sich ein Stromkasten oder Vogelhaus verstecken, die grosse, flache Erhebung weiter talwärts stammt vermutlich von einem Felsblock oder Stalldach.

Seit zwei Tagen schneit es fast ununterbrochen in dicken, konturlosen Flocken. Pascal umklammert den Schlitten, hofft, dass der Weg ins Tal überhaupt befahrbar ist. Seine Fingerspitzen haben sich bläulich verfärbt und schmerzen, genau wie es der Angestellte unten in der Sesselliftstation prophezeit hat.

Pascal steckt die eine Hand unter die Wolldecke. Der Stoff fühlt sich rau an. Auch die zweite Prophezeiung des Bahnarbeiters, dass Matilda und er keiner Menschenseele begegnen würden, da der Berg bei diesem Wetter wie ausgestorben sei, trifft bisher zu. Pascal kann sich nicht daran erinnern, den Sessellift je zuvor für sich allein gehabt zu haben.

Auch schön, denkt er sich. Aber er hätte sich die Handschuhe anziehen müssen. Kurz zögert er. Doch jetzt ist es dafür zu spät, es wäre zu umständlich, den Rucksack aufzuschnüren, etwas könnte heraus- und dann hinunterfallen.

«Kannst du die Tannenspitzen mit deinen Füssen berühren?», fragt Matilda. Obwohl zwischen den Tannenwipfeln und dem Sessel mindestens vier Meter liegen, streckt Pascal versuchsweise seinen Fuss aus, schüttelt bedauernd den Kopf. «Die Tannen sind nicht hoch genug.»

«Oder es liegt an deinen Beinen», lächelt Matilda.

«Auch möglich.» Pascal schaut seine Tochter nachdenklich an. «Wenn du dich abends unter deiner Decke versteckst, damit ich dich nicht mehr sehen kann, bist du dann auch verschwunden? Wie die Welt unter dem Schnee?»

Matilda legt ihre Stirn in Falten, kräuselt die Nase, wie so oft, wenn sie nachdenkt. «Nein, ich bin noch da, aber du bist weg.»

«Warum? Du weisst doch, dass ich da bin, um dir einen Gutenachtkuss zu geben. Wenn du deinen Kopf wieder unter der Decke hervorstreckst, sitze ich neben dir auf der Bettkante.»

«Ja, aber es könnte auch sein, dass du ganz dringend aus dem Zimmer gehen musstest. So genau wissen wir das nicht», beharrt Matilda. «Ich weiss immer nur, dass ich da bin.»

«Hm. Aber ist der Schnee nicht auch Teil der Welt?»

«Papa, mir ist kalt.»

Die Seile vibrieren, es rattert laut, sie passieren den Mast. «Wir sind gleich da», sagt Pascal, als nur noch ein leichtes Surren zu hören ist. Oben angekommen, kann Matilda den Holzbügel nicht öffnen. «Hilf mir, Papa!» Mehrmals schlägt Pascal mit der offenen Hand von unten gegen den Bügel, die kalte Hand schmerzt, doch der Bügel geht nicht auf.

Gerade noch rechtzeitig, bevor der Sessel über ein grosses Umlenkrad wieder nach unten geschickt wird, hebt er Matilda aus dem Sessel. «Wie früher, als ich dir nach dem Essen aus dem Hochstuhl helfen musste», lacht er.

«Das ist nicht lustig», sagt Matilda erschrocken.

«Ach wo», entgegnet Pascal, während er den Rucksack aufschnürt, «zur Not hätte ich mich einfach wieder hingesetzt und statt auf dem Schlitten wären wir mit dem Sessel hinuntergefahren. Magst du Tee?» Ohne ihre Antwort abzuwarten, schraubt Pascal die Thermoskanne auf, giesst heissen Tee in den Deckel, reicht ihn Matilda. Die Thermoskanne ist angenehm warm, langsam kehrt das Gefühl in seine Fingerspitzen zurück.

In der Bergstation riecht es nach Motorenöl, und der Lärm erinnert ihn an die Arbeit. «Komm, gehen wir.» Pascal lockert seinen Schal. Die Ferien sind fast zu Ende. Morgen um dieselbe Zeit wird er schon wieder an seiner Arbeitsstelle in der Maschinenbau Huber AG sein und Matilda bei Verena, ihrer Tagesmutter.

Der Schlitten sinkt knirschend ein. «So kommen wir nicht voran», mahnt Pascal, «ein paar Schritte musst du noch gehen.» Matilda lässt sich vom Schlitten seitlich in den Schnee fallen, bleibt liegen und versucht, mit der Zunge Schneeflocken aufzufangen. Dann zieht sie ihre Handschuhe aus.

«Was machst du?», fragt Pascal

.«Ich hab da etwas in meiner Jackentasche», antwortet sie.

«Matilda bitte, nicht jetzt, mir ist schon richtig kalt.»

Matildas rote Mütze, die Verena für sie gestrickt hat, liegt im Schnee. «Es ist aber wichtig», sagt sie, «schau, was ich mitgebracht habe.» Sie hält ihm zwei leere Luftballone hin. Pascal weiss, dass es wenig Sinn macht, in irgendeiner Form zu protestieren. Matilda würde darauf beharren, dass er die Ballone aufbläst. Also stapft er zu ihr zurück, zieht seine Handschuhe ebenfalls aus und greift nach den Ballonen.

«Setz dich so lange auf den Schlitten», sagt er. «Und die Mütze ziehst du dir auch wieder an.» Mit seinen steifen Fingern fällt es ihm schwer, den aufgeblasenen Ballon zu verknoten. «Und jetzt?», fragt er, einen gelben und einen blauen Luftballon in den Händen. «Jetzt binden wir sie an den Schlitten», antwortet Matilda. Im Aussenfach des Rucksacks finden sie ein Stück Schnur, mit der sie die Ballone am Ende des Schlittens befestigen.

Folge 2

«Bereit?» Matilda strahlt. «Bereit!»

Der Weg ins Tal ist gut präpariert, es liegt nur wenig Neuschnee auf der harten Unterlage, an einigen Stellen sind gleichmässige Rillen sichtbar, wie sie Pistenfahrzeuge hinterlassen. «Bei klarem Wetter sieht man von hier aus bis zu den Alpen», sagt Pascal. Matilda blickt in den Himmel. Sie setzen sich hintereinander auf den Schlitten, Pascal rückt Matildas Mütze zurecht, vergewissert sich, dass der Rucksack gut am Rücken sitzt, mahnt Matilda, ihre Füsse nicht von der Metallstange zu nehmen. Dann stösst er mit den Füssen kräftig vom Boden ab, hebt sie schnell an und der Schlitten gewinnt an Fahrt. Es kostet Kraft, nicht vom Weg abzukommen, der Schlitten lässt sich im schweren, feuchten Schnee nicht leicht steuern. Matilda jauchzt, von unten und von oben fliegt ihnen der Schnee in die Gesichter, Pascals Augen tränen. Dumpf schlagen die Ballone hinter ihnen auf.

«Papa, wir fliegen!», japst Matilda, der Gegenwind nimmt ihr den Atem. Pascal konzentriert sich angestrengt darauf, nicht die Kontrolle über den Schlitten zu verlieren. Mit ausgestrecktem Bein bremst er in der Kurve ab, Schnee stäubt hoch, die Ballone fliegen mit dem Schlitten gleichauf. Pascal sieht einen gelben Fleck neben sich, dann ertönt ein lauter Knall. «Der Ballon!», ruft Matilda.

«Macht nichts», ruft Pascal zurück, «weiter geht’s!»

Heute lag eine tote Amsel auf dem Balkon. Auf Matildas Wunsch hin haben wir sie nach Einbrechen der Dunkelheit im Garten begraben. (17. 3. 1986)

Pascal und Tobias schreiten über das weitläufige Fabrikgelände, Pascal tastet seine Hosentaschen nach dem Autoschlüssel ab. Sein Bruder, der seit einigen Jahren als Krankenpfleger im Operationsbereich eines Krankenhauses tätig ist und wegen des Schichtbetriebs heute früh Feierabend gemacht hat, ist vorbeigekommen, um ihn von der Arbeit abzuholen. «Fahren wir in die Stadt und trinken ein Bier?»

«Und Matilda?», fragt Tobias gähnend zurück.

«Verena hat mir erlaubt, sie etwas später abzuholen. Oder bist du zu müde?»

«Nein, alles gut. Es ist nur die Umstellung von Spät­ auf Frühdienst, die mir zu schaffen macht. Ich brauche jeweils ein paar Tage, bis ich im Rhythmus drin bin. Zudem fallen die meisten Operationen auf die Vormittage. Am Abend kommen nur die Notfälle.»

Als sie vor Pascals rotem Peugeot stehen bleiben, rüttelt Tobias an der Beifahrertür. «Die klemmt.»

«Etwas mehr Feingefühl, bitte.»

Pascal geht um das Auto herum, hebelt zuerst am Griff, steckt dann den Schlüssel ins Schloss und bewegt diesen vorsichtig auf und ab. Endlich lässt sich die Autotür öffnen.

«Siehst du?»

«Ich bete für dich, dass du dein Auto nicht bald zur Motorfahrzeugkontrolle bringen musst», lacht Tobias. Dann beugt er sich vor, räumt den Sitz frei. «So ein Saustall hier drinnen.»

«Das habe ich gehört», ruft Pascal ihm zu, setzt sich ans Steuer und wirft einen Blick auf den Beifahrersitz. Matildas Regenjacke. Die hat er ihr am Morgen mitgeben wollen und dann doch vergessen. Ein leerer Joghurtbecher, Brotkrümel und auf der Fussmatte eine Tüte mit Altglas – so schlimm ist es doch gar nicht.

«Bring Matilda zu Michael und mir, wenn du Ruhe brauchst», sagt Tobias mit dem Joghurtbecher in der Hand und der Regenjacke auf dem Schoss, «du weisst ja, wir sind glücklich, wenn die Kleine da ist.»

Pascal nickt seinem Bruder zu und startet den Motor. Ohne Tobias wären er und seine Tochter verloren. Schon so weiss er nicht, wie er die letzten sechs Jahre, die rückblickend so schnell verflogen sind, geschafft hat. Die Stunden sind lang, aber die Jahre vergehen wie im Flug. Diesen Satz hat er neulich irgendwo gelesen und in seinen Kalender geschrieben. «Erinnerungsfetzen» nennt er diese Einträge, die in letzter Zeit meistens mit Matilda zusammenhängen – ihre Fortschritte oder besondere Dinge, die sie getan und gesagt hat, festhalten.

Manchmal denkt er, dass Tobias der bessere Vater wäre als er oder in mancher Hinsicht zumindest viel souveräner. Tobias mag es nicht, wenn er darauf zu sprechen kommt, bestärkt ihn immer darin, dass er, wie Tobias sagt, grossartige Arbeit leiste und sich Matilda keinen besseren Papa wünschen könne. Aber es ist nicht die Arbeit, die ihm zu schaffen macht, sondern die Tatsache, dass er so viele Entscheidungen alleine treffen muss. Was womöglich auch ein Vorteil ist. Andreas, sein Arbeitskollege und ebenfalls Vater einer Tochter, beneidet ihn jedenfalls darum, immer selber entscheiden zu dürfen. «Sei froh, dass dir die Diskussionen, ob das Kinderzimmer blau, gelb oder pink gestrichen, ein neues Fahrrad oder doch lieber ein gebrauchtes gekauft werden soll, erspart bleiben. Du hörst auch nie: ’Rauch nicht vor dem Kind’ oder ’Du trinkst zu viel’ und so weiter», hält er ihm in den Pausen manchmal augenzwinkernd vor. Pascal mag Andreas’ Frau Rita, so schlimm ist es mit ihr bestimmt nicht.

Bald würde seine Kleine mit der Schule beginnen und zur Abwechslung mal die Lehrerin mit Fragen löchern können. Pascal schmunzelt. Die Fragerei beginnt mit Matildas erstem morgendlichen Blinzeln und hört erst auf, wenn sie am Abend wieder eingeschlafen ist.

Zudem erfindet sie zu allem eine Geschichte, vermischt grosszügig Fakten und Fantasie. Manchmal plagt ihn das schlechte Gewissen, dass er abends oft zu müde ist, um ihr richtig zuzuhören, dass er, kaum hat er sie bei Verena abgeholt, still den Moment herbeisehnt, in dem sie schlafen geht, und er sich für einen Moment zu ihr aufs Bett legen kann. Nur fünf Minuten – und Stunden später wacht er wieder auf, schleppt sich in sein eigenes Bett.

Folge 3

Pascal beobachtet aus dem Augenwinkel, wie Tobias das Fenster herunterkurbelt und den Arm in den kühlen Fahrtwind streckt. Das hat er schon als Kind immer gemacht und jedes Mal in Kauf genommen, dass ihn der Vater deswegen verärgert zurechtwies. Sie verlassen Riehenbach, das Dorf, das neben demjenigen liegt, in dem sie aufgewachsen sind, fahren vorbei an abgeernteten, kargen Feldern. Im Herbst hatten ein paar längst vergessene Sonnenblumen noch ein paar Wochen ihre ausgetrockneten Köpfe hängen lassen und wehmütig an die Sommertage erinnert. «Hast du etwas von unseren Eltern gehört?», fragt Pascal, schaltet einen Gang herunter und bremst langsam ab. Vor ihnen liegt die nächstgrössere Stadt, die mit ihren knapp 20‘000 Einwohnern eigentlich auch nur ein Dorf ist.

«Die Nachbarn sind zu laut, die chronischen Magenschmerzen sind stärker geworden, der Arzt ist komplett unfähig – ach, was erzähle ich dir hier überhaupt, du kennst das ja.»

«Nicht einmal ihr Enkelkind kann sie mit dem Leben versöhnen. Wahrscheinlich fehlt eben die Schwiegertochter …»

«An der sie sowieso nur herumnörgeln würden», unterbricht ihn Tobias.

«Es ist vier Monate her, seit sie Matilda zuletzt gesehen haben.»

«Du wirst sie nicht mehr ändern. Michael wollen sie auch im siebten Jahr unserer Beziehung nicht kennenlernen. Sie glauben wohl immer noch, dass ich mich besinnen und in eine Frau verlieben werde.»

«Dich besinnen?»

«Ja, so hat es Vater mir einmal ins Gesicht gesagt: ’Wenn du dich nicht besinnst, wirfst du dein Leben weg’. So ein Schwachsinn. Aber weisst du was? Es ist mir egal. Ich habe mit ihnen abgeschlossen.»

«Und weisst du etwas Neues von deinem Arbeitskollegen, dem Physiotherapeuten?», wechselt Pascal das Thema. Er hat keine Lust, noch länger über ihre Eltern zu reden. Denn anders als sein Bruder hat er nicht mit ihnen abgeschlossen, ihre Zurückweisungen und ihr Desinteresse an seiner Tochter verletzen ihn.

«Meinst du Frank?»

«Der, der erkrankt ist?»

«Ja. Michael und ich waren letzte Woche bei ihm. Seit bei ihm Aids ausgebrochen ist, geht es rasant bergab. Ich hoffe, dass er nicht mehr lange leiden muss. Sein Partner Reto, der ihn zu Hause pflegt, hat sich ja auch angesteckt. Der sieht nun genau, was auf ihn zukommen wird.»

«Ich an seiner Stelle würde den Ausbruch der Krankheit nicht abwarten», sagt Pascal. «Das sagt sich so leicht», entgegnet Tobias. «Aber weisst du, was auch krass ist?»

«Was?»

«Als ich in der Abteilung Geld gesammelt habe, um Frank ein Geschenk kaufen zu können – so wie wir es immer tun, wenn jemand krankheitshalber für längere Zeit ausfällt – hat sich nur etwa die Hälfte der Kollegen an der Aktion beteiligt.»

«Weil er schwul ist?»

«Ja, klar. Und sich darüber hinaus noch diese in ihren Augen schmutzige Krankheit aufgelesen hat. Sie sehen in ihm einen Menschen zweiter Klasse. Und so etwas in einem Krankenhaus. Manchmal macht es mir ganz schön Angst, wenn ich sehe, wie dumm viele Leute sind.»

«Offenbar ist es nicht nur die Generation unserer Eltern, die diesbezüglich ein Brett vor dem Kopf hat, sondern auch die Jüngeren. Aber mach dich nicht verrückt. Diese Leute braucht Frank jetzt nicht. Er braucht Freunde wie dich und Michael, die ihm beistehen.»

Pascal bewundert den ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und das grosse Herz seines Bruders. Tobias ist niemand, der den Kopf in den Sand steckt. Von Anfang an hat er sich offen zu seinem Partner bekannt und auch auf der Arbeit nie ein Geheimnis aus seiner Beziehung gemacht. Pascal hält das Auto an, legt den Rückwärtsgang ein und fährt einige Meter zurück. Er hat eine Parklücke entdeckt.

«Weisst du Papa, bei Verena wird jedes Hallo gleich zu einer Geschichte.» Matilda erklärt mir beim Abendessen, warum Einkaufen mit der Tagesmutter länger dauert als mit mir. (24. 3. 1986)

Die Wolken verdichten sich, wahrscheinlich fallen bald die ersten Regentropfen. Pascal und sein Arbeitskollege Andreas sitzen vor dem Fabrikgelände auf einer Bank, beide sind damit beschäftigt, ihre Sandwiches aus der Klarsichtfolie zu wickeln, was mit klammen Fingern nicht ganz einfach ist.

Die Sonne hat sich den ganzen Vormittag nicht blicken lassen, und trotzdem zieht Pascal es vor, seine kurze Mittagspause draussen an der frischen Luft zu verbringen und nicht im überheizten Aufenthaltsraum. Meistens leistet Andreas ihm Gesellschaft. «Kommst du am Sonntag auch zum Firmenjubiläum?», fragt dieser zwischen zwei Bissen.

Pascal, der sein Brot inzwischen ebenfalls von der Folie befreit hat, schüttelt den Kopf, dreht den Verschluss seiner Thermoskanne auf und füllt Tee in die zwei Becher, die zwischen ihnen auf der Bank stehen. Dampf steigt auf. «Keine Lust», murmelt er.

«Würde es dir nicht guttun, mal wieder unter Leute zu gehen?», fragt Andreas und greift sich dabei in den Bart.

«Ich mag solche Anlässe nicht», erwidert Pascal und nimmt einen Schluck heissen Tee.

«Dann komm Matilda zuliebe», beharrt Andreas. «Rita und Anna werden auch da sein.»

Pascal reicht Andreas den Becher. «Du gibst nicht auf, was? Ich mag es nun mal nicht, unter Beobachtung zu stehen.»

«Komm, so schlimm wird es schon nicht sein. Ich habe den Eindruck, du selbst bist dein strengster Beobachter.»

Folge 4

Pascal legt sein Brot auf die Bank, schlägt die Beine übereinander. «Du hast keine Ahnung, Andreas. Auf jeden Zettel, den Matilda vom Kindergarten nach Hause bringt, folgt ein Anruf der Kindergärtnerin, die sich vergewissert, dass ich die Information auch wirklich bekommen habe. Ich schicke Matilda mit einem Pferdeschwanz zum Kinderturnen, sie kommt mit geflochtenen Haaren zurück. Die Nachbarin fragt, ob sie für Matilda eine Geburtstagsfeier organisieren soll und erwähnt in einem Ton, der möglichst beiläufig klingen soll, dass auch bald Ostern sei.»

«Die Leute meinen es doch nur gut, Pascal.»

«Ja, ich weiss. Aber es fühlt sich an, als würde man mir nicht zutrauen, meiner Aufgabe gerecht zu werden. Verdammt, Andreas, ich weiss, wann Ostern ist und mein Pferdeschwanz ist gut. Oder zumindest gut genug.»

«Du hast insofern recht, als es einer alleinerziehenden Mutter vermutlich anders ergehen würde. Aber jeder Mensch trägt nun mal einen Rucksack mit sich herum und stolpert hin und wieder durch die Tage. Wetten, dein Bruder würde, was die Andersbehandlung angeht, gern mit dir tauschen?»

Pascal greift nach seinem Brot, lehnt sich zurück und nimmt einen Biss. «Entschuldige bitte», murmelt er mit vollem Mund. «Ich weiss, ich sollte mich nicht beschweren. Oder zumindest nicht darüber. Ich habe gestern zu viel getrunken – übrigens mit meinem Bruder und bin heute mit dem falschen Fuss aufgestanden.»

«Du kannst dich beschweren, so viel du willst. Aber Selbstmitleid bringt dich nicht weiter.»

«Ist ja gut.»

«Heisst das, du kommst zum Firmenjubiläum?»

«Du kannst mich mal.»

«Wie viele Menschen schweigen genau jetzt, in diesem Moment, auf der ganzen Welt, und wie viele reden?» Matilda hat mich das heute beim Frühstück gefragt, als ich ihr gesagt habe, dass ich keinen Menschen kenne, der so viel spricht wie sie. (12. 4. 1986)

Der Regen prasselt aufs Dach, aus der Regenrinne fliesst ein brauner Wasserstrom, fällt auf die bunten Steinmännchen, die draussen auf dem Fensterbrett nebeneinanderstehen.

Diese haben die Kinder im Kindergarten bemalt und bei ihrem ersten Besuch in der Schule mitgebracht. Pascal rückt den Kinderstuhl, auf dem er unbequem sitzt, um wenige Zentimeter nach hinten. Langsam trocknen die Abdrücke, die seine nassen Socken auf dem Boden hinterlassen haben, ziehen sich zusammen und verdunsten schliesslich ganz. Er hat sich freigenommen, denn heute ist Matildas erster Schultag. Sie sitzt neben ihm, wiegt sich leicht vor und zurück und scheint mit den Augen einen Punkt in der Mitte des Stuhlkreises zu fixieren. Auf den Schulbeginn hat sie sich sehr gefreut und sich bis zur letzten Minute den zukünftigen Schulalltag plappernd ausgemalt, gelacht und gestrahlt.

Deshalb erstaunt es ihn, dass sie jetzt so ernst wirkt, und er fragt sich, ob es womöglich damit zusammenhängt, dass alle anderen Kinder von ihren Müttern begleitet werden und nur sie mit ihrem Vater dasitzt. Es ist ja nicht so, dass Matilda keine Mutter hat – aber halt eine, die nichts von ihr wissen will. Er weiss nicht, was schlimmer ist. Vielleicht spricht er deswegen kaum über Lucía, weil er Matilda beschützen will.

Vor dem Schmerz, den diese unweigerlich fühlen wird, sobald sie begreift, dass ihre Mutter sie im Stich gelassen hat. Weshalb sollte er auch über Lucía sprechen? Matilda kennt nichts anderes – Vater und Tochter, als eingespieltes Team. Das ist ihre Realität.

Frau Sommer, Matildas neue Lehrerin, geht im Kreis herum, reicht allen die Hand und wechselt mit jedem Kind ein paar Worte. Jetzt ist Matilda an der Reihe. «Und du musst Matilda sein, oder?» Matilda nickt. Klar. Matilda ist das Kind, das mit ihrem Vater auftaucht. Ein Blick auf die Klassenliste genügt. An anderen Tagen hätte ihn die Tatsache, dass Matilda nicht nach ihrem Namen gefragt, sondern aufgrund ihrer Familiensituation gleich zugeordnet wird, genervt. Doch heute lässt er sich davon nicht beirren, sondern ist stolz und dankbar, diese wichtige Rolle in Matildas Leben einnehmen zu dürfen. Welcher andere Vater kann schon von sich behaupten, kein bedeutsames Ereignis im Leben seines Kindes zu verpassen?

«Freust du dich auf die Schule, Matilda?», fragt Frau Sommer.

Matilda nickt.

Pascal und Matilda verbringen den Sonntagnachmittag im Wald. Davor haben sie lange im Bett gelegen und mehrere Folgen eines Hörspiels gehört, während der Regen unaufhörlich ans Fenster geprasselt hat.

Beide lieben die Sonntage, wenn es morgens keinen Grund zur Eile gibt. Inzwischen hat der Regen nachgelassen, nur hin und wieder fallen schwere Regentropfen von den Blättern der Laubbäume. Matilda stapft über den weichen, nassen Waldboden. «Wie auf einer Turnmatte», erklärt sie. Mit ihren blauen Gummistiefeln und dem gelben Regenmantel würde sie weder hier im Wald noch an irgendeinem anderen Ort der Welt verloren gehen, denkt Pascal. Er atmet tief ein. Er mag den Geruch von feuchter Erde.

«Sind Menschen eigentlich wasserdicht?», fragt Matilda.

«Irgendwie schon», antwortet Pascal. «Aber kalt wird uns, wenn wir nicht geschützt sind und das Wasser läuft dir zu den Ohren rein, wenn du die Kapuze nicht aufsetzt.» Matilda schaut ihn mit grossen Augen an, schüttelt langsam den Kopf und rennt davon. Sie hasst Kapuzen, würde sich diese nie freiwillig aufsetzen. «Dich pack ich gleich, du kleiner Frechdachs», ruft ihr Pascal nach, rennt ihr hinterher. Beim Waldspielplatz, gleich neben der Feuerstelle, entdeckt Matilda im Stamm einer Eiche ein eingeritztes Herz. «Was bedeutet A+A?», fragt sie.

Folge 5

«Wahrscheinlich sind das die Anfangsbuchstaben der Namen zweier Menschen, die sich lieben. Aber sag, kannst du nach wenigen Wochen in der Schule schon lesen?»

Matilda überhört seine Frage. Seit einiger Zeit kann sie einfache Worte erkennen, hat ihn immer wieder gefragt, wie einzelne Buchstaben heissen.

«Andrea und Arnold», überlegt Matilda.

«Anton und Anna», fügt Pascal hinzu.

«Oder Adam und Adrian», lacht Matilda.

«Zwei Männer? Wie bei Onkel Tobias und Michael?»

Matilda nickt. Sie hebt einen Stock vom Boden auf und malt ein grosses «P» und daneben ein etwas kleineres «M» in den feuchten Waldboden. Dazwischen setzt sie ein «+».

«Papa und Matilda?», fragt Pascal.

«Papa und Mama», antwortet Matilda, ohne den Blick zu heben. Pascal findet keine Worte, weiss nicht, was er entgegnen kann. Doch Matilda scheint sowieso keine Reaktion zu erwarten. Sie sitzt bereits auf der Schaukel.

«Schubst du mich an?»

«Heute Nacht habe ich in deinem Kopf gewohnt, Papa!» Matilda strahlt mich verschlafen an und reibt sich mit den Fäusten den Schlaf aus den Augen. (11. 5. 1986)

Pascal geht ins Badezimmer, nimmt die Packung mit den Pflastern aus dem Schrank und sucht den Desinfektionsspray, den er kürzlich gekauft hat. Er findet Schmerztabletten, Medikamente zur Malariaprophylaxe und Fieberzäpfchen für Säuglinge, die bestimmt längst abgelaufen sind. Doch wo ist der Spray?

Zum Glück ist Tobias da, um ihm bei der Geburtstagsparty zu helfen. Sein Bruder ist der geborene Unterhalter, und obwohl Matildas Freunde Tobias nicht kennen, werden sie ihn sofort ins Herz schliessen, da ist er sich ganz sicher.

Matilda liebt ihren Onkel abgöttisch.

Es klingelt an der Tür. «Matilda, bestimmt für dich!», ruft Pascal aus dem Bad. Natürlich hätte er nichts zu sagen brauchen, schon rennt Matilda am Bad vorbei zur Haustür. Zwei ihrer Freundinnen sind bereits hier, die anderen Kinder würden auch gleich kommen. Das Wetter ist schön, zwar noch etwas kühl, aber die Sonne scheint. Wie geplant werden sie mit den Fahrrädern zum Waldsee fahren, in der Wohnung wäre es mit Matildas Gästen zu eng und für die Nachbarn zu laut.

Pascal horcht auf, offenbar wird nach ihm verlangt. Er legt die Pflaster zur Seite und geht zur Haustür. Christoph und seine Mutter stehen im Treppenhaus. «Komm rein, Christoph», sagt Pascal und nickt Christophs Mutter zu, die sofort zu sprechen beginnt. «Herr Müller, hallo. Können Sie mir sagen, wer heute beim Ausflug dabei ist?», fragt sie, ohne die Hand ihres Sohnes loszulassen. «Anna, Jonas, Martina», zählt Matilda sofort auf, doch Christophs Mutter unterbricht sie. «Nicht die Kinder, Matilda. Ich meine die Begleitpersonen.»

«Mein Onkel Tobias!», erklärt Matilda. Seit Tagen redet sie nur noch von ihrer Party. Gelächter dringt aus dem Wohnzimmer. «Mein Bruder», bestätigt Pascal. «Matilda, schau mal nach, was es drinnen so Lustiges gibt», sagt er, fasst sie an den Schultern und dreht sie in die andere Richtung. Sie hüpft davon.

Kurz ist es still, dann räuspert sich Christophs Mutter. «Es tut mir leid, aber Christoph kann nicht bleiben. Es liegt nicht an mir, verstehen Sie mich bitte recht, aber mein Mann möchte das einfach nicht.» Sie will mit ihrer Erklärung fortfahren, doch Pascal, dem bereits klar ist, worauf sie hinauswill, unterbricht sie knapp. «Schade.» Christoph schaut seine Mutter fragend an. «Mama, ich will aber hierbleiben.»

«Ein anderes Mal», sagt seine Mutter und zieht ihn an der Hand fort. Dann dreht sie sich nochmals um, reicht Pascal eine Tüte. «Das ist Matildas Geschenk. Ich hoffe, Sie verstehen.» Pascal schliesst die Tür. Ob Matilda Christoph gegenüber mal erwähnt hat, dass Tobias und Michael zusammenleben? Gut so. Hoffentlich.

Er würde Tobias nichts davon erzählen, ihm nicht unnötig wehtun, keine schlechte Stimmung zulassen. Zurück im Wohnzimmer sagt Pascal, Christoph habe nur das Geschenk vorbeibringen wollen, er müsse notfallmässig zum Zahnarzt.

«Ich habe ein Glück gefunden!» Matilda hat gerade die ersten zwei Tomaten an den hochgewachsenen Stauden entdeckt. (12. 6. 1986)

Pascal zieht die Tür hinter sich zu. «Matilda, mein Mädchen, ich bin so schnell hergekommen, wie ich konnte.» Endlich. In der Aufregung hat er sich zuerst in der Abteilung und dann in der Zimmernummer getäuscht. Matilda antwortet nicht, sie liegt im hinteren Bett neben dem Fenster, die anderen drei Betten sind nicht besetzt. Steckt in Matildas Arm eine Infusion? Ist es etwa doch schlimmer, als Doktor Weber am Telefon gesagt hat? Jetzt sieht er, dass die Arminnenseite oberhalb des Verbands rot gefleckt ist. Matildas Augen sind geschlossen, auch der andere Arm, den sie seitlich vom Oberkörper wegstreckt, ist gerötet und stark geschwollen. Der weite Ausschnitt des hellblauen Krankenhauskittels fällt ihr über die Schultern. Pascal schluckt leer. Wie bleich sie ist. «Matilda, hier bin ich.»

Matilda öffnet benommen die Augen, greift nach seiner Hand. Er küsst sie vorsichtig zwischen die geröteten Stiche auf ihrer Stirn und legt seine andere Hand auf ihren Bauch.

«Juckt es sehr?»

Matilda nickt. Tränen rollen über ihre Wangen. Im Zimmer riecht es nach einem Gemisch aus Desinfektionsmittel und Zitrusöl. Jemand räuspert sich, Pascal schaut über seine Schulter, er hat die Frau, die sich jetzt aus dem Besucherstuhl erhebt, beim Hineinkommen gar nicht gesehen. «Meier», stellt sie sich vor und streckt ihm die Hand hin.

Folge 6

«Ich habe Matildas Klasse beim Ausflug begleitet. Zum Glück sind Sie da. Ich bin mit Matilda direkt zu Herrn Doktor Weber gefahren, er hat mir versichert, dass es nichts Schlimmes ist.» «Was ist denn genau passiert?», fragt Pascal.

«Wir waren im Wald. Beim Versteckenspielen ist Jonas in ein Wespennest getreten. Matilda war direkt hinter ihm, die aufgeschreckten Wespen haben sich in ihren Kleidern und Haaren verfangen. Aber wie gesagt, ich bin mit ihr sofort zu Herrn Doktor Weber …»

«Was haben die Ärzte hier gesagt?», unterbricht Pascal sie.

«Über die Infusion wird ihr eine leichte Dosis Kortison verabreicht, die Frau Doktor kommt später nochmals vorbei, um mit Ihnen zu reden.»

Pascal atmet tief durch. Während der Kaffeepause ist er ins Personalbüro gerufen worden. Ein dringender Anruf, hiess es. Herr Weber, sein Hausarzt, hat ihn zum Glück sofort beruhigt, gesagt, dass es Matilda gut gehe, die Einlieferung ins Krankenhaus sei eine reine Vorsichtsmassnahme für den Fall, dass Matilda auf die Wespenstiche allergisch reagieren würde.

Frau Meier verabschiedet sich von Matilda. «Du warst sehr tapfer», sagt sie. Pascal begleitet sie auf den Flur hinaus, bedankt sich mehrmals für ihre Hilfe, beschwichtigt, ja, er werde sie auf dem Laufenden halten, dann verabschieden sie sich ebenfalls voneinander. Eine Weile bleibt Pascal vor der Zimmertür stehen, zwingt sich, tief durchzuatmen.

Er hält nach der Ärztin Ausschau und beobachtet das Treiben auf dem Flur, das Hin und Her von Blumen, Infusionsständern, Patienten, Besuchern, weisser Bettwäsche und Pflegepersonal. Da er keine Ärzte entdeckt, kehrt er ins Zimmer zurück, setzt sich zu Matilda aufs Bett, streicht ihr über die zerstochenen Arme. Auch auf dem Augenlid und am Haaransatz sind Stiche sichtbar. Matilda sieht erschöpft aus.

«Bin ich hier geboren?», fragt sie plötzlich in die Stille hinein.

«Nein», antwortet Pascal. «Du weisst doch, dass du in Mexiko geboren bist.» Seine Formulierung klingt unbeholfen. «In einem Krankenhaus?»

«Nicht ganz, aber so ähnlich, gerochen hat es ein bisschen wie hier, nach Zitrusöl.»

«Du und ich wohnen in Andersland.»

«Wie kommst du denn darauf?»

Matilda öffnet den Mund, schliesst ihn aber gleich wieder, und Sekunden später fallen ihr die Augen zu. Pascal tritt ans Fenster und schaut in den wolkenlosen Himmel. Andersland. Wie schön das klingt. Und wie traurig. Flugzeuge haben weisse Bahnen im Blau hinterlassen, Reisespuren. Er ist schon lange nicht mehr geflogen.

Das Licht flimmert eigenartig über der Bergkette am Horizont. Wahrscheinlich würde er die Bergtour am Wochenende nun absagen müssen. Dabei hatte er versprochen, eine Gruppe von Bergsteigern zur Mutthornhütte zu begleiten. Schade, er hatte sich über die Anfrage gefreut, und die Auszeit in den Bergen hätte ihm sicher gutgetan. Nirgendwo kann er besser abschalten; sobald er die Baumgrenze hinter sich lässt und die Luft dünner wird, fühlt er sich leicht.

Pascal dreht sich vom Fenster weg, betrachtet seine Tochter. Wie klein sie aussieht in diesem grossen Bett; und wie viel kleiner sie noch war, als die Nonnen sie ihm zum ersten Mal in die Arme gelegt haben. Er wischt sich mit dem Handrücken über die Augen. Inzwischen atmet Matilda gleichmässig. Für einen kurzen Moment würde er sie allein lassen, nochmals nach der Ärztin suchen und sich unten am Kiosk Zigaretten besorgen. Er verspürt das dringende Bedürfnis zu rauchen.

Gut gelaunt wacht Matilda am späteren Nachmittag auf. Das Jucken hat nachgelassen, und die Schwellung an den Armen ist zurückgegangen. Auch die Ärztin gibt Entwarnung.

Trotzdem möchte sie, dass Matilda zur Beobachtung die Nacht im Krankenhaus verbringt. «Einem Aufenthalt bei deinem Onkel steht aber nichts im Wege», sagt sie und kneift Matilda freundschaftlich in den Zeh. «Fast hätte ich es vergessen», fügt sie an Pascal gewandt hinzu, «Matilda sollte jetzt etwas Kaltes essen, ein Eis zum Beispiel.» Sie zwinkert Matilda zu und verlässt das Zimmer. Pascal atmet erleichtert auf. Das waren erfreuliche Nachrichten.

«Papa, hast du gehört, was die Ärztin gesagt hat?», fragt Matilda.

Pascal streicht Matilda die Locken aus dem Gesicht. «Dass du trotzdem zu Onkel Tobias darfst?»

«Nein, Papa.«

«Dann weiss ich leider nicht, was meine Prinzessin von Andersland meint», entgegnet Pascal mit strengem Blick. «Papa»

Pascal schmunzelt, kitzelt Matilda an den nackten Füssen.

«Vanilleeis?»

Matilda zieht ihre Füsse lachend an den Körper heran, verdreht die Augen. «Ich bin keine Prinzessin.»

Die Tür geht auf, Tobias tritt ein. Pascal legt das Märchenbuch, das er sich vom Regal im Flur genommen und aus dem er bis eben vorgelesen hat, zur Seite. Matilda sitzt aufrecht im Bett, ein Eisbecher steht vor ihr auf dem ausgeklappten Tisch.

Sie schwingt den langen Löffel in der Luft, als leite sie ein Orchester. «Schon unsere zweite Portion Vanilleeis», lacht sie.

«Wenn du nicht sprichst, ist die Stille zu laut», sagte Matilda heute beim Abendessen, als ich müde und deshalb nicht sehr gesprächig war. (24. 6. 1986)

Pascal kauert auf der niedrigen Holzbank vor der Hütte. Er lockert die Schnürsenkel seiner Wanderschuhe, streift die Schuhe ab und schiebt sie unter die Bank. Langsam bewegt er die Zehen auf und ab, neigt den Kopf erst zur einen und dann zur anderen Seite, kreist die Schultern.

Folge 7

Sein Nacken ist verspannt, es lässt sich nicht leugnen, dass seine Form nachgelassen hat, seitdem er beim Alpenclub kaum noch aktiv ist. Früher hat er praktisch jedes Wochenende in den Bergen verbracht, und wenn er nicht auf einer Tour war, dann bestimmt in der Kletterhalle. Selbst in Mexiko war er oft in der Natur unterwegs gewesen. Pascal atmet tief ein, streckt seine müden Beine aus. Umso schöner ist es, jetzt hier zu sein. Wie erwartet ist der Aufstieg reibungslos verlaufen. Bereits in Selden, von wo er mit der Gruppe kurz vor Mittag losmarschiert ist, hat er gewusst, dass ihm die vier rüstigen Rentner keinerlei Schwierigkeiten machen würden. In einem angenehmen Tempo haben sie die 1500 Höhenmeter in rund siebeneinhalb Stunden zurückgelegt. Der letzte Streckenabschnitt, der über den Gletscher bis zur Hütte führte, war dank des Abendlichts besonders eindrücklich. Sosehr er die körperliche Müdigkeit und die inneren Bilder nach der langen Wanderung auch geniesst, ist es doch ein zwiespältiges Gefühl, an den Ort zurückzukommen, an dem er Günther kennengelernt hat. Oben auf dem Mutthorn hatte ihm Günther, damals verantwortlich für Volkswagen Deutschland, die Stelle in Mexiko angeboten.

Jetzt tritt Julika, die Hüttenwartin, aus dem Haus, nickt Pascal zu und zündet sich eine Zigarette an. «Täglich gönn ich mir eine, niemals würde ich auf diese einzige Zigarette am Tag verzichten wollen.»

«Wir sind uns früher schon einmal begegnet», sagt Pascal.

«Aber das ist schon lange her.» «Hier oben?» Pascal nickt.

«Wie heisst du?»

«Pascal. Ich war damals mit Günther Blum hier.»

«Ach, Günther! Ja, an Günther Blum erinnere ich mich gut. Der ist damals mehrere Male aus Wolfsburg angereist und jeweils für ein paar Tage bei mir geblieben.»

«Ich verstehe», sagt Pascal. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte Günther Julika ständig den Hof gemacht, sie hingegen hatte ihn auf Distanz gehalten.

«Ideales Wetter, klare Sicht», sagt Julika, «ihr habt ein tolles Wochenende ausgewählt.» Kurz darauf verschwindet sie wieder im Haus, bestimmt hat sie noch zu tun. Pascal bleibt draussen auf der Bank sitzen und schaut zu, wie langsam die Dämmerung einsetzt.

Das frühe Aufstehen und der etwas beschwerliche Aufstieg im Lichtkegel der Stirnlampe haben sich gelohnt: Gerade rechtzeitig, um die ersten Sonnenstrahlen über die Gipfelkette hereinbrechen zu sehen, erreichen Pascal und seine Seilschaft das Mutthorn­Plateau. Der Himmel, der durch die zurückgelegten Höhenmeter und das plötzliche Sonnenlicht unwirklich nah scheint, ist von einem kräftigen Rot durchzogen, auch die Berge schimmern rosa. Pascal erschauert. Das Tschingelhorn, die Blümlisalp; jeder Gipfel, jeder Stein tritt stechend scharf aus der magisch aufgeladenen Umgebung hervor. Sie trinken heissen Kaffee, den sie in einer Thermoskanne mitgebracht haben. Dampfschwaden steigen von den Tassen auf, scheinen sich nicht aufzulösen, sondern bleiben wie kleine Skulpturen über den Tassen stehen. Nie zuvor hat Pascal den Duft von Kaffee so intensiv wahrgenommen. Er atmet schwer, Tränen schiessen ihm in die Augen. Vor acht Jahren hatte ich den Kopf noch voller Abenteuer, denkt er und weiss nicht, wohin mit all den Gefühlen und bildstarken Erinnerungen.

«Keine fünf Minuten hast du das Geheimnis für dich behalten können, Matilda», lacht Michael und verschwindet in der Küche. «Dabei haben wir dir doch eingeschärft, Papa nichts davon zu erzählen», fügt Tobias hinzu und kneift Matilda in den Arm, worauf diese ihn mit weit aufgerissenen Augen anschaut. «Alles gut, meine Kleine, war doch nur ein Scherz. Pascal, gibst du mir mal den Sack mit der Kohle herüber?»

«Toller Scherz», brummt Pascal, reicht ihm widerwillig die Kohle. «Mensch Tobias, ihr dürft sie bei der starken Strömung doch nicht in der Aare schwimmen lassen, dafür ist sie noch viel zu klein. Weisst du eigentlich, wie gefährlich das ist?»

«Ich war nicht allein im Fluss schwimmen, Papa», flüstert Matilda. «Onkel Tobias und Michael waren auch dabei und sowieso haben wir uns an einer Luftmatratze festgehalten.» «Hörst du?», fragt Tobias.

«Trotzdem», beharrt Pascal, «das gefällt mir nicht.» Dass Tobias mit Matilda macht, worauf er gerade Lust hat, ohne dabei an die Risiken zu denken, stört ihn tatsächlich. Tobias hätte ihn zuvor wenigstens um Erlaubnis bitten müssen.

«Jetzt entspann dich mal, Bruder, du weisst genau, dass wir Matilda keine Sekunde aus den Augen gelassen haben. Kaum zu glauben, dass du früher ein richtiger Draufgänger warst.»

«Ein Bier?», ruft Michael von drinnen, reicht eine Bierflasche durch die Balkontür. Pascal streckt sich nach der Flasche, bedankt sich. Er fühlt sich wie ein Spielverderber; eine Rolle, die ihm in dieser Viererkonstellation oft zufällt. Immer geht es Tobias darum, Matilda etwas zu bieten, den grösstmöglichen Spass zu haben. Matilda klettert auf seinen Schoss, schmiegt sich an seinen Hals. «Nicht wütend sein, Papa.» «Ist ja gut», sagt Pascal und umarmt Matilda, wobei die Bierflasche ihren Rücken berührt und sie aufschrecken lässt. «»Du bist gemein», ruft sie, «die Flasche ist eiskalt!» «Das hast du nun davon», entgegnet Pascal, doch sein Ärger ist verflogen. Matilda rutscht von seinem Schoss, verschwindet zu Michael. Nach dem ganzen Wochenende, an dem Tobias und Michael auf Matilda aufgepasst haben, hat er keinen Grund, sich zu beschweren. Er ist schon wie seine Eltern, die bei jeder Gelegenheit nach dem Haar in der Suppe gesucht und es meistens auch gefunden haben. Sie hatten ihm dadurch jegliche Freude, ihnen überhaupt etwas zu erzählen, verdorben.

Folge 8

So will er nicht sein.

Er tritt an seinen Bruder heran, klopft ihm auf die Schulter.

Michael spiesst eine halbe Bratwurst auf. «Pascal, für dich?»

Pascal schlägt sich auf den vollen Bauch. «Nein danke, ich kann nicht mehr.»

Jetzt, nach dem Essen und dem Bier fühlt er sich angenehm entspannt, etwas schläfrig, die Bergtour steckt ihm noch in den Beinen. Tobias schaut auf die Uhr, schiesst hoch. «Leute, das Spiel beginnt gleich», ruft er und verschwindet in der Wohnung. Er ist der Einzige in der Runde, dem Fussball wirklich etwas bedeutet und der davon eine Ahnung hat. «Dann muss der Nachtisch wohl bis zur Pause warten», stöhnt Michael. «Willst du einen Tipp von mir, Matilda?», lacht er,

«Such dir später einen Mann, dem Fussball egal ist.»

«Unmöglicher Kuchen», sagt Matilda, «den hab ich zum Nachtisch ausgewählt.»

«Dann hat Michael aber lange in der Küche gestanden», bemerkt Pascal staunend. Er hat das Rezept nur ein einziges Mal ausprobiert, zu Matildas viertem Geburtstag, doch es hat sein Backtalent bei Weitem überstiegen und ist dementsprechend misslungen. Das heisst, nicht ganz, die untere Hälfte, der Schokoladenboden, war einigermassen geniessbar. Nur die Flan Hälfte hatte er entsorgen müssen.

Matilda legt den Kopf schief: «Warum heisst der unmögliche Kuchen eigentlich unmöglicher Kuchen?»

«Weil er aus zwei Hälften besteht, die sich nicht vermischen und nicht richtig zusammengehören wollen», erklärt Michael. «Gegensätze eben.»

«Die aber in der Kombination so lecker schmecken, dass man den Kuchen unmöglich stehen lassen kann und immer weiteressen will», ergänzt Pascal lachend.

Matilda legt ihre Stirn in Falten und kräuselt die Nase. «Was ist ein Gegensatz?», fragt sie. «Schwarz und weiss», antwortet Michael in Sekundenschnelle.

Pascal hält inne: «Nein, das sind doch Gegenteile.»

«Das ist dasselbe», behauptet Michael.

Sie diskutieren eine Weile hin und her, ohne sich auf den richtigen Begriff einigen zu können, bis Matilda ungeduldig an Michaels T-Shirt zupft. «Ich weiss einen viel besseren Namen für meinen Lieblingskuchen.»

«Welchen denn?», fragen Pascal und Michael gleichzeitig, schauen sich lachend an.

«Helle Nacht!», strahlt Matilda. «Oben ist der Kuchen hell, unten dunkel und eigentlich ist das unmöglich.»

«Eine tolle Idee», nickt Michael zustimmend. «Tobias, willst du ein Stück Helle Nacht?», ruft er durch die Balkontür.

«Euch will ich! Und zwar hier vor dem Fernseher!», kommt es zurück. Tobias und seine Fussballbegeisterung. Im Gegensatz zu Michael kann Pascal die Aufregung, die diese Weltmeisterschaft in ihm auslöst, durchaus ein wenig nachvollziehen und er beneidet alle, die gedankenlos mitfiebern können - ihm gelingt das dieses Jahr nicht richtig. Der Austragungsort Mexiko ruft zu viele Erinnerungen wach. Nichtsdestotrotz will er sich das Endspiel nicht entgehen lassen. Argentinien gegen Deutschland, ein Klassiker. Michael stellt die Teller zusammen, legt die Servietten und das Besteck auf den Stapel. «Für wen bist du eigentlich?»

«Seit der Geschichte mit der Hand Gottes eindeutig für Deutschland. Und du?»

«Mir ist es egal. Hauptsache, der ganze Spuk nimmt endlich ein Ende und Tobias verbringt nicht mehr Stunden vor der Flimmerkiste.» «Mensch, kommt schon, gleich geht’s los mit den Nationalhymnen!», ruft Tobias ungeduldig. Matilda hüpft davon, Pascal folgt ihr. Sie setzen sich drinnen vor den Fernseher aufs Sofa. «Schau, in diesem Fussballstadion, dem Estadio Azteca, war ich schon einmal», sagt Pascal zu Matilda. «Da passen richtig viele Menschen rein.»

«Darum beneide ich dich, Bruder», wirft Tobias ein. «Aber irgendeinmal hole ich das nach, wirst sehen.»

«Wann warst du dort, Papa? Als du noch jung warst?», fragt Matilda, ohne dem Einwand ihres Onkels Beachtung zu schenken.

«So alt bin ich nun auch wieder nicht, du Frechdachs. Aber es ist tatsächlich schon ein paar Jahre her.» Pascal wendet sich an seinen Bruder. «Es muss ja nicht Mexiko sein. Wir können uns auch in München oder Madrid ein Spiel anschauen gehen. Bist du dabei?»

«Immer.»

Michael kommt herein und lässt sich neben Tobias aufs Sofa fallen. Tobias legt ihm den Arm um die Schultern. «Und den da nehmen wir auch gleich mit.» «Darf man wissen, wohin?»

«Zu einem Bundesligaspiel», lacht Tobias. Michael verwirft die Hände. «Ich flehe dich an, liebe Matilda. Rette mich und versprich mir, dass ich an dem Tag bei dir bleiben darf.»

Matilda gähnt. «Ich kann dich nicht retten, Michael. Du bist viel zu gross für mich. Tobias muss dich retten.»

«Hörst du, Tobi?»

Matilda schmiegt sich an Pascal.

«Papa, warst du allein in diesem grossen Stadion?»

«Nein, Sergio, ein mexikanischer Freund, hat mich zu einem Spiel mitgenommen. Den kennst du aber nicht.»

«Warum nicht?»

Pascal tippt auf Matildas Nasenspitze. «Weil du damals noch nicht geboren warst, kleiner Frechdachs.»

Matilda legt ihren Kopf auf seinen Schoss, streckt die Beine aus und hebt ihre nackten Füsse auf Tobias’ Oberschenkel. In der immer gleichen Bewegung streicht Pascal ihr ihre Locken, die jeweils sofort wieder nach vorne springen, hinters Ohr.

Folge 9

Wenige Tage nach dem Ausflug ins Estadio Azteca hatte Sergio ihm Lucía vorgestellt und alles hatte seinen Lauf genommen. Eine schöne Zeit, die er sich gern als solche bewahrt hätte. Leider gelingt es ihm nicht, sich ohne Enttäuschung daran zu erinnern; auch wenn er in Matildas Gesicht plötzlich Lucías Augen aufblitzen sieht, fühlt er einen unangenehmen Druck auf der Brust. Manchmal wünscht er sich, Lucía könnte Matilda sehen und zumindest ein einziges Mal darüber staunen, was für ein besonderes Kind sie ist. Jetzt ist Matilda eingeschlafen.

Matilda beim Gutenachtsagen: «Wann beginnt ein Abschied, Papa? Und wann hört er auf?» (2. 8. 1986)

Undenkbar

1986 – 1987 

Unten an der Schulhaustreppe steht Tobias, ganz leicht hebt er die Hand. Jetzt versteht Matilda, warum sie nach der Pause ihren Schulranzen packen und mit Frau Sommer nach draussen gehen sollte. Bestimmt will Tobias sie überraschen. Tobias, der immer irgendwelche Abenteuer ausheckt, hat wahrscheinlich wieder vergessen, dass der Unterricht erst um halb zwölf zu Ende ist. Was wohl Papa davon halten würde?

Frau Sommer ergreift Matildas Hand und zusammen steigen sie die Stufen hinunter. Das ist ihr unangenehm, gern hätte sie Frau Sommers Hand losgelassen und wäre Tobias entgegengerannt. Unten angekommen, legt sie ihre Arme um Tobias‘ Bauch, auch Tobias umarmt sie, küsst sie auf den Kopf, lässt sie nicht mehr los. «Es tut mir schrecklich leid, ich weiss überhaupt nicht, was ich sagen soll», hört Matilda Frau Sommers Stimme. Tobias schweigt. «Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich nun zur Klasse zurückgehe?», fragt Frau Sommer nach einer Weile. Noch immer an Tobias gedrückt, schaut Matilda zu ihm auf, er sagt nichts, aber sie sieht, dass er mehrmals nickt. Frau Sommer streicht ihr über die Haare, ihre Absätze klacken laut, als sie sich von ihnen entfernt, dann wird das Geräusch immer leiser, und schliesslich fällt die schwere Eingangstür ins Schloss.

Tobias geht ein paar Schritte, zieht Matilda langsam mit sich fort.

«Drehst du mich im Kreis?», fragt sie; sonst schwingt Tobias sie zur Begrüssung immer an beiden Händen durch die Luft, doch heute scheint er es vergessen zu haben. Jetzt sieht sie, dass Tobias weint. Sie fragt sich, was er nur hat. Sie setzen sich nebeneinander auf die Steinmauer, von der Matilda während der Pausen mit ihren Freundinnen herunterhüpft und wo im Herbst die Pausenäpfel der Bauern verteilt werden. Tobias streicht ihr über den Rücken. «Matilda», sagt er dann ganz leise, «dein Papa ist gestorben.»

Er schluchzt laut auf, Matilda starrt ihn an. Tobias wird geschüttelt, wie von einer unsichtbaren Kraft gepackt beben seine Schultern, sie weiss nicht warum, aber sein Anblick ist ihr unheimlich, sein Gesicht sieht plötzlich ganz anders aus. Er soll aufhören. «Bitte wein nicht», sagt sie, «bitte, Onkel Tobias.»

Tobias nimmt ein Taschentuch aus der Jackentasche, schnäuzt sich die Nase, blickt sie an, schaut weg, zieht die Nase hoch. Er weint schon wieder. Seine Augen sind ganz rot.

Matilda möchte heimgehen. «Kommst du mit nach Hause?», fragt sie schliesslich. Tobias nickt zwar, rührt sich aber nicht. Matilda steht auf, zieht ihn hoch. «Meine Lehrerin heiratet bald», erzählt sie auf dem Heimweg, «darum haben wir richtig viele Papierblumen gebastelt. Mit den Blumen überraschen wir sie, wenn sie aus der Kirche kommt. Meinst du, sie freut sich?» Tobias drückt nur ihre Hand. «Ich glaube, sie freut sich», fährt Matilda fort. «Hat Papa dir eigentlich schon erzählt, dass der alte Hund von Verena auch gestorben ist?» Zu Hause scheinen sie den ganzen Nachmittag auf irgendetwas zu warten. Matilda isst Cornflakes mit Milch, sie fragt Tobias, ob er auch etwas essen mag, aber er hat keinen Hunger. Da hört sie, dass unten die Haustür zufällt. Sie rennt zur Wohnungstür, reisst sie auf. «Papa?» Jemand steigt die Stufen hoch. Es ist Michael. Er umfasst ihr Gesicht mit beiden Händen, küsst sie auf die Stirn. «Matilda, mein Kind.»

Tobias und Michael umarmen sich, flüstern. Tobias schluckt Tabletten.

Später liegen sie zu dritt nebeneinander in Papas grossem Bett. «Wo bleibt Papa?», fragt Matilda. Niemand sagt etwas. «Heute auf der Arbeit ist er plötzlich zusammengebrochen», antwortet Michael dann leise, streichelt ihre Wangen. «Wir sind bei dir», Matilda legt ihre Hand auf Michaels Mund, er soll damit aufhören.

Das Bett riecht nach Papa.

Am nächsten Morgen sucht Matilda in der ganzen Wohnung. Während sie die zwei Stockwerke heruntergeht, im Garten und in der Garage sucht, verspürt sie einen unglaublichen Zorn. Sie hat keine Lust mehr auf dieses blöde Versteckspiel. Mit aller Kraft tritt sie gegen das Auto. Michael, der ihr gefolgt ist, hebt sie hoch. Zuerst wehrt sie sich dagegen, lässt dann aber doch geschehen, dass er sie in die Wohnung zurückträgt. Er hat sie schon lange nicht mehr getragen. «Wo ist Papa?», schreit Matilda plötzlich. Michael hält sie fest, jetzt weint auch er. «Pascal ist gestern an einem Herzinfarkt gestorben, Matilda. Er ist im Krankenhaus aufgebahrt.»

Matilda versteht nicht, was er damit meint. «Wann kommt er zurück?», fragt sie nach.

«Er ist gestorben, mein Liebes. Er kommt nicht mehr nach Hause», flüstert Michael mit gebrochener Stimme. «Doch! Papa kommt immer zu mir zurück!»

Michael beisst sich auf die Unterlippe, die sofort leicht blutet. Matilda löst sich aus seiner Umarmung, schlägt auf ihn ein. Er darf so etwas nicht sagen, sie weiss, dass ihr Papa zurückkommen wird!

Folge 10

Matilda weint, schluchzt leise, greift nach Papas Hand. Michael, der mit ihr ins Krankenhaus gefahren ist, hält sie nicht zurück. Papas Finger sind eiskalt. «Er friert», haucht Matilda beinahe tonlos, stellt sich auf die Zehenspitzen, fährt durch seine Haare. Auch die Haare sind kalt und fühlen sich feucht an, als hätte er soeben noch unter der Dusche gestanden. Seine Augen sind geschlossen, die sonst so struppigen Augenbrauen glatt gestrichen. Matilda versucht, seinen Kopf in ihre Richtung zu drehen. «Liebes», sagt Michael und hebt ihre Hand vorsichtig weg. Papa trägt die gleichen Kleider wie gestern, seine dunkle Jeans, das hellgraue T­-Shirt. Oder trug er beim Frühstück etwas anderes? Matilda ist sich nicht mehr sicher. «Papa. Bitte, Papa. Papa!» Sie spürt Michaels Hände auf den Schultern, wird von Papas Liege weggezogen. «Wir gehen für einen Moment raus», sagt Michael, «wenn du möchtest, kommen wir später noch einmal zurück.»

Er hebt sie hoch, sie schlingt ihre Arme um seinen Hals. «Bleibt Papa hier?», flüstert sie ihm ins Ohr, fürchtet sich vor seiner Antwort. «Dein Papa wartet anderswo auf dich, mein Schatz», sagt Michael leise und hält sie fest an sich gedrückt.

Matilda versteht nicht, was er damit meint. Sie möchte nach Hause und dass alles ist, wie es immer war. Draussen steht die Krankenschwester, die ihnen vorher die Tür aufgeschlossen und sie zu Papa geführt hat. Sie zeigt Matilda einen braunen Stoffhasen, klemmt ihn zwischen Matildas und Michaels Oberkörper und legt ihre Hand auf Matildas Rücken. Die Stelle fühlt sich warm an. «Wir würden ihn dann jetzt nach unten bringen», sagt sie zu Michael. «Ist das in Ordnung?» Michael nickt.

*

Die Mulde vor dem Haus ist nur halb gefüllt. Es hätte auch eine kleinere genügt, denkt Tobias. Michael ist auf den Dachboden gestiegen und reicht ihm die restlichen Dinge herunter.

Es ist nicht mehr viel. Skistöcke und eine alte Stehlampe gehören in die Mulde, Helm und Kletterseile zu den Sachen für den Alpenclub. Die Kücheneinrichtung und die meisten Möbel haben sie am Tag zuvor bei der Heilsarmee vorbeigebracht, nur die schwarze Couch, die steht jetzt in ihrer gemeinsamen Wohnung in Bern.

Tobias’ Leben ist ein Albtraum, aus dem er nicht mehr aufwacht. Keine Sekunde hat er damit gerechnet, Matilda nicht zu sich nehmen zu dürfen. Er wäre mit Michael auch zu ihr nach Riehenbach gezogen, keine Frage. Aber er darf nicht, man lässt ihn nicht. «Undenkbar», hiess es seitens der Behörden. Ein siebenjähriges Mädchen könne unmöglich bei einem schwulen Paar aufwachsen. Dabei ist er Matildas Onkel. Pascals Bruder. Auch Matilda hat die zuständigen Personen auf dem Jugendamt richtiggehend angefleht, bei ihm und Michael leben zu dürfen. Und selbst Andreas, Pascals bester Freund, und Verena haben ausgesagt, wie nah sich die beiden Brüder gestanden hätten und dass Tobias für Matilda nach ihrem Vater die wichtigste Bezugsperson sei – aber es hat nichts geholfen. Immerhin haben sie erreicht, dass Matilda zu Andreas, Rita und deren Tochter Anna ziehen und so im gleichen Dorf und der alten Schule bleiben darf. Doch sie wird einen Vormund bekommen. Er, der leibliche Onkel, der Matilda über alles liebt, ist raus, hat in der Sache nichts zu sagen. Tobias fühlt sich schuldig, und die lähmende Ohnmacht quält ihn so sehr, dass er sie ohne die vielen täglichen Tabletten nicht aushalten könnte. Bevor Michael und er mit dem Räumen der Wohnung begonnen haben, hat Verena mit Matilda zwei grosse Taschen und eine Bananenkiste mit ihren Kleidern und geliebten Gegenständen gefüllt. Weder Verena noch Michael und er haben die Worte über die Lippen gebracht, die Matilda klar gemacht hätten, dass dies ihr letzter Tag in der Wohnung war. Michael hat die ganze Zeit über geschwiegen, Verena bemüht von praktischen Dingen geredet. Was einpacken, was dalassen? Tobias hat auf dem Balkon eine Zigarette nach der anderen geraucht. Pascals Zigaretten. Sie hatten in Pascals blauer Jacke gesteckt. Vielleicht hat Matilda auch längst gewusst, dass sie nicht mehr zurückkommen würde; der Anblick der tapferen, kleinen Matilda, die ihre Sachen zusammensucht, hat ihm das Herz gebrochen.

Tobias stützt sich auf den Muldenrand, die Skistöcke noch in der Hand. Wie lange steht er schon hier? Auf dem gegenüberliegenden Gehsteig schiebt ein Mann sein Rad nach Hause. Eine Nachbarskatze überquert lautlos die Strasse. Es regnet.

«Ein Brief aus Mexiko», sagt Michael und reicht Tobias den Umschlag, den er aus Pascals Briefkasten geholt hat. Bald würden sie die Wohnung abgeben, die Vermieterin musste jeden Moment zur Schlüsselübergabe eintreffen. «Familie Pascal Müller» steht oberhalb der Adresse. Tobias reisst den Umschlag auf, zieht eine Karte heraus. Sie zeigt ein Kreuz vor einem Sonnenuntergang, darüber ein Vogel mit weit geöffneten Flügeln, als ob Vögel allein und nicht in Schwärmen fliegen würden. Auf der Rückseite steht in holprigem Englisch, Pascal sei ein grossartiger Mensch und Freund gewesen. Michael beugt sich über Tobias, um die Karte zu lesen. «Wer ist Sergio?»

«Sein mexikanischer Arbeitgeber und damaliger Freund.»

Pascal hat oft von Sergio erzählt. Wollte Sergio Pascal nicht sogar mal in der Schweiz besuchen kommen? Tobias glaubt, einst etwas in diese Richtung gehört zu haben, weiss aber nicht, woran die Reise schlussendlich gescheitert ist. Ebenso wenig weiss er, auf welchem Weg Sergio von Pascals Tod erfahren hat. Ob Pascals deutscher Freund vom Alpenclub die Nachricht an den ehemaligen Arbeitgeber weitergeleitet hat?

Folge 11

Plötzlich erschauert Tobias. Sergio war es, der Pascal und Lucía miteinander bekannt gemacht hat. «Jetzt verlieren wir sie ganz», sagt er und zerreisst die Karte. Michael schaut ihn erschrocken an.

*

Der Arzt schreitet schnell voran, seine Schuhe quietschen.

«Gib mir die Hand», sagt Michael. Matilda hätte sich die Zeichnungen, die im langen Flur hängen, gern genauer angeschaut, doch sie kann kaum Schritt halten. Da ein Bär, der eine Staude Bananen verschlingt. Matilda ist sich nicht sicher, ob Bären überhaupt Bananen essen. Jetzt durchqueren sie einen grossen, hellen Raum mit Sofas, Tischen, Grünpflanzen und einem Tischkicker. Vielleicht würde Tobias nachher eine Runde mit ihr spielen. Matilda hofft, dass er nicht mehr so traurig ist wie am letzten Wochenende, das sie bei ihm und Michael in Bern verbracht hat. Er hat kaum geredet, nie gelacht. Weil Tobias in den folgenden Nächten und auch die Nächte davor nicht hatte schlafen können, ist er in dieses Krankenhaus gebracht worden, wo ihm die Ärzte auch mit der Traurigkeit helfen können. Das hat Michael ihr erklärt.

«Frische Luft tut ihm bestimmt gut», hört Matilda den Arzt sagen. Endlich drosselt er sein Tempo, schaut zu ihr herunter. «Zur Klinik gehört ein Bauernhof mit Pferden, Ziegen und anderen Tieren, die sich über Besuche von Mädchen wie dir freuen.»

Matilda nickt, das klingt gut, besser noch als Tischfussball. Dann bleiben sie vor einer Zimmertür stehen. Der Arzt klopft zweimal an, öffnet die Tür. «Besuch für Sie, Herr Müller, Ihre reizende Nichte ist da.» Matilda und Michael treten ein. Ich bin nicht reizend, denkt Matilda. Die Sonne scheint ins Zimmer, blendet ein wenig; der Arzt sagt, er würde sie mit Tobias allein lassen, verabschiedet sich mit einem Händedruck von Michael und verlässt den Raum. Tobias sitzt im Trainingsanzug auf dem Bett und schaut Matilda lächelnd an. Er sieht aus, als hätte er schon sehr lange auf sie gewartet. Vorsichtig steht er auf, kommt auf sie zu. Matilda streckt ihre Arme nach ihm aus, sie fassen sich an den Händen, umarmen sich dann. Lange spricht niemand. «Onkel Tobias», durchbricht Matilda schliesslich die Stille, «der Arzt hat gesagt, dass wir die Pferde begrüssen sollen.»

Michael nimmt Tobias’ Jacke aus dem Schrank, stellt ihm seine Schuhe hin. Tobias atmet laut, für das Binden seiner Schuhe benötigt er viel Zeit. «Es ist kalt draussen», sagt Michael und reicht Tobias einen Schal. «Die Mütze bitte auch», sagt Tobias. «Mit den Medikamenten friere ich noch stärker als sonst.»

Sie kommen nur langsam voran. Immer wieder bleibt Tobias stehen, dann will er umkehren und ins Zimmer zurückgehen. «Bitte, Onkel Tobias, ich möchte zu den Pferden», beharrt Matilda. «Wenn das so ist», lächelt Tobias und legt seine Hand auf ihren Kopf. Sie folgen dem Fussweg zum Bauernhof, an dessen Rückseite sie die Pferdekoppel bereits sehen können. Matilda zählt drei Pferde. Unten angekommen, hebt Michael sie auf den Bretterzaun, eines der Pferde nähert sich ihnen, stupst Matilda in den Bauch, worauf diese sich erschrocken nach hinten fallen lässt. Michael hält sie fest. «Keine Angst, dieses Pferd ist Menschen gewohnt», lacht er, «es hofft, dass du ihm etwas zu fressen gibst.»

Unter der Mähne, wo Matilda das Pferd streichelt, ist es ganz warm. Dann wendet sich das Pferd von ihnen ab und trottet davon. Matilda schaut zu Tobias, doch dieser schaut gebannt woanders hin. Sie überlegt sich, was er wohl sieht.

«Mir ist kalt», sagt Michael. «Sollen wir uns auf den Rückweg machen?»

Matilda greift nach Michaels und Tobias’ Händen, die von Tobias fühlt sich viel kälter an als die von Michael. An manchen Stellen liegt noch Schnee, anderswo stossen bereits die ersten Blumen ihre Knospen aus der Erde. Auch im Garten, der zu ihrer und Papas Wohnung gehörte, wachsen schon Schneeglöckchen. Sie ist gestern nach dem Unterricht dort gewesen, heimlich. Jonas hat nämlich erzählt, dass neue Leute eingezogen sind. Es ist wahr. Auf dem Balkon standen Umzugskisten und zwei krumme Türme aus Gartenstühlen. Zum Glück hat noch niemand die zwei gelben Sterne, die sie vor langer Zeit an ihr Zimmerfenster geklebt hatte, entfernt. Vor der Eingangstür standen ein Kinderwagen und drei Paar Regenstiefel.

In der Cafeteria, die sich im Erdgeschoss des Krankenhauses befindet, bestellen sie heisse Schokolade und Kaffee. Michael erzählt von einer neuen Arbeitskollegin und von zwei Geburtstagseinladungen, die er und Tobias bekommen haben. Tobias spricht kaum. Die Eckbank, auf der sie neben Tobias sitzt, ist mit einem weichen, orangebraunen Stoff bezogen, und wie vorhin beim Pferd, sträuben sich die Härchen, wenn Matilda in die eine Richtung darüberstreicht. Sie kann sogar Buchstaben auf die Sitzfläche schreiben: ANNA. PAPA. Plötzlich verstummt Michael. Matilda schaut auf, Tobias hält s eine Ellenbogen auf den Tisch gestützt, das Gesicht in seinen Händen. Michael sieht müde aus. Matilda rutscht ganz nah an Tobias heran, kniet sich auf die Bank. «Du musst nicht so traurig sein, er wartet anderswo auf uns, ganz bestimmt», flüstert sie ihm ins Ohr.

*

Das Kribbeln, das in den Händen begonnen hat, weitet sich den Armen entlang auf den ganzen Körper aus. Tobias kann sich auf nichts anderes konzentrieren und er weiss ohnehin nicht, wie er sich Rita und Andreas gegenüber verhalten soll. Ohne Matilda, die heute mit Anna bei deren Grosseltern übernachtet, wirkt das Zusammenkommen bemüht. Leider hat er nicht gewusst, dass sie nicht zu Hause sein würde, sonst hätte er Michael darum gebeten, die spontane Einladung zum Abendessen abzusagen.

Folge 12

Oder er wäre einfach nicht mitgegangen. Seit er aus der Klinik entlassen worden ist, meidet er den Kontakt mit anderen. Er hält es nicht aus, die Lücke, die sein Bruder hinterlassen hat, mit Gesprächen und anderen Themen zuzudecken. Zur Arbeit geht er nicht, er ist für weitere sechs Wochen krankgeschrieben worden.

Rita räumt den Tisch ab, Michael hilft ihr dabei. Er folgt ihr in die Küche, erkundigt sich nach dem Rezept für den Gemüsegratin. Als ob das jetzt wichtig wäre. Es verletzt Tobias, wie scheinbar leicht Michael wieder ins normale Leben hat einsteigen können. Gleichzeitig weiss er, dass sich Michael vor allem ihm zuliebe bemüht, zu einer gewissen Normalität zurückzukehren. Tobias bezweifelt, dass dies für ihn jemals wieder möglich sein wird. Andreas, der mit ihm am Tisch sitzen geblieben ist, öffnet eine zweite Flasche Wein, er trinkt viel, ohne dabei betrunken zu wirken. Wegen der Tabletten, die Tobias noch immer nehmen muss, trinkt er keinen Alkohol.

«Gestern kam jemand von der mexikanischen Botschaft bei uns vorbei», sagt Andreas. Tobias starrt auf die Weinflasche, ihm wird schwindlig. Ein Tropfen Wein läuft dem Flaschenhals entlang nach unten, dann bildet sich auf dem Tischtuch ein roter Fleck, weitet sich langsam aus. Ohne dass Andreas weiterredet, weiss er, dass eingetroffen ist, wovor er sich am meisten gefürchtet hat. Stühlerücken, Michael und Rita setzen sich wieder an den Tisch. «Was ist los?», fragt Michael.

«Lucía möchte Matilda zu sich nach Mexiko holen», bestätigt Andreas Tobias’ schlimmste Befürchtung.

Das ist es also; deshalb die spontane Einladung. Tobias hat Angst, sich übergeben zu müssen. Er blickt zu Michael, dieser fasst nach seiner Hand. Schweisstropfen stehen auf Michaels Stirn. Ob er davon gewusst hat? Nein, er hätte es ihm gesagt, ihn nicht ins offene Messer laufen lassen. Es ist ungeheuerlich. Denkt Lucía tatsächlich, sie könne Matilda einfach so mitnehmen? Wie einen Koffer, den man zuvor irgendwo stehen gelassen hat? Lucía, die die Schwangerschaft abbrechen wollte? Lucía, die sich kein einziges Mal nach ihrer Tochter erkundigt hatte? «Sie wollte das Kind abtreiben!», stösst er hervor. Sein Mund ist so trocken, dass ihm das Reden schwerfällt. Er starrt wieder auf den roten Fleck, schafft es nicht, Andreas oder Rita anzuschauen. «Sie wollte Matilda nicht.»

«Die Frau von der mexikanischen Botschaft sagte uns, Lucía sei inzwischen verheiratet und Mutter eines zweijährigen Sohnes», erläutert Rita sachlich, «ihre Lebensumstände haben sich verändert. Und letztendlich muss man ihr ja trotzdem zugutehalten, dass sie das Kind nicht abgetrieben hat.» «Weiss denn Matilda davon?», unterbricht Michael.

«Von ihrem Halbbruder?»

«Von allem.»

«Nein, natürlich nicht», antwortet Andreas, und Rita fügt hinzu, sie hätten zuerst mit ihnen reden wollen. «Wir wissen ja auch nicht, was für Matilda das Beste ist», fährt sie fort, «doch so wie es aussieht, liegt es gar nicht an uns, das zu entscheiden. Auch Lucía muss sich vielen Fragen stellen, die mexikanischen Behörden vor Ort klären inzwischen ab, ob sie Matilda wirklich ein sicheres und liebevolles Zuhause bieten kann. Vielleicht müssen wir diesen Leuten einfach vertrauen und Lucía eine Chance geben.»

«Eine Chance geben? Sie hatte ihre Chance, verdammt noch mal!», zischt Tobias.

«Wie geht es jetzt weiter?», fragt Michael. Mit festem Griff umklammert er Tobias‘ Arm. «Bitte, beruhige dich.»

«Wenn alle Fragen geklärt sind, kommt Lucía zum gegenseitigen Kennenlernen für zwei Wochen in die Schweiz. Erst danach wird endgültig entschieden.» Tobias reisst sich los, steht auf. «Lucía hat sich kein einziges Mal bei Pascal gemeldet, nie etwas von Matilda wissen wollen! Ihre Tochter war ihr vollkommen egal! Ich habe bereits meinen Bruder verloren, jetzt verliere ich auch noch das Kind. Dabei war ich immer für die beiden da. Warum zählt das nichts? Warum bekomme ich keine Chance?»

Er greift nach seinem Glas, stürzt das Wasser hinunter, schenkt sich nach, trinkt auch das zweite Glas in einem Zug leer. Das Wasser müsste kälter sein, viel kälter. Er hält diesen Schmerz nicht mehr aus.

«Pascal hat mir gegenüber mehrmals erwähnt, dass er nie eine andere Frau als Lucía geliebt hat», sagt Andreas ruhig. «Natürlich ist das ein schlechter Trost, aber ich glaube, Lucía muss etwas ganz Besonderes sein. Sie war es für deinen B ruder, Tobias. Und egal, was vorher war, sie ist und bleibt Matildas Mutter.»

*

Erleichtert atmet Lucía auf, als sie am Ende der Strasse die mexikanische Flagge entdeckt. Der Hotelportier hat ihr den Weg zur Botschaft beschrieben, doch aufgrund seiner langen Ausführungen ist sich Lucía nicht sicher gewesen, die Botschaft auf Anhieb finden zu können. Sie ist nervös. Nach über sieben Jahren würde sie hier, in einem fremden Land, ihre Tochter wiedersehen, von der sie sich drei Tage nach deren Geburt verabschiedet hat. Wie würde Matilda auf sie reagieren? Wie würde sie aussehen? Die Fahne flattert laut im Wind, Geräusche wie Peitschenschläge. Dass sie es tatsächlich alleine bis hierhin geschafft hat.

Abgesehen von einem Aufenthalt bei entfernten Verwandten in Kalifornien, hat sie Mexiko nie verlassen. Gestern ist sie in Zürich gelandet, von dort mit dem Zug nach Bern gereist. Dieselbe Reise hat Matilda damals mit Pascal gemacht.

Ob auch er Angst hatte vor der Verantwortung, das Kind alleine grosszuziehen? Sie hat Respekt vor dieser Aufgabe, ja. Gleichzeitig hegt sie aber nicht die geringsten Zweifel, sich dieser annehmen zu wollen.

Folge 13

Vermutlich war Pascals Gefühlslage damals ähnlich. Noch immer fällt es ihr schwer zu glauben, dass Pascal, den sie lange Zeit aus ihren Gedanken und Erinnerungen verbannt hatte, gestorben ist.

Er war ein guter Mensch, hätte sie nie im Stich gelassen. Im Gegenteil: Von dem Moment an, in dem er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte, war er bereit gewesen, sein Leben in der Schweiz für sie und das Kind aufzugeben. Dabei waren sie noch nicht lange ein Paar gewesen. Hätte er den fatalen Herzinfarkt auch erlitten, wenn sie bei ihm geblieben wäre? Nach seiner Abreise aus Mexiko hatte sie sich eingeredet, dass er in der Schweiz eine andere Frau heiraten und Matilda eine Stiefmutter bekommen würde. Sie hätte nie gedacht, dass er mit dem Kind allein bleiben würde.

Wenig später sitzt Lucía im Büro des Konsuls. Er sieht viel jünger aus, als sie sich jemanden in seiner Position vorgestellt hat. Wahrscheinlich ist er nur wenige Jahre älter als sie, wenn überhaupt. «Gut gereist?», fragt er. Lucía nickt. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich verschiedene Dossiers, es herrscht eine grosse Unordnung. Ihr ist schwindlig, vielleicht, weil sie heute noch nichts gegessen hat, vielleicht liegt es aber auch an der Anspannung. Hinter dem Schreibtisch hängt ein Porträt von Miguel de la Madrid Hurtado, dem mexikanischen Präsidenten. Plötzlich hört sie eine helle Kinderstimme. Sie schaut zur Tür, die einen Spalt weit offen steht, sieht einen Schatten, vernimmt ein leichtes Klopfen. «Da sind sie», der Konsul erhebt sich, schreitet zur Tür. Auch Lucía steht auf, doch ihre Knie zittern so stark, dass sie sich wieder setzen muss. Die Tür geht auf und an der Hand einer gross gewachsenen Frau betritt Matilda den Raum, gefolgt von einem Mann mit Bart. Sofort schiessen Lucía die Tränen in die Augen. Die schwarzen Locken, die dunklen Augen. «Matilda», flüstert sie, nicht fähig, sich zu bewegen. Sie fixieren einander einen Moment lang, Matilda mustert sie, bestimmt fällt auch ihr die Ähnlichkeit zwischen ihnen auf. Lucía weiss nicht, wie lange sie in dieser Position verharren, bis die Frau auf sie zukommt, ihr die Hand reicht. «Ich bin Rita. Und das hier sind mein Mann Andreas und Matilda.»

Lucía kann sich kaum auf das Gespräch konzentrieren, das in einem Gemisch aus Englisch, Spanisch und Deutsch geführt wird. Immer wieder schaut sie zu Matilda hinüber, die auf ihrem Stuhl sitzt und die Beine baumeln lässt. Lucía lächelt ihr vorsichtig zu, wie wunderschön das Mädchen ist – doch Matilda erwidert den Blick kaum. Bestimmt versteht Matilda noch weniger als sie, was hier vor sich geht.

Nach einer guten halben Stunde ist das Gespräch vorbei, und es wird ein Termin für den nächsten Tag ausgemacht. Lucía ist verunsichert: Warum ist das Treffen so kurz? Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Sie hat sich erhofft, mehr Zeit mit Matilda zu verbringen, vielleicht auch ein paar Minuten mit ihr allein sein zu dürfen und ihr das hellblaue Oberteil, das sie vor ihrer Abreise für sie genäht hat, übergeben zu können. Sowieso hat sie sich ihre erste Begegnung anders vorgestellt, herzlicher. Aber sie muss geduldig sein, morgen würden sie sich wiedersehen, das ist das Wichtigste.

Als sie sich voneinander verabschieden, versteckt sich Matilda hinter Ritas Rücken, worauf Rita auf Matilda einredet. «Es ist alles in Ordnung», sagt Lucía und schaut zu, wie Rita, Andreas und Matilda den Raum verlassen. Sie muss sich zusammenreissen, Matilda nicht hinterherzurennen, sie festzuhalten und nie mehr loszulassen. Da dreht sich Matilda plötzlich um, hebt leicht die Hand und lächelt. Lucía nickt ihr strahlend zu.

Wenige Tage später spazieren Lucía und Matilda durch das kleine Dorf mit dem seltsamen Namen, den sie sich inzwischen zwar merken, aber nicht aussprechen kann. «Riehenbach». Der Himmel ist wolkenverhangen, es regnet auf eine Art, die es in Mexiko nicht gibt, sanft und unaufgeregt. Bei ihr zu Hause regnet es stark oder gar nicht, doch hier ist selbst der Regen zurückhaltender. Matilda trägt einen gelben Regenmantel und Gummistiefel. Die Kapuze, die sie ihr über den Kopf gezogen hat, hat sie gleich wieder nach hinten geschoben. Die einzelnen Grundstücke sind nicht durch Mauern und Zäune voneinander getrennt. Sowieso sieht es aus, als könne man überall hineinspazieren, nicht immer ist klar, wo ein Garten aufhört und wo der nächste beginnt. Und wie still es hier ist.

Matilda hat ihr zu verstehen gegeben, dass sie ihr etwas zeigen möchte. Obwohl sie kaum miteinander reden können, sind sie sich in den wenigen Tagen, die Lucía bisher in Ritas und Andreas’ Haus verbracht hat, viel nähergekommen. Sie hat ihr die Fotos gezeigt von Daniel und Fabio, der Wohnung in Mexiko­-Stadt und ihren Eltern. Seither nimmt Matilda die Fotos immer wieder hervor, schaut sie neugierig an. Derweil versucht Lucía, sich möglichst viele deutsche Worte einzuprägen.

Inzwischen ist es für sie unvorstellbar, von Matilda getrennt zu sein. Zum Glück sind die Menschen, mit denen sie zu tun hat, wohlwollend gegenüber ihr und ihrem Anliegen, Matilda mitzunehmen, sodass sie die Angst, unter Beobachtung zu stehen und keine Fehler machen zu dürfen, hat ablegen können. Mit Rita und Andreas kann sie sich unbefangen austauschen, nur Tobias hat sich ihr gegenüber frostig verhalten, als er sie zusammen mit seinem Freund getroffen hat. Wahrscheinlich schmerzt ihn der Tod seines Bruders noch zu sehr.

Auf einmal bleibt Matilda vor einem Wohnblock stehen. «Papa», sagt sie und zeigt auf den obersten Balkon. Das ist es also, was Matilda ihr hat zeigen wollen: Die Wohnung, in der sie mit Pascal gelebt hat. Lucía fasst Matildas Hand, hält sie fest. Matilda zieht die Hand nicht zurück, im Gegenteil, ganz leicht lehnt sie ihren Körper an Lucía.

Folge 14

Eine Weile bleiben sie so nebeneinander stehen. Lucía bewegt sich nicht, sie möchte, dass sie noch lange so stehen bleiben, doch dann, ohne ihre Hand loszulassen, macht Matilda einen Schritt zur Seite und führt Lucía hinters Haus. Vor dem Eingang steht ein Dreirad.

Matilda starrt auf das eine Fenster, etwas scheint sie zu beunruhigen. Vielleicht ist dies ihr eigenes Zimmer gewesen. Lucía legt ihren Arm um Matildas Schultern, und während sie sich langsam vom Grundstück entfernen, stimmt sie leise ein Lied an. Es ist das Lied, das sie auch Daniel vorsingt, wenn sie ihn zu trösten versucht.

Nicht mehr rot, sondern grün

1987

Matilda schaut aus dem runden Fenster auf ein funkelndes Lichtermeer. Es hört nirgendwo auf. Je näher das Flugzeug dem Boden kommt, desto deutlicher erkennt sie die vielen Häuser, dazwischen breite Strassen und nebeneinanderstehende Autokolonnen. «Hier wohnst du?», fragt sie ungläubig. Lucía zieht entschuldigend die Schultern hoch, doch dann erhellt sich ihr Gesicht und sie nickt mehrmals hintereinander. «Wohnen? Ja!», sagt sie.

Matilda lächelt. Lucía hat ihre Frage verstanden. Gern möchte sie Tobias und Anna von den vielen Häusern erzählen, eins neben dem anderen und immer weiter. Ob Lucía ihr eigenes Haus in diesem Gewimmel überhaupt finden kann? Rita hat Matilda ein rotes Büchlein mitgegeben, in dem sie in Grossbuchstaben wichtige Sachen aufgeschrieben hat: Geburtstage, Adressen und Telefonnummern. Tobias hat am 22. Oktober Geburtstag, das weiss sie, dafür braucht sie kein rotes Büchlein.

Er hat ihr zum Abschied einen Brief geschenkt, sie hat den Umschlag geöffnet, das Papier auseinandergefaltet, seine Schrift aber nicht entziffern können; und jemanden bitten, ihr den Brief vorzulesen, das wollte sie nicht. Deshalb hat Rita ihn zu den vier Fotos, auf denen Papa zu sehen ist, vorne ins Büchlein gelegt.

Matilda hat das Büchlein in das Aussenfach ihres Rucksacks gepackt zu Papas Kalender, den sie damals beim Wohnungsauszug heimlich eingesteckt hat. Zwar kann sie Papas Schrift nicht lesen, aber sie findet es trotzdem schön, seinen Kalender dabei zu haben. 1986 steht vorne drauf. Überall hat er Sätze hineingekritzelt, nur die Monate Oktober, November und Dezember sind leer.

Auf einmal kommen die Lichter bedrohlich nah, schwirren um Matilda herum. Sie schliesst die Augen, vergräbt das Gesicht in ihren Händen, spürt Lucías warme Hand auf ihrem Nacken. Dann holpert es, hört nicht auf. Lucía redet leise auf sie ein, streicht ihr in kreisenden Bewegungen über den Rücken, wobei ihre offenen Haare Matildas Unterarm berühren und kitzeln. Sie mag den Klang von Lucías Stimme. Matilda blickt auf, schaut aus dem Fenster: Jetzt steht das Flugzeug still.

Bevor sie ihr Gepäck abholen, stellen sie sich in eine lange Schlange. Lucía reicht ihr ihren Pass. Er ist nicht mehr rot, sondern grün. Mit der Farbe des Passes hat sich auch ihr Name geändert. Sie heisst nicht mehr Matilda Müller, sondern Matilda Gomez Luquín. Lucía zeigt ihr ihren Pass, wo derselbe Nachname steht. Als sie an der Reihe sind, nickt ihr der Mann, der etwas erhöht sitzt und eine Uniform trägt, lächelnd zu. Das bedeutet wohl, dass mit den Namen alles richtig ist.

Die Ankunftshalle ist gefüllt mit Menschen, die laut durcheinanderrufen. Matilda klammert sich an Lucías Hand. Es ist heiss, sie möchte den Pulli ausziehen, aber dazu müsste sie Lucías Hand loslassen, und das will sie nicht. Sie bahnen sich einen Weg durch die Menschenmenge und kommen plötzlich vor einem Mann und einem Kind zu stehen. «Daniel!», ruft Lucía, lässt Matilda los, hebt den Jungen hoch, drückt ihn an sich, küsst sein Gesicht, sein Arme, seine kleinen Hände und dreht sich mit ihm im Kreis. Dann muss der Mann Fabio sein.

Matilda schaut Lucía zu, bis sich Fabio zu ihr herunterbeugt, dabei auf sich selber zeigt. «Ich bin Fabio. Daniels Papa.» Matilda nickt. Hinter Fabio fuchtelt ein älterer Mann, der auf einmal aufgetaucht ist, mit den Armen, sein dicker Bauch schwankt hin und her, er lacht laut und fröhlich. Eine Frau mit zurückgebundenen dunklen Haaren drängt an ihm vorbei, kommt auf sie zu, wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

Daniel noch auf ihrem Arm, zieht Lucía Matilda an der Hand, gleichzeitig küsst sie Fabio auf den Mund. Sie tanzt, denkt Matilda. Der ältere Mann, bestimmt der Opa, ist bei ihnen angelangt, hebt Matilda hoch und küsst sie auf die Wange. Die Frau lächelt sie an. Nun umarmt Lucía ihre Eltern stürmisch. Matilda, mittendrin, versteht nicht richtig, was das alles zu bedeuten hat. Sie denkt an ihr Zuhause und ist auf einmal unendlich müde.

Matilda liegt wach in Daniels Bett; die Wände sind bemalt mit Autos und Disney-Figuren; Donald, Pluto, daneben Micky. Ist es noch mitten in der Nacht oder schon Zeit zum Aufstehen? Sie lauscht angestrengt: Alles ist ruhig. Daniel schläft bei Lucía und Fabio, die Grosseltern auf dem ausziehbaren Sofa im Wohnzimmer.

Wegen der Koffer glaubt Matilda, dass die Grosseltern nur zu Besuch sind, und wenn sie die Worte und Handzeichen von Fabio und Lucía richtig gedeutet hat, würde sie später das Zimmer bekommen, das jetzt mit Plastikfolien ausgelegt ist. In der Mitte des Raums steht noch eine Leiter, auf dem Boden sind Farbtöpfe, Rollen und Pinsel aufgestapelt. Lilafarbene Wände, in der Ecke ein eingebauter Schrank. Ihr eigenes Zimmer. Sie würde zwei gelbe Sterne an die Fensterscheibe kleben, und niemand würde die Sterne je wieder entfernen.

An der Zimmerdecke verlaufen zwei Risse, die aussehen wie Schienen.

Folge 15

Es klopft. Die Tür geht langsam auf und Oma tritt ein. Sie geht durchs Zimmer bis zum Fenster, zieht die Vorhänge auf und sagt etwas, das freundlich und wie Guten Morgen klingt. Dann setzt sie sich neben Matilda aufs Bett. Sie trägt andere Kleider als am Vortag – eine weisse mit bunten Blumen bestickte Bluse und einen dunklen Rock, der ihr knapp über die Knie reicht – und auf ihrem Schoss liegt ein dickes Buch, das sie jetzt aufschlägt. Matilda richtet sich auf, rutscht näher an Oma heran. Es ist ein Fotoalbum. Die leeren Zwischenblätter, die die Fotografien schützen, knistern leise, wenn Oma sie umblättert. Das Mädchen mit der Angelrute sieht aus wie sie selber, sie schaut genauer hin, nein, das ist nicht sie. «Lucía», lacht Oma und zeigt mit dem Finger auf das nächste Bild. Die Geschichte, die sie dazu erzählt, versteht Matilda nicht, aber das ist nicht wichtig. Sie mag es, so dazusitzen und zuzuhören. Nachdem sie das ganze Album durchgeblättert und sich alle Fotos angeschaut haben, erhebt sich Oma vom Bett. Sofort fasst Matilda nach ihrer Hand, sie soll hierbleiben, nicht aus dem Zimmer gehen. Matilda weiss nicht, wie hier ein Tag beginnt. Oma schaut zu ihr herunter, drückt ihre Finger. Dann zeigt sie auf Matildas Koffer, sagt etwas. Matilda nickt, ja, sie würde mit Oma ihre Sachen auspacken. Gestern hat sie nur den Schlafanzug und den braunen Stoffhasen aus dem Koffer gezogen, eine Zahnbürste hat sie von Lucía bekommen. Matilda kniet sich auf den Holzboden und klappt die schweren Kofferhälften auseinander. Sofort strömt ihr der Geruch von Ritas und Andreas’ Haus entgegen. Genauso riechen normalerweise ihre Kissen, ihre Kleider. Sie nimmt einen Pulli aus dem Koffer, reicht ihn Oma, die mit den Fingern vorsichtig darüberstreicht, etwas erzählt, ihn hinter sich aufs Bett legt und dann ihre Hand nach dem nächsten Kleidungsstück ausstreckt. Matilda reicht ihr den Kapuzenpulli, den sie mit Papa und Tobias in der Stadt ausgesucht hat. Papa hätte ihr den Pulli wahrscheinlich nicht gekauft, denn das schwarze Einhorn hatte ihm nicht gefallen. Doch noch bevor Papa hatte widersprechen können, war Tobias damit zur Kasse gegangen.

Die Sonne scheint zum Fenster herein. Bei Verenas Mütze, den Skisocken und Strumpfhosen schüttelt Oma lachend den Kopf und legt die Sachen auf einen anderen Stapel. Von Rita weiss sie, dass es in Mexiko keinen Winter und keinen Schnee gibt. Schade eigentlich. Sie mag es, wenn es schneit.

Später essen sie zum Frühstück Rührei und flaches Brot, das ein wenig wie ein Pfannkuchen aussieht. «Tortilla», sagt Lucía. Opa greift in der Früchteschale nach einer gelben Frucht, «Mango», erklärt er. Matilda zeigt auf den Krug, «Jugo», sagen Opa, Oma und Fabio gleichzeitig. Alle lachen, während Lucía Matilda einschenkt. «Jugo», wiederholt Matilda in Gedanken das neue Wort. Daniel trinkt aus einer Schnabeltasse warme Milch, und sie spürt, dass er sie nicht aus den Augen lässt.

Das Hupen des Taxis, das zwei Tage später vor dem Tor steht, macht Matildas stille Hoffnung, Oma und Opa würden vielleicht doch noch länger bleiben, zunichte. Obwohl sie nichts von dem versteht, was um sie herum gesprochen wird, hat sie schnell begriffen, dass heute Oma und Opas letzter Tag bei ihnen ist. Beim Frühstück hat sie kaum etwas heruntergebracht. Jetzt drängt Opa seinen Kugelbauch an Fabio und ihr vorbei durchs Tor, streicht ihr dabei noch einmal über den Kopf, hebt den Koffer ins Taxi und öffnet die Beifahrertür. Auch Oma steigt ins Auto, kurbelt das Fenster herunter, winkt ihnen zu. Dann fährt das Taxi los und verschwindet um die Ecke. Fabio schliesst das Tor, bleibt neben ihr stehen. Matilda dreht sich um. Die Wohnung liegt auf der linken Seite der kleinen Gasse, in der keine Autos fahren und die auf beiden Seiten mit einem Tor abgeschlossen ist. Lucía nennt die Strasse, in der sich unmittelbar neben der Wohnung auch ihr Atelier mit der Nähmaschine befindet, «Cerrada». Links und rechts gibt es eine Häuserzeile, dazwischen stehen überall Blumentöpfe und neben dem Brunnen, in dem kein Wasser fliesst, wächst ein Baum, dessen Äste weit über die Hausdächer hinausragen. Weiter hinten spielen Kinder. Wer nicht hier wohnt, hat keinen Zutritt, sondern muss an einem der beiden Eingänge klingeln oder so laut rufen, dass jemand aufmacht. Etwas an ihrer neuen Strasse erinnert sie an den Ausflug ins Tessin, den sie vor einigen Wochen mit Anna, Rita und Andreas unternommen hat. Sind es die bunten Hausfassaden?

Oder die vielen Blumen und Pflanzen?

«Matilda!»

Lucía tritt aus der Wohnungstür, eine rote Tasche über ihrer Schulter, Matildas Schuhe in den Händen. Sie lächelt Matilda auffordernd an. Jetzt klammert sich Daniel an Lucías Bein fest. Fabio geht an Matilda vorbei zu Daniel, hebt ihn hoch, dreht sich noch einmal zu ihr um, winkt und verschwindet mit Daniel in der Wohnung. Matilda setzt sich auf die Stufe vor dem Haus, zieht sich die Schuhe an. Sie freut sich darauf, alleine etwas mit Lucía unternehmen zu dürfen.

Langsam spazieren sie auf dem Gehsteig den blauen, roten und grünen Häuserblöcken entlang, biegen zuerst links und in der nächsten Strasse rechts ab. Zwei Frauen rufen sich über die Kreuzung etwas zu, ein Junge, der als Clown geschminkt ist, steht neben einer Autokolonne auf der Strasse und jongliert mit leeren Flaschen. Lucía winkt einem Mann zu, der an der Ecke Früchte und frisch gepressten Orangensaft verkauft. «Das ist Candido», erklärt sie.

Folge 16

Dann sammeln sich auf einmal viele Menschen um sie herum, drängen in eine bestimmte Richtung, es sieht aus wie ein Hauseingang, vorbei an unzähligen Gegenständen, die auf Tüchern am Boden ausgebreitet sind: Feuerzeuge, Unterwäsche, Schraubenzieher, Sonnenbrillen und einige andere Objekte, die Matilda nicht erkennen kann. Über mehrere lange Treppen steigen sie einen Schacht hinunter. Lucía umklammert Matildas Hand, sie gehen immer tiefer hinab. Die Luft riecht abgestanden, die vielen Stimmen hallen laut. Matilda würde am liebsten sofort umdrehen, doch Lucía zieht sie zielstrebig weiter, dann bleiben sie plötzlich stehen und ein Zug fährt ein. Jetzt versteht Matilda: Das hier ist ein unterirdischer Bahnhof. Die Schiebetüren gehen auf und ein Menschenstrom kommt ihnen entgegen, nimmt kein Ende, während Matilda von Lucía durch die Leute hindurch in den Waggon geschoben wird. Schon fährt der Zug ruckartig an, Matilda sieht nur Bäuche und Taschen, die ihr bedrohlich nah kommen. Es ist heiss, dunkel und unheimlich. Lucía steht direkt hinter ihr, hält sie an beiden Schultern fest.

Matilda ist froh, als die Fahrt zu Ende ist und sie über eine steile Rolltreppe wieder ans Tageslicht und an die frische Luft kommen. Sie stehen auf einem Platz, so gross wie mehrere Fussballfelder, der auf allen vier Seiten von lang gezogenen Gebäuden begrenzt ist. Eines davon ist eine Kathedrale mit zwei Glockentürmen. In der Mitte des Platzes steht ein Fahnenmast, der in den Himmel ragt. Autos hupen und Passanten rufen laut durcheinander. Matilda schaudert: Wie leicht man sich hier verlieren könnte. Sie lauscht Lucías Erklärungen, klammert sich an ihrem Unterarm fest. Dann überqueren sie den Platz und biegen in eine Seitenstrasse mit vielen Geschäften. Matilda lässt sich mitziehen, bis Lucía schliesslich stehen bleibt vor einem der vielen Schaufenster, in dem Faltenröcke, Blusen und Hemden ausgestellt sind. Sie zeigt auf die Schaufensterpuppe, sagt etwas, stösst die Tür auf. Ein Glöckchen ertönt und erinnert Matilda an letztes Weihnachten, als sie mit Papa bei Verena eingeladen war. Sie hatte auf dem Flur warten müssen, bis Verena mit der Glocke geläutet hat. Dann erst durfte sie mit Papa das Wohnzimmer betreten, wo am Weihnachtsbaum schon die Kerzen brannten. Verena, ihr Mann und Luke, der Hund, hatten neben dem Baum gestanden.

Gut möglich, dass Lucía hier Stoff kaufen will für die Kleider, die sie zuerst auf Papierbögen zeichnet und dann näht. Lucía hat ihr einige von ihren Skizzen gezeigt und ihr gestern ein zweites Oberteil wie das hellblaue, das sie so gerne trägt, angefertigt. Matilda hat zuerst nur daneben gesessen, ihr aufmerksam zugeschaut und dem gleichmässigen Rattern der Nähmaschine gelauscht, bis Lucía ihr zu verstehen gegeben hat, sich auf ihren Schoss zu setzen und selber zu nähen, während sie mit dem Fuss das Pedal bedienen würde. Es war ganz einfach gewesen, und die Nadel konnte von allein auf und ab springen.

Eine Verkäuferin unterhält sich mit Lucía, blickt dabei immer wieder prüfend zu Matilda. Auf einmal tritt sie mit einem Messband an sie heran. Dann greift sie auf einem der Gestelle nach einem verpackten, blauen Stoffbündel, zieht es aus der Plastikfolie, faltet das Bündel auf. Der Rock aus dem Schaufenster. Sie hält ihn vor Matildas Bauch, wendet sich an Lucía. Diese nickt, nimmt den Rock, sagt etwas und bedeutet Matilda, in den Rock hineinzusteigen. Matilda will nicht. Doch Lucía lässt nicht locker, redet energisch auf Matilda ein, zeigt ihr die Fotos an den Wänden, auf denen Mädchen diese blauen Röcke und weisse Blusen tragen. Die Verkäuferin sucht weitere Sachen heraus, legt alles auf die Verkaufstheke in der Mitte des Raums. Blusen und Lackschuhe, die überhaupt nicht zu Matilda passen. Matilda weigert sich, die Sachen anzuprobieren, sie hat ihre eigenen Kleider, möchte diese fremden Kleidungsstücke nicht haben. Zudem näht Lucía doch viel schönere Sachen. Trotzdem lässt sich Lucía einiges davon einpacken, legt mehrere Geldscheine auf die Theke und kurz darauf verlassen sie das Geschäft. Wieder klingelt das Glöckchen. An Verenas Weihnachtsabend hatte Luke später nach einer Glaskugel geschnappt, diese zerbissen und an der Schnauze geblutet.

*

Tobias schreckt hoch. Michael hat energisch das Zimmer betreten, die Vorhänge aufgezogen. Tobias blinzelt, hält sich mit der Hand die Augen zu. Das Sonnenlicht, das ins Zimmer fällt, ist viel zu hell. «Was soll das, Michael?»

«So geht das nicht, Tobias. Du kannst dich nicht tagelang im Schlafzimmer verschanzen. Frau Siegenthaler hat soeben wieder angerufen. Deine Krankschreibung ist letzte Woche abgelaufen. Du wirst bei der Arbeit erwartet.»

«Lass mich allein», zischt Tobias, dreht sich auf den Bauch und vergräbt sein Gesicht im Kissen. Michael setzt sich neben ihn aufs Bett. Dann spürt Tobias Michaels Hand auf seinem Rücken. Darunter kribbelt es, plötzlich spürt er eine Wut, die sich unter dieser warmen Stelle zusammenbraut, am liebsten möchte er Michaels Hand wegschlagen, ihn anschreien.

«Ich weiss doch, was du durchmachst, Tobi», flüstert Michael auf einmal sanft. «Aber du wirst dich nicht besser fühlen, wenn du dich komplett vom Leben abschirmst.» Tobias dreht sich um, setzt sich auf. Seine Wut verwandelt sich in Hass. Wie kann Michael weitermachen, als sei nichts gewesen?

Folge 17

Sein Körper zittert, er will diesen Hass aus sich herausschreien, auf etwas einschlagen. Michael weicht instinktiv vor ihm zurück.

«Du hast keine Ahnung, wie es mir geht.»

Michael steht auf. «Verdammt, dann sag es mir.»

«Du wirst es sowieso nicht verstehen.»

«Tobias, du bist ein Idiot. Ich kann es nicht anders sagen. Schau dich um. Ich bin der einzige Mensch, der noch zu dir hält. Aber wenn du mich weiterhin wie Dreck behandelst, bin auch ich bald weg. Du weisst, wie nah ich deinem Bruder und Matilda gestanden habe. Du weisst es ganz genau. Glaubst du, ich vermisse die beiden nicht? Meinst du tatsächlich, ich sei nicht verzweifelt darüber, dass Matilda nicht bei uns ist? Hör auf, dich selbst zu bemitleiden und mich mit deinen Worten zu verletzen. Es geht hier nicht nur um dich. Wir sind zu zweit und ich dachte immer, dass wir füreinander da sind. Du für mich und ich für dich.»

Beim Verlassen des Zimmers schlägt Michael die Tür hinter sich zu. Tobias fegt mit der Hand die Lampe und den Bücherstapel vom Nachttisch, übertönt den Lärm mit einem Schrei. Kurz wünscht er sich, dass er und Michael kein Paar wären, vielleicht wäre Matilda dann noch hier. Er schlägt mit der Faust gegen die Wand, immer wieder, bis er endlich den Schmerz spürt.

Die Haustür fällt ins Schloss. Tobias bricht in Schluchzen aus, rollt sich zusammen. Nach einer Weile entweicht die Anspannung langsam seinem Körper. Jetzt weiss er, dass der Hass nicht Michael, sondern ihm selber gilt: Er hasst den Menschen, zu dem er geworden ist.

Tobias tigert in der Wohnung umher. Er geht von der Küche ins Wohnzimmer, von dort auf den Balkon, starrt einen Augenblick auf die Nachbarskinder, die im Innenhof Dreirad fahren, doch er hält ihre Stimmen und ihr fröhliches Rufen nicht aus, geht zurück ins Schlafzimmer, um sich kurz darauf wieder in der Küche vorzufinden. Wo steckt Michael? Er schaut auf die Backofenuhr. Es müssen mehrere Stunden vergangen sein, seit Michael die Wohnung verlassen hat.

Vor der Kommode im Wohnzimmer bleibt er erneut stehen. Sein Blick bleibt an zwei gerahmten Fotos hängen. Er sieht sie zum ersten Mal. Wie ist es möglich, dass er sie bisher übersehen hat? Er nimmt die zwei kleinen Rahmen in die Hand, dreht sie um.

Michael muss die Fotos extra in einem Fachgeschäft haben rahmen lassen. Das eine Bild zeigt Pascal mit Matilda auf dem Arm, als sie etwa zwei Jahre alt war. Tobias hat das Foto nach einem Besuch im Zoo gemacht. Das andere zeigt Michael, Matilda und ihn in einer Umarmung. Unten rechts ist Pascals Fussspitze zu erkennen, er trägt seine geliebten, dunkelgrünen Turnschuhe.

Tobias erinnert sich nicht an den Moment der Aufnahme, aber es ist leicht zu erkennen, wie glücklich sie in dem Moment alle waren. Dieses Glücksgefühl scheint ihm nun unerreichbar weit entfernt.

Mit dem Rücken an der Wand lässt er sich zu Boden gleiten, das Foto noch immer in der Hand. Wenn er nur wüsste, wohin mit diesem brennenden Schmerz, der hässlichen Wut, die in ihm schlummert.

Doch er will diesen Gefühlen keinen Platz mehr geben. Er wird sich jetzt zusammenreissen, das Haus verlassen und im Juno, dem Restaurant, in dem sie sich früher am Feierabend oft getroffen haben, nach Michael suchen. Er will Michael nicht verlieren. Er fasst sich in die Haare, schaut an sich herunter. Auf einmal schämt er sich, nicht mehr zu wissen, wann er zum letzten Mal unter der Dusche gestanden hat. In einer halben Stunde sollte es zu schaffen sein: Er würde duschen, sich frisch anziehen und aus dem Haus gehen, um Michael zu suchen.

Michael sitzt an der Bar. Erleichtert legt Tobias die Hand auf seine Schulter. «Ich habe gehofft, dass ich dich hier finden würde.» Michael dreht ihm den Kopf zu, zieht die Augenbrauen hoch, sagt aber nichts.

«Komm, lass uns nach Hause gehen», versucht es Tobias noch einmal.

Michael stösst einen Seufzer aus, schüttelt den Kopf. «Damit du mich anschweigst? Mich anbrüllst? Oder mir zu verstehen gibst, dass du mich nicht mehr erträgst?»

Tobias schaut vor sich auf die Theke. «Es tut mir leid, Michael. Ich weiss, ich bin abscheulich. In mir drinnen ist es so schrecklich schwarz und kalt, alles andere wird davon verdrängt. Doch vorhin habe ich die Fotos entdeckt, die du auf die Kommode gestellt hast, und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich noch immer so viel zu verlieren habe. Und dass ich dich auf keinen Fall auch noch verlieren will. Ich liebe dich. Sag mir, Michael, was kann ich tun, damit es wieder besser wird?»

«Nimm wieder am Leben teil, Tobi. An meinem, an unserem gemeinsamen Leben. Frag mich, wie es mir geht. Frag unsere Freunde, wie es ihnen geht. Unser Freund Frank ist gestorben.»

«Das weiss ich doch.»

«Du hast es zur Kenntnis genommen, ja. Aber hast du dich auch wirklich damit auseinandergesetzt?»

Tobias presst die Lippen aufeinander. Nein, natürlich nicht. Er hatte keine Kraft gehabt, um auch noch um Frank zu trauern.

«Geh wieder arbeiten», fährt Michael fort.