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Bern-Knigge (3)Loben Sie! Alles! Immer!

Wir erklären Nicht-Bernerinnen und -Bernern, wie sie Fettnäpfchen vermeiden. Dritte Lektion: Nehmen Sie Rücksicht auf die empfindliche Berner Seele.

Wir sagen fremden Vögeln, wie der Berner Bär tickt.
Wir sagen fremden Vögeln, wie der Berner Bär tickt.

Im ersten Teil meines Bern-Knigge habe ich geschildert, wie heikel das Thema Grösse ist. Als Neuankömmling hatte ich die Proportionen der Stadt mehrmals falsch eingeschätzt und mich damit in die Nesseln gesetzt. Die Reaktionen auf den Text waren zum Teil vernichtend: Meine Anekdoten wirkten konstruiert und nicht nachvollziehbar.

Ganz ehrlich: Bestätigt das nicht genau meine Einschätzung, dass man über die Grösse Berns als Zugezogene besser gar nicht spricht? Und wenn, dann nur begleitetet von vielen lobenden Worten. Was ich jetzt sogleich nachhole. Ich finde die Stadt absolut perfekt in ihren Ausmassen: gross genug für ein breites Angebot an Kultur, Läden, Restaurants und Freizeitmöglichkeiten, aber doch nicht so riesig, dass man sich überfordert fühlte.

Ganz anders in Zürich, wo ich vor einigen Jahren für ein paar Monate lebte. Ich kam zu praktisch jedem Termin zu spät, weil ich mich einfach nicht daran gewöhnen konnte, dass man unter Umständen in der gleichen Stadt mit Tram oder Bus gut eine Dreiviertelstunde unterwegs ist.

Und als ich einen Coiffeur-Termin abmachen wollte, bin ich fast verzweifelt: Im Telefonbuch (das gab es damals noch) standen so viele Adressen, dass ich mich nicht entscheiden konnte, zu welchem ich gehen soll. Die Lösung? Ich bin zurück nach Bern gereist, wo ich aus Studienzeiten einen sehr sympathischen Coiffeur kannte.

Dass zu viele Möglichkeiten nicht unbedingt besser sind, habe ich auch in den USA erlebt. Als ich mit 16 Jahren das erste Mal mit meiner Gastmutter in einem Supermarkt stand, war das eine prägende Erfahrung. Ich durfte ein Ketchup für das Abendessen aussuchen. Im Regal standen verschiedenste, mir unbekannte Varianten: Ketchup mit Curry-Note, Ketchup extrascharf, grünes Ketchup … Ich war fasziniert – und lange unfähig, mich zu entscheiden. Ich wählte schliesslich das grüne Ketchup. Und bereute es fast augenblicklich. Denn ernsthaft: Wer will schon grünes Ketchup essen?

Das ist eben das Einnehmende an Bern: Man hat eine überschaubare Auswahl, und jede Ecke der Stadt ist in relativ kurzer Zeit erreichbar.

Trotzdem bleibt die Grösse ein heikles Thema. Wer nicht den hiesigen Dialekt spricht, meidet es im Zweifelsfall lieber. Sonst droht der fast schon reflexartige Vorwurf, hier kritisiere eine arrogante Auswärtige die wunderbare Stadt.

Dabei, so meine These, handelt es sich um ein Missverständnis. Zugezogene haben sich aus bestimmten Gründen entschieden, hier zu leben. Sie kennen und schätzen die Vorzüge. Aber die Einheimischen scheinen sich derer nicht ganz sicher zu sein. Dass viele von ihnen ihre Stadt bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit als schönste weltweit bezeichnen, entspringt wohl auch einer gewissen Unsicherheit. Sonst müssten sie dieses Mantra nicht so oft wiederholen.

Deshalb mein Tipp an alle Nicht-Bernerinnen und -Berner: Auch wenn es für Sie selbstverständlich ist, Bern grossartig zu finden. Loben Sie die Stadt oft und ausführlich. Das wird Ihre Integrationsbemühungen beflügeln.

3 Kommentare
    thomas bornhauser

    ich lobe leute und unternehmen seit jahren, wenn immer es geht, per mail, durchaus auch bei "der stadt". Sie glauben gar nicht, wie viele dieser menschen das offenbar überhaupt nicht zu interessieren scheint, nur öppe eine(r) von 10 schreibt retour, das hätte sie/ihn gefreut. wie auch immer: ich werde mir erlauben, das auch in zukunft zu tun.