Und plötzlich bin ich ein Greis

Wie fühlt es sich an, wenn man 85 oder sogar 90 ist? Gesundheitsredaktor Stefan Aerni (56) wollte es wissen und stieg in einen Altersanzug. Ein Tenüwechsel, der ihm die Augen öffnete – und das Herz.

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Stefan Aerni

Soll ich die Treppe nehmen oder den Lift? Eine Frage, die ich mir bisher nie gestellt habe. Doch diesmal ist es anders. Wie ein Berg türmen sich die Stufen vor mir auf. Nur schon der Weg durch den Berner Burgerspittel im Viererfeld zur Treppe hat viel Energie gekostet.

Denn ich bin in den weitläufigen Gängen des Heims mit dem Rollator unterwegs und stecke erst noch in einem Age-Man-Anzug. Das ist eine Art Astronautenmontur, in der sich der Träger fühlt, als wäre er 80 oder 90 Jahre alt.

Am Anfang haben wir gelacht

Bei der Einkleidung kurz zuvor haben wir noch gelacht. Fernando Pais, angehender Aktivierungsfachmann, und Anita Portmann, Fachlehrerin am Berner Zentrum für medizinische Bildung Medi, deckten mich mit allerlei sperrigen Kleidungsstücken und Utensilien ein: einem Helm mit Spezialvisier und Gehördämpfer; mit Handschuhen, die die Feinmotorik erschweren; Jacke und Hose mit eingenähten Gewichten. Komplett eingepackt, bin ich gut und gerne 15 Kilo schwerer als sonst, ein richtiger Tollpatsch.

Der erste Schritt lässt mich denn auch beinahe stolpern, meine Kniegelenke sind ja auch noch bandagiert und halb steif; der Age Man leidet an Arthritis und hat kaum noch Muskeln.

«Was haben Sie gesagt?», frage ich Fernando Pais, meinen Helfer, und hebe den Gehördämpfer kurz an. Mit einem verständnisvollen Lächeln schiebt mir der junge Mann den Rollator rüber. Dankbar stütze ich mich ab und schlurfe Richtung Treppe.

Die ersten Altersanzüge wie der Age Man wurden in Deutschland in den 1990er-Jahren entwickelt. Als Grundlage dienten Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen wie der Gerontologie, der Physiologie und der Medizintechnik. Mit den Anzügen sollte das Pflegepersonal geschult werden können, aber auch Industrie und Produktentwickler für die Bedürfnisse alter Menschen sensibilisiert werden.

Verstohlene Verschnaufpause

Seit zwei Jahren setzt auch das Medi, das Zentrum für medizinische Bildung in Bern, den Age Man ein. Vor allem im Ausbildungsgang Fachfrau/Fachmann Aktivierung HF (siehe Infobox).

«Der Anzug ermöglicht es unseren Studierenden, dass sie sich in einen alten Menschen hineinversetzen können», sagt Fachlehrerin Anita Portmann. «Sie spüren am eigenen Körper, welche Einschränkungen das Alter mit sich bringt – eine wichtige Voraussetzung für das gegenseitige Verständnis.»

«Der Age-Man-Anzug ermöglicht es den Studierenden, sich in einen alten Menschen hineinzuversetzen.»Anita Portmann, Fachlehrerin am Zentrum für medizinische Bildung (Medi), Bern

Einfühlungsvermögen und Verständnis werden tatsächlich immer wichtiger im Umgang mit alten Leuten. Nicht nur für Fachleute, wir alle sind gefordert. Gegenwärtig leben in der Schweiz 1,5 Millionen über 65-Jährige. Und Studien gehen davon aus, dass es in dreissig Jahren bereits 2,7 Millionen sind. Mit anderen Worten: Im Jahr 2045 dürfte hierzulande rund jeder vierte Mensch über 65 sein.

Das wird eine Herausforderung. Nach wenigen Stufen – ich habe mich doch für die Treppe entschieden – muss ich ans Geländer greifen. Das Gleichgewicht! Ich nutze die Pause, um durchzu­atmen und verstohlen kurz auszuruhen.

In diesem Moment kommt mir mein verstorbener Vater in den Sinn: Der konnte sich einmal, bereits deutlich über 80-jährig, nicht gleich von einem Stuhl erheben. Darauf zog ich ihn ungeduldig und nicht gerade zimperlich einfach an den Armen hoch. Wie leid mir diese Hauruckhilfe heute tut!

«Nur noch zwei Tritte», redet mir Fernando Pais gut zu. Mühsam schaue ich zu ihm hinauf, lächle gequält. Der Age-Man-Anzug drückt, lässt mich kaum aufblicken.

Dann ist es geschafft. Als ich die lästige Montur endlich wieder los bin, fühle ich mich wie neu ge­boren.

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