Der perfekte Start ins Wochenende

Soundcheck

Die Burgdorfer Kulturhalle Sägegasse bietet ein erlesenes Musikprogramm: etwa eine Jazzmatinee mit Escape Argot.

Jazz in der Turnhalle: Das Trio Escape Argot.

Jazz in der Turnhalle: Das Trio Escape Argot.

(Bild: Martin Burkhalter)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Die Stimmung ist so herrlich familiär, dass man am liebsten die Schuhe aus- und Finken anziehen möchte. Das milchige Winterlicht fliesst durch die hohen Fenster in die alte Turnhalle. Ein halbes Dutzend Kinder fläzt sich auf Sesseln und Sofas. Die Eltern haben die Beine übereinandergeschlagen. Hier und da steht zwischen Kaffeetassen und Sirupgläsern ein Cüpli. Und vorne spielt Christoph Steiner mit seiner Band Escape Argot einen frischen, leichtfüssigen und komplexen Jazz.

Seit gut einem Jahr wird in der Burgdorfer Kulturhalle Sägegasse ein äusserst spannendes Kultur-, vor allem aber Musikprogramm geboten, bei dem die Verantwortlichen feines Gespür beweisen. In den letzten Monaten etwa spielten Traktorkestar, Tomazobi, Chaostruppe oder Blind Butcher. Und jetzt findet erstmals eine Jazzmatinee statt. Hoffentlich nicht zum letzten Mal, denn besser kann man einen Samstag nicht beginnen. Zwischen den beiden exquisiten Sets gibt es ein ebensolches Brunchbuffet, auf das man sich stürzen kann.

Der Burgdorfer Schlagzeuger und Komponist Christoph Steiner ist sofort bereit gewesen, dieses Matinee-Experiment zu wagen. Schliesslich hat er mit Escape Argot gerade ein neues Album herausgebracht, mit dem er jetzt auf Tour ist. Christoph Steiner kennt man als Schlagzeuger der europaweit beachteten Band Hildegard lernt fliegen. Vor vier Jahren tat er sich mit dem angesehenen Freiburger Pianisten Florian Favre und dem Zürcher Saxofonisten Christoph Grab zusammen. Seither begeistert das Trio Publikum und Kritik gleichermassen.

Das erste, balladeske Lied «The Remains of Lightness» des neuen Albums «You. Me. Them.» ist auch der passende Auftakt zu einem gemütlichen Vormittag. Grab spielt sein Saxofon bewusst zögerlich, die Töne kommen wie ein Flüstern aus dem Instrument, Schlagzeug und Piano bleiben unaufdringlich. Aber das ist nur der Anfang und sowieso steht Steiners Trio für etwas anderes: für komplexe Kompositionen, für überraschende Tempowechsel, für wilde Wendungen und Steigerungen.

Escape Argot spielen zwar bewusst mit modalem Jazz, aber nur um ihn aufzubrechen und mit Hip-Hop, Minimal Music und Rockelementen anzureichern. Die Lieder sind mal federleicht wie zarter Bossa Nova, dann von brachialer Kraft. Anstelle eines Basses kommt ein von Favre gespielter Moog-Synthesizer zum Einsatz, der diesem Jazz einen verwegenen Retrotouch verpasst. So klingt der Song «The Printer» aus dem ersten Album wie ein futuristisches Jazzstück aus den 1980er-Jahren, mit einer Art Technobeat.

Das Glanzstück des Albums und auch des Konzerts ist das ausschweifende, herrlich Pippi-Langstrumpf-mässig verspielte «Plutimikation», das sich an der Band Weather Report zu orientieren scheint. Dass Escape Argot eigentlich anspruchsvollen Jazz spielen, merkt man in Burgdorf nicht. Die Eltern bewegen abgebrüht ihre Köpfe zum Beat, und ein blonder Junge fläzt sich das halbe Konzert über auf einem Sofa und liest mit einem Fuss wippend in einem Comicbuch. Ja, so dürfen Wochenenden beginnen.

Am 12.12. taufen Escape Argot ihr neues Album: 20.30 Uhr, Bejazz Club, Liebefeld. Programm Kulturhalle: www.saegegasse.ch.

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