So kam es zur Einführung des Schweizer Frauenstimmrechts

Der Kampf für Gleichberechtigung kommt ins Kino: Regisseurin Petra Volpe zeigt im Spielfilm «Die göttliche Ordnung», wie es 1971 zur Einführung des Schweizer Frauenstimmrechts kam.

«Die göttliche Ordnung» zeigt wie es in der Schweiz zum Frauenstimmrecht kam.


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Man kann dieser Tage nach Bern blicken oder nach Washington, die Bilder ähneln sich: Qualifizierte Frauen werden nicht in Exekutivämter gewählt, die Stimmberechtigten beziehungsweise die Wahlelektoren vertrauen bei einer 1:1-Wahl nicht der weiblichen Kandidatin, sondern dem Mann. Alec von Graffenried statt Ursula Wyss. Donald Trump statt Hillary Clinton. Purer Zufall?

Heute: #SchweizerAufschrei

Wenn Historikerinnen dereinst auf die Jahre 2016/2017 zurückblicken, wird ihnen vielleicht auffallen, wie wenig von den feministischen Errungenschaften der Sechziger- und Siebzigerjahre geblieben ist. Die Gesellschaft ist nach rechts gerückt, Auseinandersetzungen um Geschlechterrollen (und Machtgefüge) werden allzu oft mit Unflätigkeiten abgewürgt.

Die Bieler Genderforscherin Franziska Schutzbach, die unter anderem nach sexistischen Aussagen Donald Trumps die Social-Media-Kampagne #Schweizer­Aufschrei lancierte, brachte die berufliche Benachteiligung von Frauen auf den Punkt, als sie ihre eigene Tätigkeit auf Twitter ­beschrieb: «Sexistische Scheisse anprangern, während die Kol­legen Publikationen für ihren ­Exzellenz-Lebenslauf produzieren».

Anders gesagt: Frauen müssen sich heute erst mal mit ihrer ­gesellschaftlichen Position beschäftigen, bevor sie ihrer Arbeit nachgehen können. Das gilt auch und gerade beim Film. Eine Studie von verschiedenen Filminstitutionen zeigte kürzlich, wie schlecht es um die Gleichberechtigung im Schweizer Film steht (siehe Box).

1971: Socken waschen

Jetzt wird diese genderspezifische Ungleichbehandlung sozusagen selbst zum Thema eines Films. «Die göttliche Ordnung» von Petra Volpe, der Eröffnungsfilm der diesjährigen Solothurner Filmtage, spielt im Vorfeld zur Abstimmung des Schweizer Frauenstimmrechts von 1971. Es ist ein Film, der nach den Ursachen der aktuellen Geschehnisse forscht – und diese auf ausgesprochen unterhaltsame Weise präsentiert.

Während die Welt Anfang der Siebzigerjahre im Umbruch ist, muss Nora (Marie Leuenberger) zu Hause staubsaugen, Socken waschen und dem Grossvater (Peter Freiburghaus) das Bier in die Stube tragen. Nora ist eine ganz normale Schweizer Hausfrau, ausgelastet, unglücklich und sexuell unbefriedigt. Aber dann wird aus der stillen Dulderin nach und nach eine Kämpferin. Eine, die sich gegen die patriarchale Ordnung auflehnt, auch gegen ihren Mann, der ihr verbieten will, wieder arbeiten zu gehen.

Tatort: Ostschweiz

Und Nora findet Gleichgesinnte. Zum Beispiel Vroni (Sibylle Brunner), deren einstiger Gatte den Gasthof Bären ruinierte, oder Graziella (Marta Zoffoli), die nach der Trennung von ihrem Mann in ebendiesem Bären einen Neuanfang sucht. Die Frauen zetteln einen Streik an und bringen damit die selbstgerechten Männer in ihrem Provinzkaff gegen sich auf.

Provinzkaff? Ja, «Die göttliche Ordnung» spielt nicht etwa in Zürich, Bern oder Basel, sondern dort, wo der Widerstand gegen die Gleichberechtigung am grössten war – in der Ostschweiz. Im Kanton Appenzell Innerrhoden wurde das Frauenstimmrecht erst 1990 nach einem Bundesgerichtsentscheid eingeführt. Dass «Die göttliche Ordnung» diese verhockte Gefühlslage von damals aufgreift, ist ein Glücksfall für die Gegenwart. Denn das ­Timing könnte nicht besser da­für sein, mit Rückgriff auf die ­Vergangenheit jene männliche Machtelite von heute anzuprangern, die sich so selbstherrlich aufführt, als hätte es Frauenbewegungen nie gegeben.

Dass die Dialoge teilweise ähnlich behäbig wirken wie die im Film angeprangerte Biederkeit, sieht man ihm nach. «Die göttliche Ordnung» ist mehr als Inhalt plus Geschichtslektion. Es ist ein Werk mit Symbolcharakter. Und ein Beleg dafür, wie vielseitig Schweizer Filmerinnen sind, wenn man sie denn mal machen lässt.

Vom «Heidi» zur «Ordnung»

Letztes Jahr hatte Petra Volpe mit ihrem Drehbuch zu «Heidi» den Grundstein zum dritterfolgreichsten Film in der Schweiz ­gelegt (und damit den Grossteil der amerikanischen Konkurrenz auf die Plätze verwiesen). Jetzt schafft Regisseurin Volpe mit «Die göttliche Ordnung» ein Gleichnis über den weiblichen Kampf für Gleichberechtigung. Der Ausflug in die lähmende Biederkeit von 1971 bringt es auf den Punkt: Damals durften die Frauen nicht wählen. Heute dürfen sie wählen, werden aber im Zweifelsfall nicht gewählt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.01.2017, 13:49 Uhr

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