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Die beraubte Generation

In «Gott ist nicht schüchtern» porträtiert Olga Grjasnowa eine Jeunesse dorée, die durch den syrischen Bürgerkrieg ihre Zukunft verloren hat. Mit der 32-jährigen Autorin eröffnet heute das Berner Lesefest Aprillen.

«Die Welt hat die neue Rasse der Flüchtlinge erfunden», schreibt Olga Grjasnowa.
«Die Welt hat die neue Rasse der Flüchtlinge erfunden», schreibt Olga Grjasnowa.
Getty Images

Eine glänzende Zukunft steht ihm bevor: Hammoudi hat in Paris sein Studium abgeschlossen, als Zweitbester seines Fachs, hinter seiner jüdischen Freundin Claire. Seinen Job kann er sich aussuchen, gleich drei renommierte Kliniken wollen den frischgebackenen plastischen Chirurgen anstellen. Zunächst aber muss er in seiner Heimat seinen Pass verlängern. Doch dann verweigern ihm die syrischen Behörden die Ausreise.

Auch Amal scheinen alle Türen offenzustehen. Sie lässt sich zur Schauspielerin ausbilden. Noch vor dem Diplom bekommt sie die Hauptrolle einer Fernsehserie angeboten. Sie lebt in einer annehmlichen Wohnung in Damaskus, geht auf Partys, Designerkleider hängen in ihrem Schrank. Als der Arabische Frühling nach Syrien schwappt, schliesst sie sich spontanen Demonstrationen gegen das Assad-Regime an. Es dauert nicht lange, bis sie das erste Mal vom Geheimdienst vorgeladen wird.

Zukunft löst sich auf

Es sind zwei Figuren der syrischen Jeunesse dorée, die Olga Grjasnowa ins Zentrum ihres Romans «Gott ist nicht schüchtern» stellt. Eben noch hatten Hammoudi und Amal eine verheissungsvolle Zukunft. Dann versinkt ihr Land im Strudel von Willkür, Terror und Gewalt. Es ist eine Realität, die niemand vor Ort hat kommen sehen. Mit rasanter Geschwindigkeit schaukelt sich der Konflikt hoch, die Zukunft der beiden Protagonisten löst sich im Nichts auf.

Es dauert nicht lange, bis Amal das erste Mal vom Geheimdienst vorgeladen wird.

«Gott ist nicht schüchtern» ist der dritte Roman der 32-jährigen Autorin, die in Baku, Aserbeidschan geboren wurde. Im Alter von elf Jahren kam sie mit ihren Eltern in den Westen, als sogenannte «jüdische Kontingentsflüchtlinge». In ihrem gefeierten Debüt von 2012 «Der Russe ist einer, der Birken liebt» verarbeitet sie die Erfahrung von Flucht und Neubeginn. Sie selbst hat ihr neues Leben in Deutschland als Privilegierte erlebt.

Am Anfang ihres neuen Buches stand der Wunsch, den Konflikt des Landes zu verstehen, aus dem ihr Mann kommt. Olga Grjasnowa ist mit dem syrischen Schauspieler Ayham Majid Agha verheiratet. Über seine Arbeit ist er nach Deutschland gelangt und geblieben. Sein bester Freund war Vorlage für den Arzt im Buch, sein Vater ist mit dem Boot von Izmir nach Italien geflohen. Darüber hinaus hat Grjasnowa viele Gespräche mit Betroffenen geführt und in Beirut, Izmir und Lesbos recherchiert. Einen Teil des Romans hat sie in Istanbul geschrieben, wo die syrische Tragödie im Alltag nicht zu übersehen ist.

Grjasnowa beschreibt die Eskalation des Konflikts aus der Erfahrungswelt ihrer Figuren und zeichnet dokumentarisch nach, wie zwei Biografien hätten verlaufen können. Damit stellt sie Nachrichtenmeldungen aus dem Krisengebiet in den Lebens­zusammenhang zweier Mittelstandsbiografien, die einem westlichen Lebensentwurf nicht unähnlich sind, und schafft ein hohes Identifikationspotenzial.

Nah an der Realität

Hammoudi versucht als letzter Arzt in der Stadt Deir al-Zor nahe der irakischen Grenze in einem improvisierten Spital Verletzten zu helfen, bis er zwischen die Fronten gerät. Amal kann sich zunächst auf ihren Vater stützen, der zwielichtige Geschäfte betreibt, Beziehungen hat und Bestechungsgelder zahlt. Doch bald muss auch sie ausser Land. ­Zunächst zieht sie nach Beirut. Später zeichnet Grjasnowa mit ihren Figuren die Flüchtlings­wege nach Europa nach.

Grjasnowa beschreibt die Eskalation des Konflikts aus der Erfahrungswelt ihrer Figuren und zeichnet dokumentarisch nach, wie zwei Biografien hätten verlaufen können.

Beide schaffen es bis Deutschland. Alles bestens also? «Amal wird bewusst, dass sie nicht mehr dazugehört. Niemand beachtet sie mehr», schreibt Grjasnowa im Buch. «Amal hasst es, sich als Flüchtling durch die Stadt zu ­bewegen – zögerlich und eingeschüchtert. Sie hasst ihre ganze Existenz. Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist mit jedem Atemzug spürbar.»

Mit ihrem Roman leistet Grjasnowa einen Beitrag, die Flüchtlinge in einem anderen Licht zu sehen, und wirft einen erhellenden Blick auf die Absurdität der europäischen Flüchtlingspolitik. Etwa wenn Hammoudi nach der riskanten Überfahrt im Schlauchboot auf Lesbos von Rettern empfangen wird und sich fragt, weshalb er nicht schon in der Türkei in eine Fähre hat einsteigen können.

Olga Grjasnowa:«Gott ist nicht schüchtern», Aufbau, 309 Seiten.

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