Kleine und grosse Katastrophen

Die Songs sind weder tanzbar noch radiotauglich. Mit «Bruchstück» hat der Berner Rapper und Musiker Baze ein eigenwilliges, poetisches und düsteres Album geschaffen, das sich nicht so leicht schubladisieren lässt.

Düstere Texte, dezente Musik: Der Berner Musiker Baze und seine Mannschaft (Fabian Müller, Fabian Bürgi und Toni Schiavano v. l.) geben sich auf dem neuen Album poetisch.<p class='credit'>(Bild: Jonas Moser/zvg)</p>

Düstere Texte, dezente Musik: Der Berner Musiker Baze und seine Mannschaft (Fabian Müller, Fabian Bürgi und Toni Schiavano v. l.) geben sich auf dem neuen Album poetisch.

(Bild: Jonas Moser/zvg)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Da gibt es nichts zu lachen. Die ehemals Geliebte ist nach all den Jahren müde und fett. Sie «zieht d Adilette hinger sech nache, aus möcht si Böde schliife.» Und draussen die Einfamilienhausidylle, der Einfamilienhausmief. Da bleibt nur noch der Hass.

Das ist «Tüfu», nur einer der düsteren Songs auf Bazes neuem Album «Bruchstück» – und wahrscheinlich nicht einmal der düsterste. «U wes dr Tüfu nid gäb, de wärs si», singt er, wiederholt er, wieder und wieder. Untermalt von einem sphärischen Klangteppich, einlullenden Pianoklängen, das Schlagzeug zurückhaltend wie ein Cajon.

Und erst plötzlich braust diese Mannschaft an den Instrumenten auf, lässt sich vom zornigen Sprechgesang von Baze anstecken. Haut, schlägt und bläst. Keine Rapbeats, nein, Rap ist das längst nicht mehr.

Kein Stück fürs Radio

Basil Anliker, wie Baze mit bürgerlichem Namen heisst, hat ein poetisches und eigenwilliges neues Album geschaffen. Da gibt es keine Konzessionen: Die Songs sind weder tanzbar noch radiotauglich. Die Stücke dauern über fünf Minuten, nicht selten gibt es Outros, die wie in «Tüfu» bis zu zwei Minuten lang und jazzig angehaucht sind. Dazu kommen Fieldrecordings, die in den Strassen Berlins, in einem Taxi in Kapstadt und in einer Berner Beiz aufgenommen worden sind. Sie leiten von einem Song zum anderen über – und machen es schwierig, nur ein Stück zu hören.

«Das Album soll als Ganzes wahrgenommen werden», sagt Baze, «man muss zuhören und sich darauf einlassen.» Wer nur schnell einen Song rauspicke, werde dem Album nicht gerecht. Das schlechteste Vorbild sei das Mainstream-Radio, sagt der 36-Jährige, «es ist das Letzte, was ich hören würde». Darum wollte er bei seinem aktuellen Album auch keine Kompromisse eingehen.

Gegenentwurf zur W. Nuss

Doch so sperrig die Stücke sind, so dezent klingen sie aus. Gaukeln eine Harmonie vor, die es in den Texten nie gibt. Diese Texte sind kleine Tragödien, geschrieben von einem Berufspessimisten. Nicht selten handeln sie von Gewalt, Sex und Tod. Zum Beispiel «Gschändet», das durchaus als Gegenentwurf zur gerne mitgegrölten «W. Nuss vo Bümpliz» von Patent Ochsner gelesen werden kann. «Sie isch e heavy Brut, gäbet acht, dir verweichlechte Jungs, sie liebts z quäle, da steit si druf, bi Widerstand holt si mit dr Peitsche us.» Die Besungene ist eine Urgewalt, anziehend und abstossend zugleich.

«Mich interessieren Storys über Leute, deren Leben auf der Kippe steht», sagt der Stadtberner. Die Geschichten würden aus einer «Stimmung, einer Idee, einem Anfangssatz» entstehen. «Es sind kleine und grosse Katastrophen – und nicht immer weiss man, wie es rauskommt.»

Von dieser Katastrophenstimmung setzen sich nur drei Stücke ab. «Pfütze» ist im Vergleich zum Rest schon fast lüpfig, hat einen Refrain und handelt vom Kiffen am Egelsee: «U wi mir dran hei zoge, trochnigs Muu, roti Ouge u Hunger uf aus». Nach der «Pfütze» folgt die «Glungge», ein rein musikalisches Stück, zur Erholung nach dem Zudröhnen.

Und da gibt es auch noch «Gäu» – selbstironisch und musikalisch am nächsten am Hip-Hop. «Gäu, mir wärde nie so wi dir», nimmt Baze nostalgisch das Credo jeder jungen Generation auf – wohlwissend, dass auch er längst an einem anderen Punkt steht.

Auf dem Cover des Albums sieht man übrigens ein brennendes Auto – im Kofferraum steht noch der Picknickkorb. Es hätte ein fröhlicher Ausflug werden sollen – auch er endete in einer kleineren oder grösseren Katas­trophe.

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