Koks, Klima und andere Katastrophen

Die Gesangseinlagen in Jürg Halters und Elia Redigers Singspiel «Das Resort» begeistern nicht wirklich. Es sind die überspannten Ideen, die einen trotz viel Ballast an Bord bleiben lassen.

Schräge Figuren, schräger Gesang: «Das Resort». Foto: PD/Annette Boutellier

Schräge Figuren, schräger Gesang: «Das Resort». Foto: PD/Annette Boutellier

Helen Lagger@FuxHelen

Ein flinker Kerl in hohen Schuhen trippelt über eine modernistische Treppe auf den türkisblauen Teppich herunter. Er sei Sebastian (Nico Delpy), stellt er sich vor, eine Erzählerfigur, die die anderen Figuren angeblich weder hören noch sehen könnten.

Wir befinden uns in der Entzugsklinik alias Luxusresort «Fortschritt» in den Schweizer Alpen. Hier spielt «Das Resort – Ein Singspiel über das tragische Ende der Selbstoptimierung» von Jürg Halter (Libretto) und Elia Rediger (Musik), beide nicht zum ersten Mal für Konzert Theater Bern tätig.

Hier treffen verschiedene Klischeefiguren der heutigen Gesellschaft aufeinander – Thomas Manns «Der Zauberberg» lässt grüssen. Anstelle von kränklichen Fin-de-Siècle-Gestalten bevölkern CEOs, Yoga-Jüngerinnen und kokssüchtige Künstler das Resort.

Neben der Bar steht eine Skulptur der mythologischen Figur Atlas, auf dessen Schultern die Welt in Form einer goldenen Kugel lastet. Darin versteckt sich Alkohol, von dem im Laufe des Stückes sowohl der radikalisierte Muslim wie auch der arbeitslose Alkoholiker kosten werden.

Nebst dem spektakulären Bühnenbild (Christoph Rufer) überzeugt das Liveorchester (musikalische Leitung: Ken Mallor), das die schwachen gesanglichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler oftmals übertönt.

Dennoch vermag die Musik nicht zu begeistern: Zwar gibt es das für ein Singspiel obligatorische Duett zwischen Liebenden, einen Rap und viele Arien, in denen die Protagonisten ihr Inneres nach aussen kehren. Doch zu berühren vermögen die Gesangseinlagen kaum, auch ein richtiger Ohrwurm ist nicht dabei.

Überladene Inszenierung

Die Inszenierung von Regisseurin Antje Schupp hat reichlich Ballast. Muss man wirklich Bilder von Gelbwesten und Flüchtlingen auf eine Leinwand projizieren, während die beiden von der Gesellschaft abgehängten Figuren Mustafa (Luka Dimic) und Karl (Bernhard Schneider) rappen? Mit eingeblendeten Umweltdesastern und Populisten wird dem Publikum die Gegenwart unnötig penetrant um die Ohren gehauen.

Überfrachtung ist auch in Halters Text Programm, kein aktuelles Problem wird ausgelassen: Terrorismus, künstliche Intelligenz, Klimawandel, Mach­barkeitswahn, Geldgier, Neofaschismus.

Auch wenn die überdrehten Figuren für einige Lacher sorgen – es wird direkt vom Teppich gekokst –, zieht sich der erste Teil ganz schön in die Länge. Ein Bergsturz sorgt für die im Theater viel heraufbeschworene Abgeschiedenheit. Die Protagonisten sind plötzlich ohne Verbindung zur Aussenwelt und müssen sich statt mit ihren Smartphones mit sich selbst auseinandersetzen.

Weg zum Bessermenschen

Es sind die überspannten Ideen im zweiten Teil, die einen dranbleiben lassen: Der geldgierige John C. (Stefano Wenk) und der chinesische Integrationswissenschaftler HA (Grazia Pergoletti) wollen Bessermenschen schaffen, die über die Gutmenschen herrschen sollen.

Da dem Wissenschaftler die Ratten ausgegangen sind, sollen die Hotelgäste für die Versuche herhalten. Der Künstler Andy (Gabriel Schneider) und die Psychologin Charda (Florentine Krafft) bekommen Wind von dem Plan und organisieren Widerstand, während Frau Merther (Irina Wrona) mit John C. ein perfektes Baby zeugen will. Wrona liefert eine geniale Tanzeinlage ab, die eine Geschichte von der Verführung bis zum Abort erzählt.

Bis zum ebenso poetischen wie überraschenden Ende folgt man den Figuren durch ihre Krisen. Besonders gelungen ist die Figur des Andy – einer Parodie auf den heutigen Künstler, in dem wohl einiges von Halter selbst steckt. Gerne wäre der kapitalismuskritische Geist unabhängig, lässt sich schliesslich ein wenig trotzig, aber doch subventionieren.

Nächste Vorstellung: Do, 11.4., 19.30 Uhr in der Vidmar 1. www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

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