Zum Hauptinhalt springen

Puzzleartige Annäherungen an sich selbst

Ehrlich und authentisch: Im Roman «Halt auf Verlangen» entwirft Urs Faes das Bild eines strauchelnden Krebspatienten.

Verspielter Sprachkünstler: Der Aargauer Autor Urs Faes.
Verspielter Sprachkünstler: Der Aargauer Autor Urs Faes.
Keystone

Neun Wochen lang muss er täglich mit dem 11er-Tram bis zur Station Balgrist in die dortige Klinik fahren. Beinahe Endstation – danach kommen nur noch die Friedhöfe Enzenbühl und Reh­alp. Der Protagonist in Urs Faes’ neuem Buch «Halt auf Verlangen» kämpft gegen Prostatakrebs: Ein «Krieg», bei dem er selbst das «Schlachtfeld» ist.

Wir als Leser begleiten den Erzähler bei seinen Tramfahrten und gehen mit ihm hinunter in die Radioonkologie zur Bestrahlung – in die «Unterwelt», wie sie der Patient zynisch nennt.

So wie das Tram durch das herbstlich-winterliche Zürich fährt, streifen auch die Gedanken des Erzählers wild durch dessen Erinnerung – zurück in eine Zeit, als es noch Raucherwaggons gab, zu einstigen Filmplakaten im Fenster des Kinos, zu Karussellfahrten mit einer ersten Jugendliebe.

Ehrlich und authentisch zeichnet Urs Faes das Bild eines strauchelnden Krebspatienten, den seine Krankheit erschüttert, der aber nicht aufgegeben hat. Anstatt sich mit Freunden zu treffen, beginnt sich der Protagonist zu isolieren, er fragt sich, wor­über er mit ihnen reden sollte, wie viel von der Welt draussen ihn noch angeht.

Zuweilen zynisch, schwermütig, aber nie selbstmitleidig oder jammernd nimmt er die Fahrten zur Klinik auf sich. Faes schreibt Atmosphäre herbei, schildert liebevoll die städtische Kulisse, die umgebende Natur. Er besitzt Mut zur Lücke und lässt dem Leser die Freiheit, diese zu füllen.

Der Aarauer Autor erweist sich wie schon in früheren Büchern als verspielter Sprachkünstler, der aus dem Erzählen gewonnene Neubegriffe wie beiläufig in die Geschichte einfliessen lässt. So werden die Krankenschwestern Ana und Zett kurzerhand zu den Frauen Abiszett, und seinen Protagonisten lässt er ins «Alltagsfahrtenjournal», «Wörterwartebuch» und «Anschreibeheft» schreiben.

Erinnerungen füllen Verluste

Das tut der Patient vor allem, wenn etwas fehlt: Er füllt die eigenen Verluste mit Erinnerungen, selbst erdachten Welten und Geschichten. So werden Worte die «Krückstöcke» eines Kranken. Häppchenweise erfahren wir mehr über seine Vergangenheit – ein Puzzle, das sich zusammenfügt und ein wirres Innenleben offenbart.

Gleichzeitig werden wir angeregt, Vorstellung und Wirklichkeit zu hinterfragen: Wie viel vom Erzählten ist Erinnerung und Traum, wie viel Wirklichkeit? Und wie autobiografisch ist die Geschichte tatsächlich?

Spiel mit Realität und Fiktion

Genau diese Frage stellt sich der Erzähler in Bezug auf sein eigenes Schreiben selbst – so wird der Roman zu einem gekonnten Spiel mit Realität und Fiktion. Wir als Leser können uns an nichts anderem festhalten als an den Worten und Sätzen der Geschichte selbst. Damit wird die Frage, was wirklich und was nur im Kopf des Patienten geschehen ist, letztlich überflüssig.

Überflüssig wird auch die Frage, wie viel im Roman auf der Autobiografie des Autors Urs Faes beruht, der selbst mit dieser Krankheit konfrontiert war. 1947 in Aarau geboren, feierte er kürzlich seinen 70. Geburtstag. Seit zehn Jahren ist der ­ehemalige Lehrer und studierte Ethnologe als freier Schriftsteller tätig.

Seine Werke nehmen In­dividuen in den Fokus und erzählen ihre persönlichen Dramen: «Sommerwende» (1989), «Und Ruth» (2001) sowie «Liebesarchiv» (2008) thematisieren Kindheiten in der Schweiz im und nach dem Zweiten Weltkrieg, «Sommer in Brandenburg» (2014) erzählt eine jüdische Liebesgeschichte von 1938, in «Paarbildung» (2010) beschäftigt er sich bereits mit dem Thema Krebs – um nur einige seiner Werke zu nennen.

«Halt auf Verlangen» nimmt zahlreiche Figuren und Zitate aus früheren Romanen wieder auf, bildet fast eine Synthese seines Gesamtwerks. So ist das Buch auch eine Geschichte über das Schreiben selbst, das einem Welten eröffnen und Halt geben kann, gleichzeitig aber auch die Gefahr von Einsamkeit birgt.

Es sind Reflexionen eines Autors und Annäherungen an sich selbst. Auf erstaunliche Weise begegnen wir uns sogar als Leser in die Handlung eingewoben, wenn der Erzähler einen vertieften Leser im Tram beschreibt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch