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Die frühen Bewohner der SchweizMilch und Käse lieben wir schon seit 4500 Jahren

Auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gab es vor rund 5000 Jahren verschiedene Gruppen unterschiedlicher Herkunft, die kaum Kontakt miteinander hatten – heute würde man sie Parallelgesellschaften nennen. Forscher haben zudem den ersten laktosetoleranten «Schweizer» gefunden.

Der Dolmen von Oberbipp hinter der Kirche beim Friedhof.
Der Dolmen von Oberbipp hinter der Kirche beim Friedhof.
Foto: Andreas Marbot/BZ

Unsere Liebe zu Milch und Käse hat eine lange Geschichte. Eine sehr lange sogar. Ein schweizerisch-deutsches Forschungsteam hat nun den bisher ältesten Menschen gefunden, der auf dem Gebiet der heutigen Schweiz heimisch war und als Erwachsener Milch verdauen konnte. Er lebte vor rund 4500 Jahren, vermutlich in der Nähe von Spreitenbach. Zumindest wurde er dort in einem Kollektivgrab begraben. Gefunden hatte man ihn schon 1997, er lag mit angewinkelten Beinen in einer hölzernen Grabkammer, zusammen mit elf anderen Menschen. Doch erst eine Genanalyse brachte nun diese Erkenntnis.

Ein Team der Universität Bern, der Uni Tübingen und des deutschen Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte hat in einer neuen Studie die DNA von 96 alten Skeletten – darunter der Milchtrinker – untersucht, um mehr über die frühe Besiedlungsgeschichte der Schweiz zu erfahren. Die Wissenschaftler interessierten sich vor allem für die Zeit zwischen 3200 und 2400 vor Christus – eine turbulente Zeit in Europa. Die 96 untersuchten Knochenfragmente stammen von 13 Fundstellen aus der Schweiz, Süddeutschland und dem Elsass, unter anderem aus dem Dolmengrab im bernischen Oberbipp.

Herausgefunden haben die Wissenschaftler nicht nur, dass es zu jener Zeit bereits laktosetolerante Menschen hierzulande gab, sondern auch dass die Ur-Schweizer damals in Parallelgesellschaften lebten. Zwei Gruppen aus zwei unterschiedlichen Besiedlungswellen vermischten sich unerwartet lange nicht.

Vor 5000 Jahren gelangte eine neue Bevölkerungsgruppe nach Europa. Diese Menschen, genannt Jamnaja, zogen aus Eurasien nach Westen, vermutlich in Gruppen von vor allem jungen Männern, und veränderten die europäische Bevölkerung noch einmal entscheidend. Die Jamnaja kamen aus der pontischen Steppe nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meers. Dort hatten sie ursprünglich als Nomaden Rinder gezüchtet, und sie nutzten bereits Rad und Wagen.

Warum ein Teil von ihnen nach Europa wanderte und warum sie hier schliesslich Ackerbau betrieben, weiss man noch nicht. Wir alle tragen ihr Erbgut in uns. Es gibt Hinweise, dass vor 5000 Jahren eine erste Pestepidemie die Menschen in Europa hinraffte. Die Jamnaja hatten bereits zuvor mit der Pest zu tun gehabt und starben weniger häufig als die bereits in Europa ansässige Bevölkerung, was ihnen vermutlich einen Vorteil verschaffte. Pandemien haben den Verlauf der Geschichte immer wieder geprägt.

Innerhalb kurzer Zeit besiedelten die Jamnaja Ost-, Mittel- und Nordeuropa. Ihre Kultur nennt man, aufgrund der gefundenen Gefässe, die Zeit der Schnurkeramik. Schon um das Jahr 2800 v. Chr. lebten die Schnurkeramiker auch in der Schweiz, wie die neuen DNA-Analysen nun bestätigen. Europa war zuvor in zwei grossen Wellen, vor 40'000 und vor 8000 Jahren, besiedelt worden (siehe unten): In der zweiten Welle hatte sich eine grosse Gruppe, die aus der Region Anatolien gekommen war, ausgebreitet und den Ackerbau mitgebracht.

«Die Westschweizer Siedlungen waren senkrecht zum Ufer ausgerichtet, die Häuser standen dicht an dicht.»

Albert Hafner

«Die Schweiz ist in diesem Zusammenhang besonders interessant», sagt Albert Hafner, Professor für Prähistorische Archäologie an der Universität Bern und Mitautor der Studie. Die Bauern dieser zweiten Welle vor 8000 Jahren gelangten in einem langen Prozess nämlich auf zwei verschiedenen Routen auf das Gebiet der heutigen Schweiz. Die erste Route führte über den Balkan, Ungarn und Österreich bis in die Ostschweiz, die zweite über Italien und die Rhonemündung bis in die Westschweiz. Auch der Röschtigraben ist in gewissem Sinne also uralt.

Die Menschen lebten damals verstreut über das Mittelland und auch schon in den inneralpinen Tälern. Am meisten Funde gibt es von den Uferrandsiedlungen, wo die Bauern Pfahlbauten errichteten. Die Siedlungen bestanden meist aus rund zwanzig bis vierzig Häusern. Auch hier gibt es Unterschiede zwischen Ost und West. «Die Westschweizer Siedlungen waren senkrecht zum Ufer ausgerichtet, die Häuser standen dicht an dicht», sagt Hafner. In der Ostschweiz seien es Haufendörfer gewesen. Die frühen Schweizer lebten aber auch schon in Gebieten abseits der Gewässer. Dort teilten sich mehrere Gruppen ein Langhaus.

Warum sich die Schnurkeramiker/Jamnaja so lange nicht mit den schon vorher in der Schweiz lebenden Gruppen vermischten, darüber kann man heute nur spekulieren. Bei ihren Genanalysen fanden die Forscher beispielsweise sieben Frauen, die noch knapp 1000 Jahre nach der Besiedlungswelle durch die Jamnaja kein Erbgut der Neuankömmlinge in sich trugen. Allerdings war das Land auch dünn besiedelt. Man schätzt, dass es rund 500 Siedlungen mit vielleicht 200 Menschen gab, also 100'000 insgesamt, auf einer Fläche, auf der heute 8,5 Millionen leben.

Landwirtschaft gab es in der Schweiz schon vor 7000 Jahren

Die chemischen Untersuchungen zeigten zudem, dass die Männer eher ihrem Geburtsort treu blieben. Die Frauen aber lebten meist an Orten, an denen sie nicht aufgewachsen waren. Wie freiwillig dieser Ortswechsel war, weiss man nicht. Zwar gibt es zahlreiche Funde von Alltagsgegenständen wie Schuhen, Waffen, Werkzeugen, Keramik oder Schmuck. Doch über die Sprache, Kultur und Traditionen wissen wir kaum etwas. Dass sie ihre Toten teilweise in Kollektivgräbern bestatteten, lässt auf Ahnenkulte schliessen.

Mehr ist über die Ernährung der frühen Bewohner der Schweiz bekannt. Sie fischten, jagten, sammelten Kräuter und Früchte, betrieben Ackerbau und hielten Kühe, Schweine und Ziegen. Obwohl sie Vieh hatten, spielte Fleisch wahrscheinlich nur eine sehr kleine Rolle auf dem Speisezettel. «Haselnüsse waren vermutlich eine wichtige zusätzliche, bislang unterschätzte Quelle von Proteinen», sagt Hafner.

Neueste Ausgrabungen beweisen, dass es die Landwirtschaft auf dem Gebiet der heutigen Schweiz schon vor rund 7000 Jahren gab. Das zeigen Pollenanalysen, Funde von Keramik und Radiokarbondaten. Gefunden hat man auch siebartige Gefässe, die vermutlich dazu dienten, Frischkäse herzustellen. Ursprünglich war der Mensch laktoseintolerant und verlor im Erwachsenenalter die Fähigkeit, unverarbeitete Milch ohne Probleme zu verdauen. An verschiedenen Orten der Erde, vor allem in Mittel- und Nordeuropa, änderte sich das jedoch vor Jahrtausenden. Und wie wir jetzt wissen, geschah das recht früh auch schon auf dem Gebiet der heutigen Schweiz.

2 Kommentare
    Thomas Luchsinger

    Solche Beiträge zu "Wissen" sind immer lesenswert, "Oberbipp" ist jetzt gerade aktuell. Dazu eine kleine hübsche Geschichte zu der Entdeckung in der "bz" vom 21. April 2020. «2011 wollte ein elfjähriger Bauernsohn bei Oberbipp BE mit einem kleinen Bagger einen Stein aus der Wiese räumen. Doch nach stundenlanger Arbeit stiess er darunter auf zahlreiche sterbliche Überreste. Bei Ausgrabungen im Jahr darauf legten Archäologen ein sogenanntes Dolmengrab frei. In diesem Grosssteingrab waren um 3200 und 2700 vor Christus in zwei Phasen mindestens 40 Männer, Frauen und Kinder bestattet worden.» Dazu auch bereits ein Beitrag der Uni Bern bei Wikipedia.

    Hinweise zu neuesten Publikationen zum Thema von Hafner als Mitverfasser finde ich (noch) nicht im Netz, aber zahlreiche Studium von ihm zu steinzeitlichen Wirtschaftsformen und Besiedelung des Alpenraumes von Jagd bis zu bäuerlicher Vieh- und Milchwirtschaft, wie etwa "Prähistorische Alpwirtschaft im Berner Oberland", Uni Bern 2017.

    Gleichzeitig mit "Oberbipp" 2011 stiessen so ab 2010 steinzeitliche Funde von Besiedelung mit Alpwirtschaft im Unterengadin bzw. Paznauntal auf grösstes Interesse: bei den Romanen "Val Fenga", bei den Tirolern dann eingedeutscht "Fimbertal" mit Fimberpass; eine Route, die von Mountainbikern gerne gefahren wird, wenn sie die Alpen von Bayern bis zum Gardasee fahren. Dazu die Sonntagszeitung am 21.8.2011 (Netz): «Die ältesten Hinweise auf alpine Viehwirtschaft haben die Archäologen erst eben, im Juli [2011] ausgegraben – und zwar unter einem Felsen oberhalb der Alp Urschai, nah bei Plan da Mattun», beide Orte in unmittelbarer Nachbarschaft zum Val Fenga.»

    Früheste Formen von steinzeitlicher Alpwirtschaft sind für mich nicht erst seit "Ötzi" interessant. Vor allem auch, wenn man genetisch verwertbares Material findet. Dazu auch das vielzitierte Buch - Fatum - von Kyle Harper zum Untergang des römischen Reiches, der sich, gestützt auf genetische Untersuchungen zu Wanderbewegungen der prähistorischen Völker äussert und den Bogen weit zurückführt in die prähistorische Vergangenheit. Ein Interview mit ihm in der "Zeit" im März 2020, dann ebenso im tagi.

    Die hoffentlich weiterhin folgenden Ergebnisse der alpinen Frühgeschichte werde ich mit grösstem Interesse verfolgen. Irgendwie sind es ja auch meine Urahnen, Ötzis Verwandte, auch wenn ich als Alemanne genetisch mehr germanisch als "keltisch/ rätisch/ römisch" geprägt sein dürfte. "Glockenbecheler" oder "Schnurkeramiker" sind wir ja trotz allem irgendwie :-) .-)

    Ramosch kennen politisch versierte Leser aus einem andern Zusammenhang. Ich empfehle kulturinteressierten Lesern ganz allgemein einen Besuch des Unterengadins (und der ganzen übrigen Schweiz), es gibt noch viel historisch Interessantes zu entdecken, und Käse machen sie immer noch ganz guten, in Ramosch bspw. Und "Oberbipp" steht jetzt auf meiner Pendenzenliste!

    Allen Lesern eine gute Zeit und Gesundheit wünscht lu