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Film-Offensive des StreamingdienstesNetflix’ Machtdemonstration

Netflix veröffentlicht dieses Jahr 71 Spielfilme. Der Dienst spielt damit seine Überlegenheit aus.

Gal Gadot: Sie spielt die Hauptrolle in «Red Notice», dem bislang teuersten Netflix-Film.
Gal Gadot: Sie spielt die Hauptrolle in «Red Notice», dem bislang teuersten Netflix-Film.
Foto: Zuma Press, Inc. / Alamy Stock Photo

Klar, sie sind die Grössten. Wer die letzten Monate nicht in einem Erdloch zugebracht hat, weiss, dass Netflix mit 195 Millionen Abonnenten weltweit der unbestrittene Branchenprimus ist.

Aber was macht man als Gigant, wenn man es der Konkurrenz mal so richtig zeigen will? Man trumpft mit einer Liste auf, die für kollektive Schnappatmung sorgt: Nicht weniger als 71 Premierenfilme will Netflix im laufenden Jahr aufschalten, also mehr als einen pro Woche. Action, Komödien, Science-Fiction, Musical, Western, Horror, es ist für alle was dabei. Zum Vergleich: Ein Hollywoodstudio lanciert in einem normalen Jahr um die 15 Filme.

Damit wirklich jeder begreift, wie gigantisch das Angebot ist, gibts obendrein einen Trailer, in dem Gal Gadot, Ryan Reynolds und Dwayne Johnson (das Trio wird im Actionfilm «Red Notice» zu sehen sein) die kommenden Highlights präsentieren. Also zum Beispiel das Regiedebüt von Halle Berry («Bruised») oder die stargespickte Katastrophensatire «Don’t Look Up» mit Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence.

Ein heimliches Kaufangebot

Dabei hat Netflix nicht nur Eigenproduktionen, sondern auch Eingekauftes im Sortiment, etwa den Thriller «The Woman in the Window» mit Amy Adams, den man aus den Trümmern des von Disney aufgekauften Fox-Studios erworben hat; es ist das Letzte, was von diesem grossen Filmstudio übrig geblieben ist. Kann man seine Macht deutlicher demonstrieren?

Man könnte diese Angeberei aber auch anders verstehen – zum Beispiel als heimliche Netflix-Offerte an Hollywood. Wegen Corona sind bekanntlich vielen Studios die Hände gebunden. Aufgrund geschlossener Kinos müssen sie ihre Filme noch und noch verschieben, oder sie wagen den Release auf anderen Streamingdiensten.

Universal hat es letztes Jahr mit dem Animationsfilm «Trolls World Tour» als reinem Online-Release versucht, Warner startete den Hybridversuch (gleichzeitiger Start im Kino und online) mit «Wonder Woman 1984». Beide Filme floppten jedoch katastrophal.

Folgt nach der Flut die Dürre?

Was Netflix mit seinem jüngsten Schachzug sagen möchte, ist drum vermutlich nicht nur ein plumpes «Wir sind die Grössten». Stattdessen ist es eine Aufforderung an Hollywood: «Hallo Studios, gebt uns das Beste, was ihr habt! Dann bringen wir es mit maximaler Aufmerksamkeit unters Streamingvolk.»

Damit könnte Netflix nicht nur seinen Status als Nummer 1 festigen, sondern auch verhindern, dass ihnen ab 2022 der Stoff ausgeht. Denn man darf eines nicht vergessen: Die Filmproduktion kam während der Pandemie ins Stocken, stand oft wochenlang still. Gut möglich deshalb, dass nach der grossen Flut die grosse Dürre kommt.

5 Kommentare
    Jean Marat

    Nur wird es zunehmend schwierig, die Qualität hoch zu halten. Der Pool an grossen Talenten ist begrenzt. Viele Produktionen halte ich für überbewertet; mich persönlich langweilen die schematischen, amerikanischen Erzählformen, für die ich mich einst begeistert habe, mehr und mehr. Netflix hat sich in eine gigantische Zeitzerstörungsmaschine verwandelt.