Die Ermittler im Bann der Hexen

Im Stuttgarter «Tatort» sind übersinnliche Kräfte am Werk. Die Bilder dazu sind grossartig, das Ende überraschend.

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Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

Auf einem Berg liegt ein nackter Toter in einem weissen Kreis. In schnellen Schnitten fährt die Kamera über seinen Körper. Dieser ist geschunden von eingeritzten Symbolen. Niemand spricht während der ersten Minuten, nur feine, tragende Musik. Immer wieder wunderschöne Flüge über Baumkronen. Das ist die Handschrift von Regisseur Piotr J. Lewandowski.

Der gebürtige Pole hat bereits in früheren Filmen Trauriges und Gewaltsames in Poesie verwandelt. In diesem «Tatort» lässt er die Lampen der Gerichtsmedizin unheilvoll, aber nicht billig flackern, webt Details ein, die neben der Handlung herlaufen. Während des Gesprächs mit der Mutter des Toten balanciert ein Käfer auf dem Rand eines Glasbehälters. Und immer wieder durchschneiden Visionen das Jetzt. Denn der Tote wurde zu Lebzeiten geplagt von bösen Geistern. Einer seiner Vorfahren hat als Hexenjäger Menschen auf dem Gewissen. Die Stimmen jener, die er auf dem Scheiterhaufen brennen liess, trieben Marcel Richter in den Wahnsinn. Um sie loszuwerden, wollte er sich einem magischen Ritual unterziehen.

Hat der Hexer Emil Luxinger etwas mit dem Mord zu tun? Immerhin hat ihm Richter ein wertvolles Buch entwendet. Oder war es ein verpatzter Drogendeal? Während Ermittler Sebastian Bootz auf der Suche nach dem «weissen Licht» brutal erfährt, dass es sich nicht um Kokain handelt, streift auch sein Kollege Thorsten Lannert durch einen unheimlichen Keller, jenen des Hexers Luxinger. Die Handlungsstränge lässt Lewandowski perfekt parallel laufen, mit Spannung, trotzdem ruhig und fliessend, aber nie verwirrend.

Jedem seine Magie

Etwas zu gut hat er es mit den magischen Momenten zwischen Bootz und einer jungen Frau aus dem Umfeld des Opfers gemeint. Diana Jäger starrt Bootz bei Befragungen unentwegt an, stets knapp bekleidet. Als Bootz im Prügelkeller taumelt, blitzen Szenen einer Liebesnacht auf. Gedankenfetzen, die wie beim Mordopfer an reale Vergangenheit anknüpfen?

Man weiss es nicht, ist dann aber trotzdem froh, als Bootz die junge Frau vor dem Feuerschlund der Kehrichtverbrennungsanlage rettet. Danach zieht er ihr ihren verlorenen Sneaker an, als wäre sie Aschenputtel. Dabei ist sie eine Hexe, die kurz zuvor in einem Ritual einen Dämon anrief und sich schreiend am Boden wälzte – zu guter, eigens für den «Tatort» komponierter Musik.

Der Gerichtsmediziner schafft am Ende auf angenehme Weise Klarheit, in herrlich schwäbischem Akzent. Auch er habe bereits die Grenzen des Bewusstseins überschritten – Ayahuasca. Richter dagegen wählte die falsche Methode, um ins Reine mit sich zu kommen. «Okkulter Unfall, im Zustand autogen induzierter Trance», lautete die Todesursache ohne Fremdeinwirkung.

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