Wie man in Würde altert

Bruce Springsteen wird siebzig Jahre alt. Er ist die ehrlichste Kunstfigur im Musikbusiness.

Bruce Springsteen, ein grosser amerikanischer Erzähler, der weiss, was er tut.

Bruce Springsteen, ein grosser amerikanischer Erzähler, der weiss, was er tut.

(Bild: Keystone)

Muss das noch sein, mit siebzig? Das Muskelpaket mit Flanellhemd, Jeansjacke mit hochgestelltem Kragen, so wie im Titelsong-Video zum jüngsten Album «Western Stars»: dazu der Whiskey an der Bar, einsame Autofahrten, der Highway, der Cowboyhut? Die hanteldicken Oberarme, deren Haut trotzdem sichtlich altert? Der ganze Verbrennungsmotoren- und Dating-Kitsch? Harte Männer mit hungrigen Herzen?

Barack Obama hat in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf 2008 gesagt: «Wenn man an Authentizität denkt, denkt man an Bruce Springsteen, und so kommt er auch als Person rüber.» Wenn das die ganze Wahrheit über Bruce Springsteen wäre, der am 23. September 1949 in Long Branch, New Jersey, geboren wurde, dann müsste man sich Sorgen machen: Warum nimmt der linksliberale Rockstar noch einmal die Redneck-Pose ein, obwohl er weiss, dass viele der «hart arbeitenden» Menschen, für die und über die er gesungen hat, zu Donald Trump übergelaufen sind?

Weil er ein grosser amerikanischer Erzähler ist, der weiss, was er tut. Weil er das «einfache» Amerika - von den tragischen Helden und Outlaws, die in vielen seiner dunkleren Lieder auftauchen, bis zu den gewöhnlichen Kleinstadtmenschen, mit denen er aufgewachsen ist -, weil er dieses Amerika nicht im Stich lassen, nicht an die Rassisten verloren geben will. Und weil nicht jede Bedienung von Genre-Erwartungen durch den Entertainer Springsteen ein persönliches Bekenntnis sein muss.

Als wäre man in New York: Springsteens Show gibt es auch auf Netflix zu sehen. Video: Youtube

Seine Autobiografie von 2016 und seine darauf fussende Broadway-Solo-Show von 2017/18 haben es nämlich deutlicher gezeigt als je zuvor: Springsteen tut sich mit seiner gefeierten Ehrlichkeit, deren musikalisches Denkmal er längst geworden ist, gar nicht leicht. Während seine Fans das jahrzehntelange heroische Ringen um Liebe, Arbeit und Rock 'n' Roll in seinem Werk umstandslos mit dem Charakter ihres fleissigen Helden identifizierten, ist Springsteens Selbstbeschreibung eine andere. In seinen Erinnerungen erzählt er, wie sehr er in den Achtzigerjahren mit der Rockgigantenrolle gehadert hat, bis zur Depression - damals, rund um «Born in the U.S.A.», 1984 veröffentlicht, und die Live-Box von 1986, als er neben Prince, Madonna, U2 und Michael Jackson zum allergrössten Stadionrocker aufstieg. Es brauchte die nachfolgende «Trilogie der Liebe», um zu ebendieser auch persönlich zu finden und Vater zu werden.

Und so berichtet Springsteen in seiner bemerkenswerten Bekenntnis-Show am Broadway (bei Netflix und auf CD) mit grosser Selbstironie über das Gemachte und Handwerkliche seiner Karriere. Das beginnt mit den Verbrennungsmotoren: Als er die Ballade «Racing in the Street» schrieb für das 1978 erschienene Album «Darkness on the Edge of Town», hatte er keinen Führerschein. Trotzdem konnte niemand so pathetisch und zärtlich von sommerlichen Strassenrennen und frisierten Autos singen. Aus seinem Mund hörte sich allein die eine Zeile «We shut 'em up and then we shut 'em down» an wie eine empathische, aber auch tragische Ode ans ganze Menschenleben - was anders klingt, wenn Heinz Rudolf Kunze sie übersetzt: «Wir pimpen die Karren auf, und dann rocken wir sie runter.»

Ferner gesteht Springsteen, abgesehen von der Musik eigentlich nie richtig gearbeitet zu haben. Er habe, anders als sein schwermütiger und haltloser Vater, nie eine Fabrik von innen gesehen, obwohl doch Fabrikarbeiter und Arbeitslose seine Songs bevölkern. Dann das Motiv der ständigen Getriebenheit, das Herausmüssen aus der «Stadt voller Verlierer», das Losdüsen auf der «Thunder Road», um in viel biblischer Sprache «das Gelobte Land auszukundschaften», das Anflehen von jungen Frauen, doch bitte mit einzusteigen in den Wagen. «Schling einfach deine Beine um diese samtigen Felgen und schnall deine Hände an meinem Motor fest», das Reinwaschen der Hände im Fluss, und fahren, fahren ... In seinen Broadway-Monologen beschwört Springsteen dramatisch jenes «Born to Run»-Narrativ, macht dann eine Pause und sagt trocken: «Derzeit wohne ich zehn Minuten von meiner Heimatstadt entfernt.» Born to run home again.

Diese Selbstreflexivität muss man bewundern, bei einem sprachsensiblen Künstler, einem epischen Dichter, der angeblich nur ein Monument schwitzender amerikanischer Authentizität sein soll. Dennoch ist die Behauptung, seine Laufbahn sei bloss ein «Zaubertrick» gewesen, natürlich wieder ein Trick. Er schien es eine lange Zeit schon verdammt ernst zu meinen. 1981, zwischen «The River» und dem archaischen Songwriter-Album «Nebraska», nannte die «New York Times» ihn «den Mann, der sich die Bürde von Chuck Berry, Elvis, Woody Guthrie und Bob Dylan auf die Schultern geladen hat.»

Seit seinem ersten Auftritt als Solokünstler im Mai 1968 im Off Broad Street Coffee House in Asbury Park hatte Springsteen jahrelang als kleinere Nummer aus der Provinz geschuftet, bis er 1972 seinen ersten Plattenvertrag mit Columbia Records unterzeichnete. Der Durchbruch kam 1975 mit «Born to Run». Mit dem Produzenten Jon Landau ersetzte er den eher spielerisch-romantischen Soul- und Funk-Sound seiner frühen Alben durch eine wuchtige Klangwand, vieles klang wie ein Schwarz-Weiss-Film nach John Steinbeck, und Springsteen war immer noch so «indie», dass er mit der New Yorker Avantgarde-Priesterin und Studio-Nachbarin Patti Smith einen Song schreiben konnte («Because the Night»).

Er beherrschte Soul und Funk, die Liedermacher-Mundharmonika und auch den Prollrock

Als Songschreiber und hochtrainierter Performer konnte Springsteen dann um 1980 herum von alledem gleichzeitig zehren. Er hatte die schwarze Musik mit Big-Band-Elementen und seinem Saxophonisten Clarence «Big Man» Clemons im Rücken; er konnte herunterschalten und sich die Liedermacher-Bürgerrechtler-Mundharmonika anlegen; und er beherrschte drittens die Prollrock-Schiene von «Cadillac Ranch» bis «Glory Days». Mit diesem unnachahmlichen Kraftpaket aus Unterhaltung und Sehnsucht eroberte er in den Achtzigern die Massen. Und wenn er auch mit seiner alten Fender-Gitarre bald nicht mehr recht ins elektronische Zeitalter zu gehören schien, so hat er seine riesig gewordene Autorität immer wieder kreativ nutzen können. Für sein melancholisches Grossstadtlied «Streets of Philadelphia» von 1994 bekam Springsteen einen Filmmusik-Oscar, 2002 tröstete er die Post-9/11-Nation mit «The Rising». Mit diversen politischen Statements räumte er ausserdem das seinerzeit von Ronald Reagan beförderte Missverständnis aus, «Born in the U.S.A.» sei eine Hymne für Republikaner gewesen.

Zum 70. Geburtstag nun steigen, während der Sänger sich mit seinem Alterswerk nicht blamiert, die Ehrungen ins Unermessliche. Der Film «Blinded by the Light» erzählt, wie benachteiligte Teenager durch Springsteen Zuversicht schöpften; mit dem Songtexte-Buch «Like a Killer in the Sun» von Leonardo Colombati und den Übersetzungen von Heinz Rudolf Kunze erscheint bei Reclam ein veritables Standardwerk; amerikanische Zeitungen schreiben, Springsteen vereine die ganze Welt oder sei gar, als Barde des guten Lebens, «ein Aristoteles unserer Zeit». Gegen solche Übertreibungen mag man feststellen, Springsteen falle doch ziemlich aus der Zeit heraus. Aber das kann einen kaltlassen, der mit Mitte zwanzig das Gefühl besang, nicht mehr richtig jung zu sein - maybe we ain't that young anymore. Bruce Springsteen wird weiter in Würde altern.

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