Der grosse Traum der «Alten Dame»

Goalie Manuela Brütsch gilt als Aushängeschild des Schweizer Frauenhandballs. Mit 35 will sie es mit ihren jungen Mitspielerinnen erstmals an eine EM schaffen.

Steht seit sieben Jahren im Tor des Bundesligaclubs Bad Wildungen Vipers: Manuela Brütsch (Foto: Imago Images)

Steht seit sieben Jahren im Tor des Bundesligaclubs Bad Wildungen Vipers: Manuela Brütsch (Foto: Imago Images)

Es sind drei Attribute, die Frauen-Nationalcoach Martin Albertsen herausstreicht, wenn er Manuela Brütsch einschätzen soll: «Ehr­geizig, gedanklich jung geblieben und eine vorbildliche Kämpferin.» Und der Däne liefert dafür gleich mehrere Beispiele. Wie seine Torhüterin im EM-Qualifikationsspiel gegen Finnland in der 20. Minute die junge Senkrechtstarterin Sladjana Djokovic ersetzte und auf die traumhafte Abwehrquote von 85 Prozent kam. Oder wie die Rekordnational­spielerin mit 136 Länderspielen in den Trainingseinheiten schon beim Warm-up und dem Fussballspielen alles gibt, um das Spielchen zu gewinnen.

Albertsens Wahrnehmung ist geradezu typisch für Manuela Brütsch. Gewinnen ist für sie oberste Maxime. «Der Ehrgeiz begleitete mich seit eh und je», sagt sie selber. Und natürlich begleitet sie diese Charaktereigenschaft vor allem als Torhüterin. Die Konsequenz: Nach dem schnellen Aufstieg in der Schweiz, den Stationen HC Dielsdorf, TV Uster und LC Brühl mit vier Meistertiteln und drei Cupsiegen wagte sie vor gut acht Jahren den Wechsel in die deutsche Bundesliga. Nach einer Saison bei der HSG Bensheim/­Auerbach läuft sie nun schon seit sieben Jahren für die Bad Wildungen Vipers auf. Bei den Norddeutschen kombiniert sie das Handballspiel mit ihrem Job als Sport- und Bewegungstherapeutin an der örtlichen Reha-Klinik. Und hier geniesst sie inzwischen einen ­gewissen Prominentenstatus. Sie sagt zu ihrem Sportlerleben: «Ich bin privilegiert.»

Genug vom alten Lied, genug vom Mauerblümchen­dasein

In ihrem Club wie im Nationalteam trägt Brütsch die Captain-Binde. Als erfolgreichste Schweizer Torhüterin der Geschichte gilt sie seit längerem. Je höher sie aber gestiegen ist, desto häufiger musste sie sich auch mit Niederlagen auseinandersetzen. Das musste die anspruchsvolle Spielerin, die eine verlorene Partie meist stärker «wurmt» als andere, zuerst lernen. Auch im Nationalteam – oder besser: gerade mit dem Nationalteam. Jahrelang fristete dieses ein Mauerblümchendasein, wahr- und ernstgenommen nur von einer Minderheit, auch unter den Handballern. Zu internationaler Tauglichkeit reichte es nie. Über mehr als einige ehrenvolle Niederlagen kamen die Schweizerinnen nie hinaus, auch mit Manuela Brütsch nicht. «Diese Erlebnisse waren frust­rierend», sagt sie, «oft gut gespielt und doch knapp verloren.» Es ist immer dasselbe Lied, das auf die ­Dauer auch auf die Moral schlägt.

Den Glauben, das werde sich ­irgendwann, irgendwie ändern, hat Brütsch aber nie verloren. Und ­diese Motivation hat zusätzlichen Schub erhalten. Mit Nationaltrainer Albertsen habe sich bei der Schweizer Frauenauswahl eine «neue Professionalität» etabliert, sagt sie. Ziel ist es, eine ähnliche Dynamik zu entwickeln, wie das bei der Männer-Nationalmannschaft unter Michael Suter geschehen ist. Und damit verbunden eine deutliche Verjüngung.

Auf seine routinierte Torhüterin will Albertsen aber nicht verzichten. Er sagt gar: «Manuela Brütsch kann auch mit 40 für uns noch von eminenter Wichtigkeit sein.» Die 35-Jährige fühlt sich durch dieses Statement angestachelt: «Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, meine Erfahrung einzubringen, professionell zu handeln und meine Teamkolleginnen davon profitieren zu lassen.» Das mache ihr «extrem Spass», sagt sie. Und freut sich noch immer auf jeden Trainingslehrgang.

«Wir gegen den Olympiasieger» als neue Herausforderung

Es geht tatsächlich aufwärts. Das Erfolgserlebnis stellte sich früher ein als erhofft: Vor gut zehn Monaten überstanden die Schweizerinnen erstmals überhaupt eine Qualifikation für ein internationales Turnier. Dass sie sodann im Juni im Playoff gegen die routinierten und erfolgsverwöhnten Däninnen scheiterten, war weniger von Belang.

Brütsch sagt rückblickend: «Uns ist ein grosser Schritt gelungen, jetzt geht es darum, in kleinen Schritten Stufe um Stufe weiterzusteigen.» Auch in den beiden EM-Qualifikationspartien dieser Woche: am Mittwoch auswärts gegen Serbien und am Sonntag in ­Gümligen gegen Russland. «Ein Spiel zu gewinnen, dürfte sehr, sehr schwierig werden», macht sie sich keine Illusionen, «daran glauben müssen wir trotzdem.» Und es gehe auch darum, die Fortschritte zu bestätigen, «die uns in diesem Jahr bereits gelungen sind». Eine besondere ­Herausforderung sind diese Duelle für das Team dennoch: ­Viele Schweizerinnen haben überhaupt noch nie gegen ­Widersacher aus dieser internationalen Stärkeklasse agieren müssen. «Wir gegen den Olympiasieger, solche Affichen sind neu für das junge Team», gibt Brütsch zu verstehen.

Typisch für die ehrgeizige ­Torhüterin ist, dass sie auch die Möglichkeit, als Gruppendritter an die EM zu kommen, auf ihrer Rechnung hat. Bedingung: Die Schweiz muss den dritten Gruppengegner Slowakei hinter sich ­lassen – «ein Gegner, mit dem wir auf Augenhöhe sind», wie Brütsch sagt. Das wird das aufstrebende Team mit der Winnerfrau als Rückhalt im nächsten März beweisen müssen.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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