«Morgen soll uns nicht betrüben / wenn wir heute Beischlaf üben»

Der deutsche Dichter Günter Kunert ist tot. Er überlebte vier Gesellschaftssysteme und war ein heiterer Pessimist.

Am bedeutendsten war er als Lyriker: Günter Kunert.

Am bedeutendsten war er als Lyriker: Günter Kunert.

(Bild: Gezett/ullstein via Getty Images)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Pessimismus kann lähmend sein. Manche macht er offenbar produktiv. Günter Kunert hat er zum wohl produktivsten Schriftsteller der Gegenwart gemacht. Sein Werkeintrag bei Wikipedia umfasst nicht weniger als 165 Titel, darunter zwei Romane, zahlreiche Gedichtbände, Kurzgeschichten, Essays, Autobiografisches, Reiseskizzen, Aphorismen, Glossen, Satiren, Märchen, Hörspiele, Drehbücher, Libretti und Kinderbücher. Der jüngste Lyrikband, «Zu Gast im Labyrinth», wird dieser Tage erscheinen.

Kunerts Pessimismus ist von grundsätzlicher Art, er gibt dem Menschengeschlecht auf der von ihm selbst ruinierten Erde keine Zukunft. «Hoffnungen sind der Schaum auf der menschlichen Existenz, sie erfüllen sich nicht», hat er in einem Interview zum 90. Geburtstag gesagt. Lyrisch formuliert: «Die schwerste Aufgabe ist: / aufgeben können / Wer mit der Hoffnung anfängt / hat seine Lektion schon / gelernt», heisst es in dem Gedicht mit dem doppeldeutigen Titel «Aufgabe».

«Alle Pessimisten sind heiter», sagte er aber auch. Schon weil sie schreiben können. Er selbst schreibe, «um die Welt, die pausenlos in Nichts zerfällt, zu ertragen». Und dichtet lebensbejahend und knittelnd dagegen an: «Morgen soll uns nicht betrüben / wenn wir heute Beischlaf üben.»

Er protestierte gegen die Biermann-Ausbürgerung

Kunerts Weltsicht ist zweifellos auch biografisch geprägt. In vier Gesellschaftssystemen hat Kunert gelebt, zwei davon waren Diktaturen, die ihm übel wollten. 1929 in Berlin geboren, galt er im «Dritten Reich» als «Mischling ersten Grades» – seine Mutter war Jüdin. So war ihm eine höhere Schulbildung verwehrt, stattdessen las er, was die Mutter aus einem Antiquariat beschaffte: vielfach verbotene Bücher, darunter Gedichte von Heinrich Heine, die ihn zum eigenen Dichten inspirierten.

Noch vor der Gründung der DDR trat er in die SED ein, wurde vom Kulturminister Johannes R. Becher gefördert, von Brecht protegiert. Aber der Honeymoon mit dem Sozialismus währte nicht lange, der Widerspruch zwischen Ideologie und Realität liess sich nicht verdrängen, und «Vorsicht und Literatur vertragen sich nicht», wie Kunert einmal schrieb. Er wurde bespitzelt und überwacht, seine Stasi-Akte umfasst einen ganzen Regalmeter. 1976 unterschrieb er als einer der ersten den Protestbrief gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und war fortan literarisch ein toter Mann.

Die DDR als Zeitkapsel

1979 zog er in den Westen, wo er beim Hanser-Verlag schon eine publizistische Heimat hatte, und liess sich in einem alten Bauernhaus in Schleswig-Holstein nieder. Nach vielen Büchern mit kürzeren Texten in satirischer, grotesker, verspielter und abgründiger Tonart erschien in seinem 90. Lebensjahr überraschend ein Roman. Das Manuskript hatte er 1974 verfasst und für in der DDR undruckbar befunden.

«Die zweite Frau» ist ein glänzendes Stück satirisch-verträumter Prosa, darin kann man wie in einer Zeitkapsel jenen missratenen zweiten deutschen Staat noch einmal nacherleben, mit seinem «Mankoismus», dem «Warten als Existenzform», der kleinbürgerlichen Beschränktheit und der Herrschaft der Lüge.

Am bedeutendsten aber ist Kunert als Lyriker. Er führt die Traditionslinie, die von Villon über die Bänkelsänger und Heine bis zu Kästner und Tucholsky reicht, in die Gegenwart, und gibt ihr jene heiter-pessimistische Grundierung, die ihn unverwechselbar macht.

Am Samstag ist Günter Kunert in seinem Haus in Kaisborstel an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

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