Es braucht eine lückenlose Aufarbeitung

Die Studie zur Klinik Münsterlingen wirft Fragen auf. Etwa, wie üblich in der Schweiz Menschenversuche waren.

Was die Studie zur Klinik Münsterlingen zutage gefördert hat, ist ein düsteres Kapitel Schweizer Geschichte. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Was die Studie zur Klinik Münsterlingen zutage gefördert hat, ist ein düsteres Kapitel Schweizer Geschichte. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Simone Rau@simonerau

Das Ausmass ist schier unglaublich. Zwischen 1946 und 1980 gelangten mindestens drei Millionen Dosen von nicht zugelassenen Prüfstoffen an die Psychiatrische Klinik Münsterlingen. Bei 67 Substanzen liegen eindeutige Beweise vor, dass der Oberarzt und spätere Klinikdirektor Roland Kuhn sie an Patientinnen und Patienten testete. Betroffen waren gemäss dem gestern veröffentlichten Buch ­«Testfall Münsterlingen» mindestens 3000 Personen.

Aus heutiger Sicht besonders stossend ist, dass nur die allerwenigsten wussten, was ihnen verabreicht wurde. Kuhn selber sagte, man habe sie «nie um ihre Einwilligung gefragt». Die Behörden hingegen waren über die Versuche informiert. Doch sie griffen nicht ein. Auch die Pharmafirmen liessen Kuhn gewähren. Und das, obwohl er ihre Vorgaben in verschiedener Hinsicht und über Jahre nicht befolgte.

Vermutlich seien Versuche auch in anderen Schweizer Kliniken ohne Einwilligung durchgeführt worden, schreibt das Forschungsteam. Was zugleich bestätigt: Auch anderswo fanden Tests statt – mit möglicherweise ebenso gravierenden Folgen. In Münsterlingen sind die Historikerinnen auf 36 Patienten gestossen, die während oder nach der Verabreichung von Prüfstoffen verstarben. Doch die Dunkelziffer dürfte viel höher sein. Auch andere zentrale Fragen musste das Forschungsteam unbeantwortet lassen. Aus Kapazitätsgründen beschränkte es sich vor allem auf ­Krankenakten von Personen, die in Kuhns Nachlass erwähnt sind. Es gibt Tausende weitere.

Überhaupt ist die Quellenlage zu Münsterlingen ausgezeichnet – und längst nicht ausgeschöpft. Man müsste unbedingt weiterforschen. Gleiches gilt für all die anderen Institutionen, bei denen es Hinweise auf Versuche gibt. Wie bei den Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen braucht es jetzt eine gesamtschweizerische Aufarbeitung. Das ist die Schweiz den Betroffenen schuldig. Und auch die Gesamtbevölkerung muss erfahren, was in den psychiatrischen Kliniken im letzten Jahrhundert passierte. Nur so kann sie daraus lernen.

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