Ein glühender Esoteriker

Das Kunstmuseum Bern zeigt den Bauhaus-Pionier Johannes Itten, der Leben und Kunst ganzheitlich verschmelzen wollte.

Der Maler, Kunsttheoretiker und -pädagoge Johannes Itten (1888-1967), aufgenommen in Wien, 1917. Bild: Bauhaus-Archiv, Berlin

Der Maler, Kunsttheoretiker und -pädagoge Johannes Itten (1888-1967), aufgenommen in Wien, 1917. Bild: Bauhaus-Archiv, Berlin

Als kahl rasierter Mönch in einer selbst entworfenen Malerkutte ist Johannes Itten auf Fotografien aus seiner Zeit am Bauhaus abgebildet. Der 1888 geborene Bauernsohn aus dem Eriz bei Thun strebte in Weimar eine Spiritualisierung aller Lebensbereiche an. Er wollte mit Hilfe der Kunst dem auf die Spur kommen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Sein Bauhaus-Kollege Paul Klee, selber ein Farbtheoretiker, war eher der stille Analytiker. Itten war hingegen ein glühend beseelter Esoteriker, der einmal notierte: «Das höchste Ziel des Menschen ist dies: ‹Harmonie/Ausgleich/in sich und um sich (Gleichgewicht)›».

Für Itten waren es die Kontraste, die Harmonie erzeugen. Er entwarf den berühmten zwölfteiligen Farbstern mit einer Lichtstufenskala. Ittens Farbenlehre wirkt übrigens bis heute weit über die Kunstwelt hinaus: Modedesigner und Stilberater stützen sich – oft in Unkenntnis des Urhebers – auf Ittens Farbtypenlehre und dessen Jahreszeitenzyklus ab.

Johannes Itten: Ländliches Fest, 1917. Kunstmuseum Bern © 2019, ProLitteris, Zürich

Er hatte in Stuttgart beim Farbtheoretiker Adolf Hölzel studiert, wo ihm unter anderem mit dem Bild «Ländliches Fest» der Durchbruch zur geometrischen Abstraktion gelang. 1919 wurde er, der mittlerweile in Wien eine Malschule gegründet hatte und in Avantgardezirkeln verkehrte, von Walter Gropius nach Weimar an die neu gegründete Kunstschule berufen und bezog sein Atelier im Tempelherrenhaus, einem neugotischen Gebäude im Weimarer Park.

Neu erforschte Tagebücher

Im Bauhaus-Jubiläumsjahr widmet das Berner Kunstmuseum Johannes Itten eine von Nina Zimmer und Christoph Wagner kuratierte Ausstellung, die sich auf Ittens Aufenthalte im Ausland von 1913 bis ins Jahr 1938 konzentriert. Damals wurde er von den Nazis in der Ausstellung «Entartete Kunst» diffamiert und als Leiter der Textilschule in Krefeld entlassen.

Insbesondere die von Itten seit 1913 angefertigten Skizzen- und Tagebücher wurden neu erforscht; so werden vom «Krefelder Tagebuch» 274 der insgesamt 300 Seiten im grossen Saal des Museums auf einer Länge von etwa 40 Metern aufgehängt: Das Ergebnis ist eine faszinierende Visualisierung von Denkvorgängen zwischen Abstraktion, Collage und figürlicher Darstellung.

Johannes Itten: Gesamtkomposition des Velum (blau-weiss-beige-rot), 1938. Privatbesitz © 2019, ProLitteris, Zürich © 2019

Hier kann man eintauchen in die Gedankenwelt der Lebensreformbewegung, die auf anthroposophischen und theosophischen Vorstellungen beruht und vegetarische Ernährung, Atmungstechniken und rhythmische Gymnastik lehrte . Diese Einflüsse schlugen sich auch im ganzheitlich ausgerichteten Unterricht am Bauhaus nieder. Das Kunstmuseum Bern kann hier aus dem Vollen schöpfen, ist doch seit 1992 die Johannes-Itten-Stiftung mit über 100 Werken und den Tagebüchern im Haus untergebracht.

Bauhaus-Meister und Pädagoge

Nina Zimmer, Direktorin von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee, würdigt Itten bei der Pressekonferenz als «eine der zentralen Figuren der klassischen Moderne, ein Bauhaus-Meister, eine bedeutende Persönlichkeit der Schweizer Kunstszene und nicht zuletzt auch ein begnadeter Pädagoge, der die Kunstvermittlung grundlegend geprägt und verändert hat».

Neben Zimmer zeichnet der Itten-Spezialist Christoph Wagner, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Regensburg, für die Ausstellung verantwortlich. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Aufarbeitung der esoterisch gefärbten Utopievorstellungen in den Gründungsjahren des Bauhauses.

Johannes Itten: Selbstbildnis, 1928, Privatbesitz © 2019, ProLitteris, Zürich

Itten war in den 1920er-Jahren stark beeinflusst von der Mazdaznan-Lehre. Diese Mischreligion basiert auf zarathustrischen, christlichen und hinduistisch-tantrischen Elementen. Für Johannes Itten konnte nach der Zivilisationskatastrophe des Ersten Weltkriegs nur eine Verbindung von westlicher und fernöstlicher Spiritualität die Menschheit wieder auf einen lebendig-friedvollen Weg bringen.

Itten stellte, beeinflusst von der Mazdaznan-Lehre, auch Überlegungen zur «Rasse der Zukunft» an, wie das auch die Nationalsozialisten taten. Er war aber sehr widersprüchlich: Während er die «weisse Rasse» als die kulturell überlegene bezeichnete, hegte er grossen Respekt vor afrikanischer Kunst und ihren rhythmischen Elementen. Die Avantgarde der Zwischenkriegszeit stellt sich in der Person Ittens als komplexes Amalgam aus progressiven Ideen und regressiven Sehnsüchten dar.

Die Ausstellung läuft bis 2. Februar 2020. Das Kunstmuseum Thun zeigt 2020 eine Ausstellung zu Ittens Frühwerk.

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