Heisse Big Mama

Die Wüste, die Namibia seinen Namen gibt, ist eine der extremsten der Welt. Trotz grosser Hitze findet man einzigartige Tiere und Pflanzen.

Der wortwörtliche Höhepunkt besteht aus den weltbekannten roten Dünen von Sossusvlei: Beim Heruntertollen kann man nicht anders als jauchzen. Foto: Getty Images

Der wortwörtliche Höhepunkt besteht aus den weltbekannten roten Dünen von Sossusvlei: Beim Heruntertollen kann man nicht anders als jauchzen. Foto: Getty Images

Anke Fossgreen@Tamedia

Der Mond linst durch eine Ritze im Vorhang. Er war es aber nicht, der den Schlaf gestört hat. Da ist es wieder: ein Knirschen. Es kommt vom Weg, vor dem etwas abseits stehenden Bungalow der Kulala Desert Lodge. Raus aus dem Bett, das mit einem ausschweifenden Moskitonetz umgeben an das Schlafgemach einer Märchenprinzessin erinnert. Wie passend, denn direkt vor der Holzterrasse stolzieren magisch schimmernde Wesen über den Schotter. Einhörner?

Auch bei Sonnenschein am nächsten Tag sehen die nächtlichen Besucher mit ihrem eleganten hellbraunen Fell und dem schwarz-weiss gestreiften Kopf zauberhaft aus. Es sind Oryxantilopen, die mit wenig Wasser auskommen und im Schädel eine aussergewöhnliche Luftkühlung nutzen, sodass sie perfekt an Hitze und Trockenheit angepasst sind. Kein Wunder, dass sie zum Nationaltier Namibias erkoren wurden. Sie gelten als anspruchslos und zäh. Tatsächlich könnten Oryxantilopen gemeint gewesen sein, als in historischen Quellen Einhörner mit paarigen Hufen beschrieben wurden.

Allerdings tragen sie in der Realität zwei stattliche Hörner. Eine Fahrstunde ausserhalb von der Lodge gehen gerade zwei Böcke damit aufeinander los. Die Besuchergruppe beobachtet den Kampf aus sicherer Entfernung. Dass dabei auch mal ein Horn abbrechen kann, sei nicht ungewöhnlich, erklärt Matheus.

Versammlung im Etosha-Nationalpark – Wasser ist rar. Foto: Getty Images/EyeEm

Der Guide verrät den Touristen die Geheimnisse der Wüste, und zwar nicht irgendeiner Wüste, sondern der Namib. Das Wort aus der Sprache der Damara bedeutet «leerer Platz». Leer ist es hier schon seit mindestens 55 Millionen Jahren. Die Namensgeberin für Namibia ist nicht nur die älteste Wüste der Welt, sondern auch eine der extremsten. Und ein Touristen­magnet.

Über 1,5 Millionen Gäste besuchen Namibia pro Jahr, Tendenz steigend. Etwa 20 Prozent der Besucher kommen aus Europa. Namibia fördert den Ökotourismus und bindet die lokale Bevölkerung mit ein. Seit 1990 – nach der Unabhängigkeit von den südafrikanischen Besatzern – hat Namibia eine eigene Verfassung. Darin verankert ist auch der Naturschutz.

Der Namib-Naukluft-Park ist der grösste Nationalpark Afrikas und umfasst eine Fläche von 49768 Quadratkilometern, die gesamte Schweiz hätte darin Platz. Ausflüge finden hier – zumindest in den europäischen Wintermonaten – nur am frühen Morgen und am Abend statt. Nachmittags halten sich die Gäste der Lodge an erfrischenden Getränken fest, plumpsen regelmässig in den überraschend kühlen Pool und schauen alle Stunde mal aufs Thermometer, um ein Beweisfoto an die frierenden Verwandten auf der Nordhalbkugel zu schicken. Der Rekord an diesem Novembernachmittag: 47,8 Grad Celsius – im Schatten.

Kindergarten mit 50 jungen Straussen

Am Abend hält Matheus geduldig den Jeep an, als der erste Besucher aufgeregt auf einen weit entfernten Strauss deutet. Die Touristen werden später noch mehr von ihnen beobachten. Wer Glück hat, sieht gar einen Straussenkindergarten – zum Beispiel gut 700 Kilometer nördlich im Gebiet des Huab-Flusses. Das von Juni bis Januar trockene Flussbett durchstreifen auch Elefanten, die an die Wüste angepasst sind. Der dortige Führer Immanuel schreckt mit dem Jeep mehr als 50 junge Strausse auf. Die Küken – halb so gross wie die ausgewachsenen Laufvögel und mit sandbraunem Gefieder – rennen ins gelbe Savannengras. Dort sind sie bestens getarnt, und die prächtigen Elternvögel beschützen sie. Und klar, Elefanten hat Immanuel auch gefunden. Die lassen sich von den Besuchern im Jeep jedoch nicht stören.

Zurück zur Abendtour im Namib-Naukluft-Park. Matheus erklärt, wie sich Pflanzen und Tiere an die unwirtliche Gegend angepasst haben und auch Menschen. Noch heute streifen San, die traditionell als Jäger und Sammler leben, wie seit Jahrtausenden durch diese Region – allerdings nur noch vereinzelt. Sie versorgen sich mit Nara-Melonen, die Wasser speichern, oder nutzen die Blätter des Stinkbusches als Moskitoschutz.

Schlangen im Baum

Während die Gäste die Besonderheiten der Wüstenpflanzen von Matheus lernen, erkennen sie auch ohne Hinweis sofort das imposante Gemeinschaftsnest von Webervögeln. Es hängt an einem Kameldornbaum wie eine Gewitter­wolke. Matheus warnt die ungeduldigen Fotografen, sich nicht darunterzustellen. Er prüft erst mit einem Stock, ob sich in dem kunstvoll aus Gras geflochtenen «Guest House» für 80 Vögel Kapkobras verbergen. Die Giftnattern, die Menschen töten können, lauern dort den Spatzen-ähnlichen Siedelwebern auf.

Matheus ist nicht nur ein wandelndes Lexikon und spricht sieben Landessprachen, er versorgt zum Sonnenuntergang seine Gäste auch mit belebenden Getränken auf einer felsigen Anhöhe. Die letzten Strahlen giessen feurig-lodernde Farben über die karge Landschaft.

Am nächsten Morgen – auf dem Weg zu den Dünen von Sossusvlei – erzählt Matheus, wie er als 23-Jähriger in seiner Hütte von einer Kapkobra gebissen wurde, daher die Narbe am rechten Handgelenk. Die Giftschlange fiel nachts von der Decke in sein Bett. Die Grossmutter, eine Heilerin, rettete ihm das Leben. Sie habe ihm die Wunde aufgeschnitten und ihm gegen die Schmerzen und die Übelkeit Kräuter verabreicht. «Wie oft seid ihr schon von Schlangen gebissen worden?», fragt er in die Runde und scheint verblüfft über die gleichlautenden Antw­orten: «Noch nie.»

Sternförmige Dünen ­zum Erklimmen

Die weltbekannten roten Dünen von Sossusvlei im Nationalpark sind wortwörtlich der Höhepunkt in der Namib-Wüste. Sie gehören mit bis zu 300 Metern zu den höchsten Sanddünen der Welt. Seit sechs Jahren gilt das «Namib-Sandmeer» mit den von Winden aus wechselnden Richtungen sternförmig geformten Dünen und den endemischen Pflanzen und Tieren als Welterbe der Unesco. Einzigartig ist, wie die Küstenwüste vom Nebel, der vom Meer her wabert, beeinflusst wird.

Auch an diesem Morgen haben sich Wüstenbewohner am Tau gelabt. Wir besteigen «Big Mama», eine der vier Sanddünen, welche Touristen erkunden dürfen. Toll wäre, barfuss hoch- – und vor allem hinunterzulaufen.

Doch Matheus hatte zuvor an der Flanke des Sandbergs die «Desert Newspaper» gezeigt. «Wüstenzeitung» nennen die Einheimischen die hübschen Muster, an denen sie ablesen können, ob Käfer, Geckos oder Schlangen und Skorpione sie auf dem Sand hinterlassen haben.

Der sandige Aufstieg lohnt sich auch in Turnschuhen. Der Blick auf die orange-roten Formationen lässt einen überwältigt verstummen. Nur das Geräusch des ­Windes und der rieselnden Sandkörner durchdringt die Stille. Ein magischer Moment – bis zum ­Heruntertollen, bei dem man ­einfach mal juchzen muss. Nach wenigen Stunden wird der Wind die ­Spuren weggeblasen und die ­Kante der Düne wieder scharf gezogen ­haben.

Die Reise wurde unterstützt von Wilderness Safaris und Private Safaris

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