In der Kunst macht man besser nicht den Doktor

Wie Miles Davis spontan sein Meisterwerk «Kind of Blue» schuf.

Ist «Kind of Blue» denn nicht Psychonautik pur? Miles Davis, 1958.

Ist «Kind of Blue» denn nicht Psychonautik pur? Miles Davis, 1958.

(Bild: Getty Images)

Kunst komme von Können, heisst es. Käme sie von Wollen, hiesse sie nicht Kunst, sondern Wulst. Freilich sah dies der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer, gestorben 1860, einst anders – der «Wille», verstanden als elementarer vorrationaler Urstrom, als das Unbewusste vor allem Technischen und vor allem Bewussten stand für ihn am Anfang grosser Kunst.

Ohne Frage hätte ein im 20. Jahrhundert lebender (und vielleicht Jazz liebender) Arthur Schopenhauer Miles Davis’ Album «Kind of Blue» von 1959 ebenfalls als ein Jahrhundertalbum angesehen. Ist «Kind of Blue» denn nicht Psychonautik pur? Horchen hier nicht Musiker in sich hinein und finden den «Willen»?

Dass es so ist, merkt man, wenn man «Kind of Blue» mit einem anderen wichtigen Jazzalbum jener Tage kontrastiert: Auf «Giant Steps», ebenfalls 1959 aufgenommen, jagt Tenorsaxofonist John Coltrane (pikanterweise spielt er auf «Kind of Blue» ebenfalls mit als Sideman) im Furioso durch rasant wechselnde und theoretisch ertüftelte Akkorde. Coltrane übte monatelang über den Akkorden vor der Plattenaufnahme, als wolle er den Doktor machen – und er klingt dennoch am Ende etüdenhaft und akademisch.

Das Singen des Urstroms

Wie anders ist da «Kind of Blue» in seiner hypnotischen Qualität! Die Musiker bekamen bei der Platteneinspielung in dreifacher Hinsicht Bedingungen, die sie Kontakt aufbauen liessen zu ihrem Innersten, Verstecktesten, Reichsten, Menschlichsten. Miles Davis brachte erstens ins Studio keine fein gehäkelten Partituren mit – sondern nur Skizzen: Miles glaubte nicht daran, dass sich das Magische in der Präjudizierung durch die Schriftlichkeit ereignet, im Gegenteil, er sah das Magische durch das Schriftzeichen gefährdet. Zweitens wurden vier der fünf Stücke auf «Kind of Blue» integral nur ein einziges Mal eingespielt. Das ist die berühmte «First Take»-Philosophie des Jazz: Das Singen des Urstroms artikuliert sich im ersten Versuch am frischesten und am unmittelbarsten. Drittens setzte Miles Davis auf ganz einfache Vorlagen: «So What» spielt nur auf zwei Akkorden; der «All Blues» und «Freddie Freeloader» sind Bluesformen. Der Blues ist ja seit dem beginnenden 20. Jahrhundert zum wichtigsten Form-Vehikel afroamerikanischer Musik geworden – warum? Weil nirgends der Raum für die Selbstbefragung und -befreiung eines Musikers so gross ist wie in ihm.

Das alles heisst bei «Kind of Blue» nun nicht, dass die beteiligten sieben Instrumentalisten nicht alle auch grosse Wissende und grosse Arbeiter gewesen wären. Der Philosoph Stephen Nachmanovitch («Free Play») hat gesagt, um im erfüllten Moment magisch zu spielen, müsse ein Improvisator über viele Jahrzehnte üben, ein Improvisator brauche die Geduld von mittelalterlichen Bauleuten, die an einer Kathedrale bauten.

Und doch: Es geht dann darum, im entscheidenden Moment alles zu vergessen – und ins eigene Innere (und auf die Bandkollegen) zu hören. Kurz, in der Kunst soll man durchaus den Doktor machen. Aber nur vorher.

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