Thomas-Cook-Pleite: Jetzt drohen höhere Preise

Die Konkurrenz könnte zumindest kurzfristig die Tarife erhöhen. Lange aber nicht: Denn der Preiskampf bei den Pauschalreisen ist gross.

600'000 Reisende betroffen: Thomas-Cook-Kunden stehen am Flughafen Heraklion in Kreta Schlange.

600'000 Reisende betroffen: Thomas-Cook-Kunden stehen am Flughafen Heraklion in Kreta Schlange.

(Bild: Reuters Stefanos Rapanis)

Jorgos Brouzos@jorgosbrouzos
Karin Kofler@sonntagszeitung

Am späteren Sonntagabend wurde klar: Die «Operation Matterhorn» war nicht mehr abzuwenden. So lautete der Name der Riesen-Rückholaktion, welche die britische Regierung im Fall einer Pleite des Reisekonzerns Thomas Cook vorbereitet hatte. Jets von anderen Airlines – etwa British Airways, Easyjet oder Malaysia Airlines – machten sich auf, die gestrandeten Kunden heimzubringen. Es ist die grösste Aktion dieser Art in Friedenszeiten in der Geschichte des Landes.

600'000 Touristen sollen von der Pleite des britischen Reiseanbieters Thomas Cook betroffen sein. Das Unternehmen hat schon lange mit wirtschaftlichen Problemen gekämpft, nun steht die Firma vor dem Aus. Peter Fankhauser, der Schweizer Chef des Reiseriesen, teilte heute Morgen mit, dass trotz grosser Anstrengungen über mehrere Monate und weiterer intensiver Verhandlungen in den vergangenen Tagen «kein Deal abgeschlossen werden konnte, um unser Unternehmen zu retten». 22'000 Arbeitsplätze bei Thomas Cook stehen nun auf dem Spiel, 9000 davon in Grossbritannien.

Reisen nicht mehr sicher

Auch davon betroffen sind die in der Schweiz tätigen Tochterfirmen von Thomas Cook. «Wir loten derzeit letzte Optionen aus», heisst es auch auf der Internetseitevon Neckermann Reisen. Sollten diese scheitern, sieht sich das Unternehmen gezwungen, auch für weitere Gesellschaften einen Insolvenzantrag zu stellen. Die Durchführung von Reisen mit Abreisedatum 23. und 24. September könne nicht gewährleistet werden. Jeglicher Verkauf von Reisen sei derzeit gestoppt.

Beim Schweizer Touristikunternehmen DER Touristik seien deutlich unter 500 Passagiere von der Pleite bei Thomas Cook betroffen, so Firmenchef Dieter Zümpel. Die Kunden seien derzeit unterwegs oder hätten eine Buchung. Man sei dran, sich um sie zu kümmern oder umzubuchen, so Zümpel. Dabei habe man bereits eine gewisse Routine.

Thomas Cook kämpfte seit Jahren mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Der britische Markt gilt laut Experten als besonders hart umkämpft und ist für die Anbieter teuer. Denn jede Pauschalreise ins Ausland ist mit einem Flug verbunden. Die Reiseunternehmen wollen die Gäste mit möglichst günstigen Preisen anlocken und dafür die wirtschaftlichste Kombination aus eigenen Fluglinien und Resorts zusammenstellen. Thomas Cook leistete sich zudem ein grosses Vertriebsnetz mit eigenen Agenturen.

Das verlangt hohe Investitionen und drückt auf die Margen. Bei schlechten Buchungszahlen kann ein Reiseanbieter daher schnell in die roten Zahlen rutschen. Zudem schleppten die Briten seit Jahren einen riesigen Schuldenberg mit sich herum. Schon 2011 wäre der Konzern nämlich fast pleitegegangen. Er wurde von Geldgebern gerettet und musste seither 1,6 Milliarden an Schulden abzahlen – ein Viertel der Einnahmen jeder verkauften Reise ging dafür drauf. Das schwächt gegenüber äusseren Schocks zusätzlich.

Ende des Pauschaltourismus?

Und davon gibt es einige. Brexit, ein heisser Sommer in Europa und ein schwaches Pfund drückten auf die Buchungszahlen. Kommen dann noch politische Risiken in den Reiseregionen hinzu, wird es für die Anbieter eng. Laut Tourismus-Professor Christian Laesser führen diese kurzfristig bei gleichbleibenden Kapazitäten zur Abnahme der Nachfrage und damit zu Preisnachlässen, die auf die Marge der Anbieter drücken. Hat ein Reiseunternehmen viele solche Destinationen im Portfolio, kann es Probleme erhalten. Denn die Hotelkapazitäten wurden möglicherweise teurer eingekauft, als sie nun verkauft werden können.

Eine grundsätzliche Abkehr vom Pauschaltourismus erwartet Laesser nicht, so sei etwa die Nachfrage nach Strandferien immer noch gross. «Anbieter von Pauschalreisen haben weiterhin einen Markt, da sie mit grossen Kontingenten und damit günstigen Preiskonditionen operieren können», so Laesser, der an der Universität St. Gallen Tourismus und Dienstleistungsmanagement lehrt. Und: «Der Verlust dieses Unternehmens wird von anderen Tour Operators sicher verdaut werden», so Laesser.

Das Reisevolumen wird also von anderen Anbietern geschluckt. Da es keine Überkapazitäten im Markt gebe, könnten die anderen Reiseunternehmen die Preise kurzfristig erhöhen, so Laesser. Dies aber nur bis sich der Markt wieder eingependelt habe.

Passagiere sind geschützt

Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands, glaubt kaum, dass die Preise nun steigen: «Bei den Pauschalreisen ist die Konkurrenz gross genug, dass die Preise nicht steigen dürften.» Bei den Airlines sei der Zusammenhang einfacher. Dort würden die Tarife steigen, sobald eine Airline an einer Destination das Monopol habe. Die Auswirkungen der Pleite von Thomas Cook auf die Reisebranche seien für Kunz noch schwer abzuschätzen. Dies auch, weil einzelne Teile von Thomas Cook verkauft werden und weiterbestehen könnten. Immerhin zeige sich bei einem Konkurs ein Vorteil des Buchens übers Reisebüro. Hier kann der Reisende seine Ansprüche über die Kundengeldabsicherung geltend machen. Dies im Gegensatz zu Buchungen, die direkt bei verschiedenen Leistungsträgern wie beispielsweise den Fluggesellschaften und Hotels getätigt werden.

Schweizer Reisende können sich aber nicht an den Garantiefonds der Schweizer Reisebranche richten. «Der Garantiefonds hat keinen Vertrag mit Thomas Cook, auch nicht mit der Schweizer Gesellschaft», so Geschäftsführer Stefan Spiess. Der hiesige Garantiefonds geht davon aus, dass für die von Schweizern bei Thomas Cook gebuchten Reisen die Pauschalreisedeckung der Zurich Versicherung in Frankfurt gedeckt sind.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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