«Nahrung ist sozialer Kitt»

David Höner ist Gründer von Cuisine sans frontières, die in Krisengebieten mit Restaurants Frieden stiftet. Seine Erlebnisse hat er in «Kochen ist Politik» niedergeschrieben.

Zu Tisch verbinden sich Kulturen: David Höner (r.) im Gespräch mit einem Pokot aus Orwa, Kenia. Foto: Casper Hedberg

Zu Tisch verbinden sich Kulturen: David Höner (r.) im Gespräch mit einem Pokot aus Orwa, Kenia. Foto: Casper Hedberg

Daniel Böniger@tagesanzeiger

David Höner, reagieren Sie empfindlich, wenn man Sie einen Idealisten nennt?
Überhaupt nicht. Man kann mich auch Träumer oder Utopist schimpfen. Und ich gebe mir dann ganz viel Mühe, dies zu erfüllen. Für mich sind meine Ideale wie eine Karotte, die ich mir selber vor die Nase gehängt habe. Bedauerlich, wenn solches jemandem fehlt.

Sie wollen mit gemeinsamen Mahlzeiten die Welt verbessern.
Ja. Für mich ist Nahrung ein «sozialer Kitt». Darum versuchen wir von Cuisine sans frontières (Csf), in Krisengebieten Gaststätten einzurichten, damit verfeindete Parteien gemeinsam an einen Tisch sitzen. Eine klassische Beiz ist für ein solches Unterfangen der beste Ort; dort verlieben und trennen wir uns; wir kegeln dort und speisen zusammen nach Taufen und Beerdigungen. Dass es in der Beiz um mehr geht als nur um Nahrungsaufnahme, spürt man auch in Afrika oder in Lateinamerika.

In Ihrem Buch kann man nachlesen, dass Csf nicht allerorts gleich erfolgreich war. Wieso konzentrieren Sie sich nicht auf einen einzigen Standort?
Diese Frage hat mich und meine Mitstreiter immer wieder beschäftigt. Wir waren aber stets der Meinung, dass unsere Projekte auch uns selber Spass machen und unsere Neugier auf Neues befriedigen dürfen. Das war und ist ein wichtiger Motor für die Sache. Zugegeben, unsere Idee, sich nach jeweils drei Jahren von den Standorten zurückzuziehen und die Projekte den Einheimischen zu überlassen – das hat nicht überall funktioniert.

Ein zentraler Begriff im Buch ist das «Potenzial der Empathie». Was ist das?
Wenn ich als Nachbar an Ihrer Tür klingle und frage, ob ich ein Kilo Mehl ausleihen darf, um einen Zopf zu backen, dann sagen Sie nicht: Klar, aber am Montag hätte ich dafür gerne zwei Kilo Mehl zurück. Grundsätzlich sind wir empathisch, das ist ganz normales soziales Verhalten. Und dies kann positiv genutzt werden. Konträr dazu ist jedoch, wie wir uns im wirtschaftlichen Austausch verhalten …

Darum stelle ich mir Ihre Tätigkeit eher frustrierend vor.
Klar frustriert es mich nach mehr als 25 Jahren Entwicklungsdienst, wenn grosse Hilfswerke sich nur darum in Südamerika einsetzen, weil die kapitalistische Lebens- und Denkart den Menschen dort nähergebracht werden soll, damit jeder eingesetzte Franken anderthalbfach zurückkommt.

 «Ein Staat wird in aller Regel nicht ohne Absichten tätig – und darum braucht es kleine Hilfsorganisationen»

Ist Entwicklungszusammenarbeit so eigennützig?
Ich habe das immer wieder so erlebt. Ein Staat wird in aller Regel nicht ohne Absichten tätig – und darum braucht es kleine Hilfsorganisationen wie Csf und andere, die nur aus besagtem Potenzial der Empathie handeln. Nicht zu vergessen sind auch christliche Hilfswerke wie Terre des Hommes oder Brot für die Welt, die ganz konkrete humanitäre Überlebenshilfe leisten.

Erlauben Sie den Einwand: Auch Csf unterstützt Hotelprojekte und bindet damit indigene Bevölkerung an den Weltmarkt an.
So einfach ist der Sachverhalt nicht. Nehmen wir den oberen Amazonas, wo ich mich aktuell engagiere. Es ist ja nicht so, dass die Indigenen dort nichts von uns wissen. Ich kenne mehrere Menschen dort, die sind nach wie vor Sammler und Jäger, aber sie gehen auch in die nahe Stadt Coca ins Internetcafé, um ihren Facebook-Account einzusehen. Kurzum: Der Schaden ist bereits angerichtet …

Hat man denn eine Chance gegen die Kraftstoffhändler und Kriegstreiber?
Längerfristig schon, davon bin ich bis heute überzeugt. Ich ärgere mich zwar, wenn ich mit einer uralten Klapperkiste den Napo entlangfahre und ein «Petrolero» vom hiesigen Ölunternehmen mit dem neuesten Toyota-SUV an mir vorbeirauscht. Aber – und das ist eben simpel – mich mögen sie dort. Ihn nicht.

David Höner: Kochen ist Politik – Warum ich in den Dschungel gehen musste, um Rezepte für den Frieden zu finden. Westend, Frankfurt a. Main 2019. 256 S., ca. 35 Fr. Am Sonntag, 13. Oktober, finden im Kosmos Zürich um 12.30 Uhr die Buchvernissage und ein Podiumsgespräch statt. Teilnehmen werden u.a. Christine Plüss, Jennifer Anthamatten und Peter Niggli. Freier Eintritt.

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