Schade um den Ameisenbären

Lukas Bärfuss veröffentlicht Erzählungen aus zwanzig Jahren. Darin geht es immer wieder um das Scheitern beim Erzählen.

Lukas Bärfuss kann erzählen, misstraut aber diesem Können. Foto: Dominique Meienberg

Lukas Bärfuss kann erzählen, misstraut aber diesem Können. Foto: Dominique Meienberg

Martin Ebel@tagesanzeiger

Am 2. November wird Lukas Bärfuss in Darmstadt der Georg-Büchner-Preis überreicht. Da muss ein aktuelles Buch her, dachte sich der Wallstein-Verlag und bringt am heutigen Montag, in der Herbstvorschau noch nicht angekündigt, einen Band mit Erzählungen heraus. «Malinois» heisst er, nach einem belgischen Schäferhund, der in der zwölften von dreizehn Geschichten eine unglückliche Rolle spielt: Er wird von einem Lieferwagen angefahren.

Dieser Lieferwagen, erfahren wir, existiert aber nur in der Imagination des Erzählers (ja, wo sonst? Aber Bärfuss macht dies eben, fiktionsdestruierend, zum Thema), ebenso wie der Fahrer des Wagens, ein Mann, der alte Möbel aufkauft, sowie eine Gelegenheitsgeliebte, weiter der Ehemann dieser Geliebten, der genannte Hund und schliesslich eine Pistole mit einer einzigen Kugel.

Wen wird sie treffen? Mit dieser Frage entlässt uns der Autor, der sich zu Anfang selbst eingeführt hatte als Mann in den besten Jahren, mit einiger Lebenserfahrung und nicht unzufrieden mit sich selbst. Nur mit seinem Erinnerungsvermögen hadert er, es verfüge nur über eine Ansammlung von Bildern ohne Zusammenhang und Dramaturgie, aus der sich keine Erzählung formen will. So baut er sich stattdessen eine aus Bildern, die ihm seine Fantasie liefert.

Aus Zürich in den Urwald

«Malinois» praktiziert dieselbe Methode, mit der Bärfuss’ letzter Roman «Hagard», nun ja, gescheitert war: eine Geschichte erzählen und zugleich vom Erzählen erzählen und vom Scheitern dieses Erzählens. In «Malinois» setzt sich das vorantreibende narrative Moment der Erfindung immerhin gegen das lähmende des Reflektierens und Zweifelns durch.

Solche Momente finden sich auch an anderen Stellen, am schönsten in «Ernesto», wo wir von der Zürcher Bahnhofhalle plötzlich in den südamerikanischen Urwald versetzt werden und mit der Titelfigur einem Ameisenbären hinterherstolpern, fast bis zur «Auflösung seines Körpers in der monumentalen Gleichgültigkeit der Natur».

Mehr davon!, möchte man rufen. Aber es ist nur eine kleine Episode, eingebettet in die Reminiszenz eines Auftritts von Bärfuss im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens, als er Roberto Bolanos Monumentalroman «2666» vorstellte, aber, nach Meinung jenes Ernesto, das Wesentliche des Werks übersah. Gern wäre man statt diverser literaturhistorischer Geistreicheleien dem Ameisenbären weiter gefolgt.

Die Reste eines Gesellschaftsromans

Denn Bärfuss kann erzählen, aber er misstraut diesem Können. Er will keine Illusionsmaschine bedienen. Er will auch nicht «schön» schreiben. So traktiert er die Leser phasenweise geradezu antistilistisch mit Kaskaden von Kurzsätzen, die alle mit «Ich» oder «Er» anfangen, reitet so die rhetorische Figur der Anapher zu Tode und bricht manches Stück einfach unwirsch ab, als habe er die Lust verloren.

Der neue Band versammelt Texte aus zwanzig Jahren, erfahren wir im Nachwort, die hier und da erschienen sind oder auch bisher gar nicht. Bei einer handelt es sich um die Reste eines umfangreichen Gesellschaftsromans, den der Autor auf sechs Seiten zusammengekürzt hat; Seiten, in denen auch «Verzweiflung» enthalten ist, nämlich «die wachsende und schmerzhafte Erkenntnis, dass es für einen voluminösen Gesellschaftsroman vorderhand keine Notwendigkeit gibt». Aus den Bröseln, die Bärfuss uns übrig gelassen hat, lässt sich leider nicht schliessen, wie das ursprüngliche Brot gewesen sein kann.

So bleibt von «Malinois» ein gemischter Eindruck. Im Ganzen sind diese Texte nicht geeignet, den Ruhm des Büchnerpreisträgers zu mehren. Manche leisten ihm gar, wenn der Kalauer erlaubt ist, einen Ameisenbärendienst.

Lukas Bärfuss: Malinois. Erzählungen. Wallstein, Göttingen 2019. 128 S., ca. 26 Fr.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt