Was ist schon real?

Die Serie «Undone» wurde mit echten Schauspielern gedreht und dann Bild für Bild in Zeichentrick übersetzt. Ein aussergewöhnliches TV-Erlebnis.

«Undone» wurde mit echten Schauspielern gedreht und dann mit dem sogenannten Rotoskopie-Verfahren übersetzt.

Alma wacht auf. Sie duscht, putzt Zähne, zieht sich an – wie jeden Tag. Sie frühstückt das Gleiche wie jeden Tag und fährt denselben Weg zur Arbeit wie jeden Tag. Im Supermarkt überlegt sie, ob sie lieber die Bohnen mit dem blau-gelben Etikett kaufen soll oder doch die mit dem rot-gelben. Als ihr aus dem Nichts ihr verstorbener Vater erscheint, baut sie einen Autounfall. Alma verliert den Verstand. Oder etwa doch nicht?

Almas Vater, zu Lebzeiten Professor für theoretische Physik, erscheint der Tochter nun regelmässig. Er redet auf sie ein, spricht von seiner Forschung an Zeitreisen, davon, dass er ermordet wurde, und davon, dass sie ihm helfen müsse, die Tat in der Vergangenheit zu verhindern. Ausserdem trainiert er sie darin, in der Zeit zu springen: Eben lagen die Schlüssel noch auf dem Tisch, im nächsten Moment sind sie weg. Plötzlich ist der Tag ein anderer, nur durch Vorstellungskraft. Eine beeindruckende Fähigkeit – mit erwartbaren Nebenwirkungen: Almas soziales Leben leidet zunehmend, sie kann sich nur schwer in der Realität halten. Andererseits: Was ist schon die Realität? Die Grenzen zwischen den Dimensionen verschwimmen schliesslich immer mehr, und damit muss Alma sich auch immer häufiger fragen, ob sie sich alles doch nur einbildet.

«Undone» spielt in einer anderen Welt

Was zunächst etwas gewollt klingt, ist vor allem bildtechnisch aussergewöhnlich. «Undone» wurde mit echten Schauspielern gedreht und dann mit dem sogenannten Rotoskopie-Verfahren Bild für Bild in Zeichentrick übersetzt. Der Regisseur und Künstler Hisko Hulsing erzählt feinfühlig und in einem sepia-stichigen Graphic-Novel-Stil, wie Alma (Rosa Salazar) ihren Job, ihr Liebesleben und ihre Beziehung zu Mutter und Schwester riskiert, um ihren Vater zu retten. Dass die Amazon-Serie trotz der dramatischen Geschichte auch einen sehr manierlichen Humor hat, liegt auch an den Machern Katy Purdy und Raphael Bob-Waksberg, die schon die Köpfe hinter der schwarzhumorigen Animationsserie «BoJack Horseman» waren. Zur Verlobungsfeier ihrer Schwester malt Alma sich etwa einen Schnurrbart auf. Ihre Mutter hatte sich da beschwert, sie könne sich ruhig mal etwas schminken.

Hulsings Ästhetik und die ambitionierten Fragen (Wo soll das Leben hinführen? Gibt es noch etwas Grösseres, etwas Unbekanntes in dieser Welt? Was ist überhaupt Zeit, was ist Raum?) erzeugen einen sehr eigenen Sog: Alles scheint möglich, wirkt gleichzeitig surreal und – trotz Zeichentrickoptik und Science-Fiction-Story – doch immer auch echt. Das ist manchmal unbehaglich, manchmal reizvoll und immer spannend, was auch an der Eindringlichkeit von Bob Odenkirk als Jacob liegt. Dessen Qualitäten als Almas Vater mögen zweifelhaft sein, als Wissenschaftler aber strahlt er eine Autorität aus, die einen trotz aller Warnzeichen daran glauben lässt, dass man dieses Abenteuer schon irgendwie mit ihm durchstehen wird.

«Undone» ist auf Amazon zu streamen.

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