Weil ein Kennedy ein Kennedy bleibt

Der 38-jährige Joe Kennedy ist ein Abkömmling des weltberühmten Clans. Nun will er Senator werden.

Roter Haarschopf, markantes Kinn, strahlendes Lachen: Joe Kennedy kann mit Charisma gegen seinen 73-jährigen Kontrahenten punkten. Foto: AP

Roter Haarschopf, markantes Kinn, strahlendes Lachen: Joe Kennedy kann mit Charisma gegen seinen 73-jährigen Kontrahenten punkten. Foto: AP

Alan Cassidy@A_Cassidy

Der Verweis auf die Familiengeschichte kam – natürlich – gleich zu Beginn. Als Joe Kennedy vor ein paar Tagen ankündigte, für einen Sitz im US-Senat zu kandidieren, tat er dies in einer Sozialeinrichtung in East Boston. Das ist jener Stadtteil, in dem die ersten Kennedys nach der Überfahrt aus Irland im 19. Jahrhundert ihre neue Heimat fanden.

Schon immer lebten in East Boston Einwanderer, früher Iren und Italiener, heute vor allem Lateinamerikaner. «Die Leute hier stehen schon seit einer sehr langen Zeit hinter meiner Familie, in guten wie in schlechten Zeiten», sagte Kennedy an der Seite seiner Frau und der beiden Kinder. Bei einer Wahl in den Senat im nächsten Jahr werde er dieses Vertrauen mit vollem Einsatz zurückzahlen.

Joseph Patrick Kennedy III, wie der Mann mit vollem Namen heisst, ist ein Spross jener Familie, die dem am nächsten kommt, was in anderen Ländern ein Adelsgeschlecht wäre. Seine Grossonkel waren Präsident John F. Kennedy und Edward «Ted» Kennedy, der langjährige Senator von Massachusetts. Sein Grossvater war Robert «Bobby» Kennedy, der in der Regierung seines Bruders Justizminister war. Auch der 38-jährige Joe Kennedy macht schon länger Politik.

Punkten mit dem Charisma

Nach seiner Rückkehr aus Puerto Rico, wo er zwei Jahre als Mitglied des Friedenskorps stationiert war, leitete er 2006 mit seinem Zwillingsbruder den Wahlkampf für Grossonkel Ted. 2012 schaffte er dann für die Demokraten erstmals die Wahl ins Abgeordnetenhaus, wo schon sein Vater zwölf Jahre gesessen hatte. Nun zieht es den Anwalt, der an den Elite-Unis Stanford und Harvard studiert hat, auf die nächste, grössere Bühne.

Leicht wird das nicht. Der Weg in den Senat führt zuerst über eine parteiinterne Vorwahl gegen einen anderen, recht beliebten Demokraten: Ed Markey vertritt den Bundesstaat Massachusetts seit 2013 im Senat. Dort politisiert er – wie auch Kennedy – am linken Flügel der Partei. Trotzdem sind Kennedys Chancen wohl intakt.

Die Unterschiede zwischen beiden Männern sind weniger politischer als persönlicher Natur. Markey ist 73 Jahre alt, wirkt bisweilen etwas zerzaust und klopft bei seinen Auftritten immer wieder die gleichen Sprüche. Dagegen verströmt Kennedy – roter Haarschopf, markantes Kinn, strahlendes Lachen – unbestritten mehr Charisma. Amerika stehe an einem alarmierenden Punkt, der neue Kräfte erfordere, sagte Kennedy bei seiner Ankündigung. «Dies ist nicht die Zeit, um zu warten und um an der Seitenlinie zu sitzen.» Der aktuelle US-Präsident habe das Land gezwungen, in den Spiegel zu schauen. «Wir müssen das kaputte System zerschlagen, das einen wie Trump überhaupt erst an die Macht gebracht hat.»

Ein Abkömmling der grössten Politdynastie des Landes, der das System zerschlagen will? Das mag widersprüchlich klingen. Doch besonders in Massachusetts verbinden viele Leute den Namen Kennedy eben nach wie vor mit tief empfundenen Erinnerungen an vergangene, glanzvolle Zeiten. Beim TV-Sender CBS sagte eine Anhängerin, sie werde dem jungen Anwärter ihre Stimme geben, weil sie ein Fan der «Werte» sei, welche die Familie vertrete: «Ein Kennedy ist ein Kennedy.»

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